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Das britische Pferd ist eine heilige Kuh

Schnecken, Hunde, Vogelspinnen – für wenige eine Delikatesse, für die meisten tabu. Den Briten kommt derweil kein Pferd auf den Teller. Warum eigentlich?

Reiten ja, essen nein: Briten bei der Jagd.
Reiten ja, essen nein: Briten bei der Jagd.
Keystone

Besonders für diätbewusste Fleischliebhaber ist Pferdefleisch perfekt. Es ist mager und nicht von Fett durchwachsen, ist also kalorienarm und hat wenig Cholesterin. Zudem schmeckt auch das Fleisch von alten Tieren noch zart. Das haben fast alle Europäer erkannt. Franzosen, Deutsche, Polen oder Italiener – alle verspeisen Pferdefleisch, teilweise in rauen Mengen von fast zwei Kilogramm pro Jahr. Schweizer sind etwas zurückhaltender. Sie essen jährlich rund 600 bis 700 Gramm Pferdefleisch, wie die Studie «Bedeutung des Pferdes in der Wirtschaft, Gesellschaft und Umweltpolitik – Bericht der Arbeitsgruppe Pferdebranche Avenches» schreibt. Japaner essen das Fleisch gar roh.

Ganz anders in Grossbritannien. Dort war die Empörung riesig, als bekannt wurde, dass in verschiedenen Tiefkühlprodukten wie Lasagne statt Rindfleisch Pferdefleisch gefunden worden war. «Absolut unakzeptabel», wetterte stellvertretend der Premier Cameron, und eine britische Restaurantkritikerin versuchte sich in einer Erklärung: «Pferdefleisch wird immer tabu bleiben, wegen unserer Liebe zu Pferden. Und weil wir gerne Franzosen hänseln, die Schnecken, Froschschenkel und Pferde essen», wird sie in «Der Tagesspiegel» zitiert.

Das Pferdefleischrätsel

Warum Pferdefleisch für manche tabu ist und für manche nicht, versuchte der amerikanische Anthropologe Marvin Harris in seinem Buch «Wohlgeschmack und Widerwillen» zu klären. Im Kapitel «Pferdefleischrätsel» geht er bis in die vorgeschichtliche Steinzeit zurück, als das Fleisch von Wildpferden eine wichtige Nahrungsquelle war. Ganz anders im Mittelalter. «Im Mittelalter schien das Pferd kurz davor, zu einer Art heiliger Kuh Europas zu werden, als durch päpstliches Dekret allen Christen der Verzehr untersagt wurde», schreibt Harris.

Um die Zeit der Französischen Revolution wurde das Pferdefleisch wieder beliebter. Damals hatten französische Ärzte herausgefunden, dass Pferdefleisch gesünder ist als Rind und für die Behandlung von Tuberkulose geeignet sei. Ende des 19. Jahrhunderts war das Pferdefleisch in Europa endgültig rehabilitiert und wird seither bedenkenlos verspiesen – ausser in Grossbritannien. Obwohl dort damals Rinderseuchen wüteten und sich der Verzehr von Pferdefleisch geradezu aufdrängte, knickte bloss die Arbeiterschaft ein. Die Upperclass dagegen weigerte sich standhaft, Pferdefleisch zu essen, kam dies doch beinahe einem Landesverrat gleich. Denn die Macht des Empire war auch auf die Kavallerie zurückzuführen, erklärt Harris.

Wirtschaftsfaktor Pferd

Auch heute noch spielt die Pferdebranche in Grossbritannien eine wichtige wirtschaftliche Rolle, wie die Studienverfasser von «Bedeutung des Pferdes in der Wirtschaft, Gesellschaft und Umweltpolitik» festhalten. England zähle auf 57 Millionen Einwohner 900'000 Pferde, Rennpferde ausgenommen.

Auch in Irland sei der Sektor der Pferderennen ein solch starker Wirtschaftsmotor, dass die irische Regierung ihn mit 23 Millionen Euro jährlich unterstütze, weil dieser Wirtschaftszweig allein einen Umsatz von 1 Milliarde Euro und 25'000 Arbeitsstellen schaffe. In diesen Ländern spielen Pferde also eine grosse Rolle, halten die Studienverfasser fest: für das Wohlergehen der Gesellschaft, die Gleichstellung der Geschlechter – die Mehrheit der Pferdesportler seien Frauen –, den Arbeitsmarkt oder die nachhaltige Entwicklung ländlicher Gebiete. Bei so viel Nutzen ist es verständlich, weshalb sich die Briten und Iren mit Pferdefleisch auf dem Teller schwertun.

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