Das Lärmen der Männer

Viele Männer fühlen sich angegriffen durch den neuen Boom des Feminismus. Dabei haben sie ihm genauso viel zu verdanken wie die Frauen.

Feminismus ist heute Popkultur: Demonstrantinnen am «Women's March» in Zürich (18. März 2017). Foto: Ennio Leanza (Keystone)

Feminismus ist heute Popkultur: Demonstrantinnen am «Women's March» in Zürich (18. März 2017). Foto: Ennio Leanza (Keystone)

Beat Metzler@tagesanzeiger

Was haben Donald Trump und die Feministinnen gemeinsam? Beiden kann man derzeit nicht ausweichen. Fast täglich erscheinen Artikel zur Frauenbewegung («Spiegel»: «Warum Feminismus heute Teil der Popkultur ist»), Modelabels drucken feministische Logos auf 700-Franken-Pullover («Radical Feminist»), Popstars, Schriftstellerinnen und Models reden in Interviews am liebsten über Frauenrechte. Oder sie rätseln, ob der momentane Hype dem Anliegen schade.

Diese Dauerpräsenz passt nicht allen. Unter den jeweiligen Artikeln stauen sich die Kommentare von Männern, die sich über die Einseitigkeit der Berichterstattung beklagen. Auch sie würden benachteiligt. Nur kümmere das niemanden.

Zu den Kritikern gehören nicht nur Patriarchats-Nostalgiker, die darunter leiden, dass man in der Beiz nicht mehr ruft: «Fräulein, zahlen!» Auch Männer, die von sich sagen, Frauenanliegen stets zu unterstützen, nerven sich. Humorlos seien diese feministischen Texte, finden sie, selbstgerecht, belehrend. In der Schweiz gehe es den Frauen doch längst gut. Sie sollten aufhören, sich als Opfer zu inszenieren.

Diese Meinung lässt sich vertreten – auch wenn man alle Statistiken über Löhne, untervertretene Frauen oder häusliche Gewalt gegen sich hat. Was aber seltsam anmutet, ist die Heftigkeit, mit der die Feminismus-Kritiker poltern. Kaum ein anderes Thema – weder Flüchtlinge im Mittelmeer noch die Rentenreform, nicht einmal Donald Trump – macht sie derart wütend.

Die Angst, zu kurz zu kommen

Bei vielen Männern scheint die Debatte einen empfindlichen Punkt zu treffen, an eine schlecht vernarbte Kränkung zu erinnern und die Angst wachzurufen, entwertet zu werden.

Hinter dieser Befürchtung steht die Vorstellung, Freiheit und Gerechtigkeit seien nur beschränkt vorhanden. Wie ein Stück Brot. Will jemand mehr davon, muss ein anderer etwas abgeben. Zum Glück ist diese Vorstellung falsch. Freiheit und Gerechtigkeit gehören zu jenen seltenen Gütern, die sich fast unendlich vermehren lassen.

Gehen wir kurz zurück in die Zeit, als der Mann noch Herr im Haus war und in der Beiz rief: «Fräulein, zahlen!» Viele der Feminismus-Kritiker würden gar nicht in dieser Stumpen-Welt leben wollen. Denn Macho-Gesellschaften kommen nur wenigen Männern entgegen – jenen mit Macht, Kraft, Geld. Alle anderen müssen untendurch. Patriarchen verachten nicht nur Frauen. Genauso verachten sie «schwache» Männer und alle, die von der Norm abweichen.

Fast jeder Mann kennt die von Donald Trump gepriesene Umkleidekabinen-Stimmung, in der sich die Macho-Männlichkeit frei entfalten kann – gerne auf Kosten anderer Anwesender. Auch die Literaturgeschichte ist voll von Männern, die an solchem autoritären Gehabe kaputtgehen. Wie zerstörerisch das Ideal vom stählernen Kerl wirkt, schildert das Buch «Boys Don’t Cry» des jungen britischen Journalisten Jack Urwin. Dessen Vater soff sich lieber zu Tode, statt über seine Ängste zu reden. Urwin selber konnte sich nur mit Mühe aus diesem Muster lösen.

Der Egoismus sagt: Mann, sei Feminist

Was die Männer umgekehrt den Frauen zu verdanken haben, zeigt die Schweizer Frauenstimmrechts-Komödie «Die göttliche Ordnung». Unter den Appenzeller Männern gehts ruppig zu und her, man pöbelt, ringt um Macht. Die Frauen dagegen hocken friedlich zusammen, jede darf mitmachen, plaudernd kommen sie sich näher. Das wirkt klischiert, verbildlicht aber, gegen welche Härte der Feminismus angetreten ist.

Dadurch hat er auch die Männer befreit, vom Druck nämlich, sich einem Bild unterwerfen zu müssen, dem nur wenige genügen. Nur in gleichberechtigten Gesellschaften dürfen Menschen sein, wer sie sein wollen.

So sollten sich die Männer bedanken bei all den Frauen, die am Untergang des Patriarchats mit­gearbeitet haben. Sie sollten mithelfen, dessen letzte Überreste zu schleifen. Und wenn sie finden, dass manche Feministinnen übertreiben mit ihrem Eifer, dann bleibt das ein Miniatur­vergehen im Vergleich zur historischen Leistung dieser Bewegung. Kein Grund, sich aufzuregen.

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