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Darf man unsittliche Angebote annehmen?

Über die Verantwortung, die ein Seitensprung mit sich bringt.

Beiläufiges «friendly fucking» ist eine nette Vorstellung: Schön wärs, wenn es funktionierte. Foto: Pexels
Beiläufiges «friendly fucking» ist eine nette Vorstellung: Schön wärs, wenn es funktionierte. Foto: Pexels
Peter Komka, Keystone

Nehmen wir an, jemand, der in einer festen und exklusiven Beziehung ist, sucht sexuellen Kontakt mit mir. Sollte ich das sexuelle Angebot ausschlagen? Oder kann man den Ansatz verfolgen, dass ich selber ja in keiner Beziehung bin und nicht den ersten Schritt dieses Seitensprungs unternommen habe? Deshalb könnte ich als Single auch ruhig etwas «Spass» haben; der Beziehungsbruch ist ja nicht mein Problem. Andererseits ist diese Denkweise irgendwie recht egoistisch. Es braucht ja auch für einen Seitensprung immer zwei Personen, und damit habe ich eventuell doch eine gewisse Verantwortung, solche sexuellen Angebote dankend abzulehnen.P. B.

Lieber Herr B.

Für solche Fälle hält unsere Kultur einen reichen Schatz von Zuckertüten-Weisheiten parat: «Im Krieg und in der Liebe ist alles erlaubt.» Aber Sie reden ja nicht von Liebe, sondern von Sex und Spass. Zudem ist auch im Krieg nicht alles erlaubt, sonst gäbe es keine Kriegsverbrechen. Oder: «Ich kann allem widerstehen – ausser der Versuchung.» Sagt Lord Darlington in Oscar Wildes Komödie «Lady Windermere’s Fan». Das ist hübsch formuliert, taugt als moralische Maxime aber wenig. Von der grossartigen Katherine Hepburn wiederum stammt der Satz: «Wenn du immer alle Regeln befolgst, verpasst du jeden Spass.» Ob der Rat auch für den Spass auf Kosten Dritter gilt, entzieht sich meiner Kenntnis.

So übernehme denn ich die Rolle der Spassbremse. Ja, ich finde, man sollte es besser sein lassen.

Die schmeichelhaftesten Momente im Leben

Mit sechzig kann ich das leichter sagen als früher, und ich weiss, dass Affären prickelnd sein können und sexuelle Avancen, denen gegenüber man nicht abgeneigt ist, zu den schmeichelhaftesten Momenten im Leben gehören. Der Reiz des Verbotenen ist mächtig, und die Panik, dass das Glück einen gefunden haben könnte und man es leichtsinnig vor die Tür setzt, ist Teil der Versuchung.

Ich kann Sie leider auch nicht damit trösten, dass man durch einen solchen Verzicht nichts verpasst. Das tut man nämlich. Und es wird nicht wettgemacht durch das Gefühl, moralisch gehandelt zu haben. Man kann den Verzicht noch Jahre später bereuen – gerade, weil es in dieser Angelegenheit meist keinen harmlosen Spass gibt, sondern Kollateralschäden und Verletzte.

Beiläufiges «friendly fucking» ist eine nette Vorstellung: Schön wärs, wenn es funktionierte. Womit ich nicht sagen will, dass es unter keinen Umständen funktionieren kann. Aber die Erfahrung und viele Hollywoodkomödien zeigen, dass das nicht die Regel ist. So sorry. Und das meine ich gar nicht luschtig.

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