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China schweigt

Schweinekadaver, die im Trinkwasser liegen, sind nur das jüngste Beispiel: Gesundheitsrisiken werden in China systematisch totgeschwiegen.

Der Strom der Schweine lässt nach: Eines der Kadaver im Yangtze. (12. März 2013)
Der Strom der Schweine lässt nach: Eines der Kadaver im Yangtze. (12. März 2013)
AFP
Insgesamt 16'000 Schweine wurden entdeckt: Arbeiter halten auf einem Boot Ausschau nach Kadavern. (14. März 2013)
Insgesamt 16'000 Schweine wurden entdeckt: Arbeiter halten auf einem Boot Ausschau nach Kadavern. (14. März 2013)
AP
Grausiger Anblick: Massen von toten Schweinen treiben im Huangpu.  (7. März 2013)
Grausiger Anblick: Massen von toten Schweinen treiben im Huangpu. (7. März 2013)
AFP
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Tausende tote Schweine verschmutzen Wasserläufe im Osten Chinas. Die Millionenmetropole Shanghai holt sich dort ihr Trinkwasser. Die Sorge der Chinesen wächst - und ihre Wut auf Peking.

Ein Witz macht die Runde in China. Prahlt ein Mann aus Peking, er könne sich inzwischen das Geld für Zigaretten sparen, er müsse nur das Fenster öffnen und den Smog einatmen. Ein Mann aus Shanghai kontert: Bei uns kommt neuerdings Suppe mit Schweinefleisch direkt aus dem Wasserhahn.

Bereits 14'000 tote Schweine

Seit fast zwei Wochen treiben nun schon tausende tote Schweine in Flüssen, aus denen die Metropole Shanghai mit ihren 24 Millionen Bürgern ihr Trinkwasser bezieht. 14'000 Kadaver wurden aus dem Wasser gefischt, und es werden immer mehr. Den Witz mit der Suppe haben die Behörden noch nicht zensiert - Blogeinträge, die zum friedlichen Protest gegen die Schweineflut aufrufen, schon. Sie sollen sich keine Sorgen machen, bekommen die Anwohner zu hören. Das Trinkwasser sei sicher. Weitere Erklärungen? Fehlanzeige.

Die Tiere sollen aus der Provinz Zhejiang stammen. Schweinezucht gehört dort zu den wichtigsten Industriezweigen. Acht kleine Schweinezüchter aus der Stadt Jiaxing mussten Busgelder zahlen, weil ihre Schweine an der Markierung im Ohr erkannt wurden. Keinen kam das teurer als 3000 Yuan.

Kein Politiker hat sich geäussert

«Sie halten uns hin», sagt Blogger Huang Beibei aus Shanghai. «Wer glaubt denen schon?» Seine Fotos von Schweineleichen waren es, die Medien und Regierung auf das Problem aufmerksam machten. Vom SARS-Virus über die Vogelgrippe bis zu verseuchter Milch - dass die Regierung zu Gesundheitsrisiken schweigt, hat in China Tradition.

Auch zu den toten Schweinen hat sich bisher kein hochrangiger Politiker öffentlich geäussert. Weder die lokalen Behörden noch das Landwirtschaftsministerium antworteten auf AP-Anfragen. Ein eigens beauftragter Tierarzt im Ministerium stellte lediglich fest, dass keine grössere Seuche ausgebrochen ist, der man die Schuld an den Schweineleichen geben könnte.

Warum die Tiere im Fluss treiben, ist unklar. Manche sagen, die Bauern würden die Kadaver nicht mehr anders los, seit die Polizei gegen illegalen Handel mit dem Fleisch kranker Schweine vorgegangen ist. Das Fleisch lande nicht mehr auf dem Schwarzmarkt, sondern im Fluss, glauben sie. Andere vermuten, dass so viele Schweine sterben, weil die Bauern ihnen Arsen ins Futter mischen - damit die Haut schöner glänzt. Offiziell bestätigt ist keine Theorie.

«Das Problem liegt Flussaufwärts»

«Die Regierung übernimmt der Öffentlichkeit gegenüber keine Verantwortung», sagt Privatdozent Zhao Chu, der in Shanghai lebt und Kommentare in Medien veröffentlicht. Die Vertreter der Behörden kümmerten sich nicht um die Menschen, sondern schielten nur nach oben zu den Vorgesetzten, weil die ihnen die Jobs gäben.

Aus Sicht von Peng Xizhe, Rektor des sozialwissenschaftlichen Instituts an der Fudan-Universität in Shanghai, bringt die Krise das systematische Versagen Chinas bei Umweltproblemen zutage. «Shanghai ist vielleicht das Opfer, aber das Problem liegt flussaufwärts in Jiaxing», erklärt er. Die Regierung in Peking sei zwar nicht für das Alltagsgeschäft dort verantwortlich. Trotzdem solle sie klare Vorgaben für die Bewirtschaftung des Wassereinzugsgebiets machen.

Die verschiedenen Verwaltungen müssten zusammenarbeiten oder einen Krisenstab zusammenstellen, sagt Zhang Jian, Spezialist für biologische Verfahrenstechnik. Auch er ist enttäuscht vom Krisenmanagement. «Ich wette, dabei kommt wieder nichts Eindeutiges raus. So löst man Probleme typisch chinesisch.»

SDA/mrs

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