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Das schlechte Gewissen hat Hunger

Unsere fleischfressende Pflanze stellte uns vor existenzielle Fragen. Am Ende haben alle verloren.

Unsere neue Zimmerpflanze zu füttern barg ungeahnte Herausforderungen, auch oder vor allem moralische.
Unsere neue Zimmerpflanze zu füttern barg ungeahnte Herausforderungen, auch oder vor allem moralische.
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Plötzlich stand eine fleischfressende Pflanze in unserer Küche. «Hab ich im Supermarkt gekauft», sagte mein Mitbewohner, als wäre es ein Siegel für «ungefährlich». Doch schnell tauchten Fragen auf.

Wie soll die Pflanze heissen? Da sie viele einzelne fransenumrandete Blätter hatte, überlegten wir, ob nicht jedes dieser Mäuler einen eigenen Namen verdient hätte. Oder sollte man die Pflanze gleich mit Nachnamen ansprechen – die Meiers, Kowalskis oder Da Silvas?

Was frisst sie? Fliegen, Insekten. Als wir ihr eine kleine Fruchtfliege in einen ihrer Rachen legten, ging die Blüte sofort wieder auf. Zu klein? Aber da war nichts anderes. Wir überlegten, die Insekten von unterwegs mitzubringen, sollten wir welche finden – bei Freunden, im Tram, im Büro. An einer Geburtstagsparty ergatterte ich drei grosse tote Fliegen. Doch zu Hause schnappte keine der Blüten zu, als wir die Fliegen mit der Pinzette in sie hineinlegten. In unserer Verzweiflung gaben wir ihr ein Stück Poulet. Die Currysauce spülten wir vorher ab. Da schnappte die eine Blüte plötzlich gierig zu. Wenige Tage später: ein brauner Fleck auf ihrer Aussenseite. Sie ging nie wieder auf.

Wir googelten. Die Pflanze möchte nur lebendiges Futter. Würden wir es übers Herz bringen, Tiere zu fangen, um sie bei lebendigem Leibe einer Zimmerpflanze zu verfüttern? Tierquälerei! Aber wenn wirs nicht tun, leidet die Pflanze. Wer darf eher leben und wer bestimmt darüber? Beide Optionen gehen für einen der Beteiligten – Fliege oder Pflanze – schlecht aus. Wir stecken im moralischen Dilemma. Und das alles für nicht mal vier Franken.

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