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«Das Muster lautet: Die Frau soll sich schämen»

Die Bloggerin Morena Diaz wird aufs Übelste beschimpft – weil sie öffentlich über ihre Vergewaltigung spricht. Jolanda Spiess-Hegglin von NetzCourage erklärt, was diese heftigen Reaktionen auslöst.

Body-Positivity-Bloggerin Morena Diaz.
Body-Positivity-Bloggerin Morena Diaz.

Die Body-Positivity-Bloggerin Morena Diaz hat via Instagram verkündet, sie sei vor einem Jahr vergewaltigt worden. Statt Mitgefühl ist eine Welle des Hasses über sie geschwappt. Überrascht Sie das?

Ja, diese Heftigkeit ist auch für mich immer wieder unfassbar, auch wenn ich weiss, dass solche Dinge mit der Multiplizierung in den sozialen Medien ein fast unerträgliches Ausmass annehmen. Man könnte meinen, man sei schlauer geworden seit #MeToo. Aber die Kommentare zeigen, dass das Thema immer noch wahnsinnig triggert.

Wer sind diese Kommentarschreibenden?

In diesem konkreten Fall ist das schwer zu beantworten. Allgemein stammen Wutbürgerkommentare nicht immer, aber meistens von älteren Herren. Von Personen, die immer noch nicht verstanden haben, dass Frauen die gleichen Rechte haben wie Männer. Sie fühlen sich durch Personen wie Morena Diaz aus ihrer Wohlfühlzone gedrängt und reagieren mit Beschimpfungen und Verhöhnungen.

Die Online-Pendlermedien, die unter anderem über Morena Diaz’ Instagram-Post berichtet haben, sprechen aber eher ein jüngeres Publikum an. Die Kommentarschreibenden dort dürften nicht die klassischen älteren Herren sein.

Auch dort tummeln sich die Wut-Rentner. Aber es gibt natürlich auch in der jüngeren Generation Menschen, die finden, Frauen und Männer seien nicht gleichwertig, und die im Zweifel die Frau infrage stellen.

Es gibt auch zahlreiche Kommentarschreiberinnen, die Morena Diaz verhöhnen. Wieso? Immerhin könnten sie als Frau ja genauso eines Tages von einer Vergewaltigung betroffen sein.

Das ist für mich immer noch ein grosses Fragezeichen. Das könnten vielleicht Soziologinnen oder Soziologen beantworten. Ich glaube, es gibt Frauen, die grundsätzlich immer die Männer in Schutz nehmen und bei diesen gut ankommen möchten. Oder die neidisch sind.

Worauf denn neidisch?

Auf die Aufmerksamkeit, die das Opfer bekommt. In der Folge wird eine mögliche Tat relativiert, und es werden Vergleiche gemacht, die nicht angebracht sind.

Viele befremdet, dass Frau Diaz in sozialen Medien über ihre Vergewaltigung gesprochen hat. Ihr wird Effekthascherei vorgeworfen.

Das liegt auch daran, dass sie das klassische Muster durchbricht. Normalerweise läuft es so ab: Man tut einer Frau etwas an oder attackiert sie und geht dann davon aus, dass sie sich zurückzieht. Sie soll sich schämen. Es ist sehr unüblich, dass Frauen über solche Erlebnisse reden. Darum werden jene, die es tun, so heftig angegriffen. Was nicht ins Muster passt, redet man klein, und man überschüttet die Betroffene mit Häme.

Frau Diaz musste sich auch Aussagen wie «Sie sind eine feige Lügnerin» oder «Unglaubhafte Schlampen-Geschichte» anhören. Warum werden Vergewaltigungsopfer immer auch angezweifelt? Hätte sie gesagt, sie sei überfallen oder ausgeraubt worden, wäre das ja kaum infrage gestellt worden.

Vermutlich hängt es auch damit zusammen, dass bei einem Diebstahl egal ist, wer der Täter ist. Bei der Vergewaltigung ist es nun mal in den meisten Fällen ein Mann. Es ist die Urangst von Männern, fälschlicherweise beschuldigt zu werden, obwohl die Zahlen so gering sind, womit diese Angst völlig unbegründet ist. Einer Frau wird grundsätzlich noch immer weniger geglaubt, auch später in der Strafverfolgung. Darum verstehe ich, dass viele eine Vergewaltigung nicht anzeigen. Ganz anders verhält es sich in den Wutbürgerkreisen übrigens, wenn der Vergewaltiger einen Migrationshintergrund hat. Dann wird die Frau nicht angezweifelt, weil das Feindbild Ausländer bestehen bleiben soll. Das nennt man dann Doppelmoral.

Warum haben Sie Verständnis dafür, dass man eine Vergewaltigung nicht anzeigt?

Weil Aussage gegen Aussage steht. Entweder lügt sie oder lügt er, so lautet die fest verankerte Meinung der Gesellschaft. Schwarz oder Weiss, dazwischen gibt es nichts. In unserer Rechtsprechung gilt zudem die Unschuldsvermutung für den Täter, was eigentlich ein gutes Prinzip ist. Für Vergewaltigungsopfer ist es aber beschissen. Vor allem, weil die Unschuldsvermutung für sie nicht gilt. Wird der Täter freigesprochen, gilt gesellschaftlich die Frau als Lügnerin. Die Beweislast wird plötzlich umgedreht. Man muss als Opfer seine Unschuld beweisen, was ja unmöglich ist. Aber man kann grundsätzlich davon ausgehen, dass eine Frau, die vergewaltigt worden ist, nichts falsch gemacht hat.

Vergewaltigung ist in der Regel ein frauenspezifisches Delikt. Fallen die Reaktionen auch deswegen so heftig aus?

Ja. Wenn eine Frau sich äussert und man sie fertigmachen will, kommen schnell Vergewaltigungsandrohungen auf oder herablassende Ausdrücke, die auf ihren Körper gemünzt sind. Deswegen ist der Onlinehass gegenüber Frauen heftiger als gegenüber Männern, bei denen die körperliche Komponente nicht oder weniger mitspielt.

Reizt eine Frau als Opfer auch mehr?

Frauen, die laut sind, die sich nicht als Opfer schämen und zurückziehen wollen, erfahren die heftigsten Reaktionen. Morena Diaz ist auch so jemand. Sie schweigt auch nicht, sie spricht.

Was halten Sie davon, dass sie ihre Vergewaltigung über soziale Medien öffentlich gemacht hat?

Ich finde es absolut wichtig und habe den grössten Respekt davor. Auch wenn sie nicht zur Polizei geht und der Täter nicht verurteilt wird.

Aber wenn man sieht, welche Reaktionen sie einstecken muss, müsste man doch jedem Opfer davon abraten, an die Öffentlichkeit zu gehen, weil mal ein zweites Mal zum Opfer wird.

Ich würde vor allem in der ersten Zeit davon abraten, diesen Weg zu wählen. Anfangs ist man sehr verletzlich und verunsichert und am Boden zerstört. Aber wenn man sich gefangen hat, ist es ein sehr mutiger Weg zurück ins Leben. Es ist meiner Meinung nach auch extrem wichtig, dass man die Beschimpfungen öffentlich macht. Man muss darüber reden, damit sich etwas ändert. Wenn man dieses Victim Blaming liest, bleibt einem wirklich der Atem weg.

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