Blind durch die Stadt – ein Selbstversuch

Geld abheben, einkaufen, Kaffee trinken: Klappt das auch, wenn man nichts sieht? Unser Autor hat es ausprobiert.

«Augen zu und durch»: Stefan Hofmann zeigt, wie man die Leitlinien nutzt und einen Bankomaten bedient. Video: Lisa Aeschlimann


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Der Stock ist mir von Anfang an sympathisch. Leicht und federnd liegt er in der Hand. Für die nächsten zwei Stunden ist er mein Schutzengel, denn meine Augen sind von einer Stoffbrille komplett verdeckt. Mir ist wortwörtlich schwarz vor den Augen. In Stefan Hofmanns Laden «Tools4theBlind» in Winterthur übe ich die Handhabung. «Schön aus dem Handgelenk», sagt Hofmann. Die Fiberglaskugel wischt kratzend über den Boden, wird leiser wenn sie über den Eingangsteppich gleitet und knallt dann gegen etwas metallisches. Ich habe die Tür gefunden.

Draussen auf der Strasse folge ich Hofmanns Stimme. Ich halte mich links nahe den Fassaden. Mein Stock ertastet klickend Hauseingänge, Treppen, Blumenkübel und bleibt dann in etwas Blechernem hängen. «Die Stühle vom China-Restaurant», sagt Hofmann. Einige Schritte weiter ist auf dem Boden ein Raffelmuster zu ertasten: Hier, 50 Meter vor dem Bahnhof beginnen die Bodenmarkierungen für die Blinden. «Unsere Autobahn», sagt Hofmann.

Leider ist diese nicht immer frei. Eine Teenagerin blockiert mit ihrem Velo die Spur. Dank meiner zögernden Gangart haue ich ihr mit dem Stock dreimal gegen die Speichen bevor wir zusammenprallen. Sie entschuldigt sich und macht Platz. Nicht alle sind so nett, sagt Hofmann. «Manche Leute motzen mich an: Da steht im Fall ein Kinderwagen, sehen Sie das nicht?» Nein, man sieht es wirklich nicht.

Unser Programm: den Bahnhof durchqueren, Geld abzuheben, im Coop etwas einkaufen und dann einen Kaffee trinken gehen. Die Bahnhofsunterführung ist allerdings, im wörtlichen Sinne, ein Blindflug. Orientierungslinien fehlen hier komplett. Ich folge tastend Stefan Hofmanns Stimme, bis ich den «Brezelkönig» rieche. Zur linken liegt der CS-Bankomat.

Sprich mit mir, Bankomat!

Geld abheben geht überraschend einfach. Sobald ich meine Kopfhörer in die Buchse stecke, ertönt eine Frauenstimme. Es funktioniert wie in der Telefon-Warteschleife: «Für Deutsch drücken Sie die Taste zwei. Pour le français...» Auf dem Zahlenfeld kann ich mich orientieren, weil die Fünf in der Mitte einen kleinen Hubbel hat. Nach drei Minuten habe ich meine Pin richtig eingegeben und der Automat spuckt Banknoten aus. Ich bin stolz. Und etwas irritiert, als mir Stefan Hofmann sagt, dass es diese praktische Einrichtung erst seit 2013 gibt. «Seit gerade mal fünf Jahren kann ich alleine Geld abheben», sagt er, der im Alltag so selbständig ist, mit säuerlicher Stimme.

Wie soll ich im Coop meine Waren finden? Geht nicht, sagt Hofmann.

Es ist leicht, sich als Blinder vergessen zu fühlen, wenn simple und günstige Erleichterungen jahrelang auf sich warten lassen. Das merken wir gleich nochmals. Unser nächstes Ziel wäre nur wenige Schritte von uns entfernt: der Bahnhofs-Coop. Doch ohne Bodenmarkierungen sei ihm der direkte Weg zu gefährlich, sagt Hofmann. Es gibt Säulen, Türen und andere Hindernisse und viel Gedränge. Also eine Ehrenrunde aussenrum, die Treppe hoch, über den Platz, wo alles schön signalisiert ist und dann die Rolltreppe runter. Als ich die Treppe erklommen habe, bin ich desorientiert. Eine freundliche Frauenstimme mit ausländischem Akzent bietet Hilfe an, führt mich zu Hofmann. Ich danke. Später erfahre ich: Es war die Surprise-Verkäuferin.

Gute Seelen im Supermarkt

Rolltreppenfahren ist einfach: Die Metallplatten sind nicht zu überhören und am Winkel des Handlaufs spüre ich das Ende der Treppe frühzeitig kommen. Doch wie soll ich im Coop meine Waren finden? Geht nicht, sagt Hofmann. Er hat seine eigene Routine: Er läuft durch den Ausgang zur Kasse und fragt nach einer Verkäuferin. Die führt ihn am Arm durch den Laden.

Und genau das macht sie nun mit mir. Frau Amsler klingt jung und läuft zügig. Sie weiss was sie tut, Hofmann ist ihr Stammkunde, sagt sie. Mein Stock macht trotzdem kleine Tastbewegungen, wenn wir enge Kurven laufen. Man weiss nie. Ich bin beeindruckt von dem guten Service und der Hilfsbereitschaft in dem kleinen, vollgestopften Laden, wo doch fürs Personal den ganzen Tag Hochbetrieb herrscht. Aber wäre Einkaufen im Webshop nicht einfacher? «Doch», sagt Hofmann. «Aber ich schätze den Kontakt mit Menschen.»

Kamikaze am Busbahnhof

Wir wollen einen Kaffee in der «Manta Bar» trinken gehen. Dazu müssen wir den Busbahnhof überqueren. Ich versuche zu hören, ob ein Bus kommt. Und versage. Die Elektrobusse sind einfach zu leise. Also Kamikaze: Ich hebe den Stock, warte kurz und laufe dann einfach. «In manchen Situation hilft nur Augen zu und durch», sagt Hofmann später. «Die Augen sind ja schon zu, also einfach nur: Durch!»

Den Eingang zu finden ist Glückssache, hier wäre eine Markierung praktisch. Auch einen freien Platz im Café zu suchen, überlasse ich lieber den Sehenden. Sie rufen mich, und ich taste mich im Schneckentempo vor, ängstlich gegen Tische zu knallen und Tassen abzuräumen.

Drei Erkenntnisse, ein Vorsatz

Als ich die Maske abstreife, ist es blendend hell. Das Experiment ist vorbei. Was habe ich gelernt? Drei Dinge. Erstens, die Menschen sind hilfsbereit – manchmal dort, wo man es am wenigsten erwartet. Zweitens, die weissen Leitlinien am Boden, auf die ich vorher nie achtete, geben viel Sicherheit – dass sie in der Bahnhofsunterführung fehlen, ist mir unverständlich. Und drittens, trotz allem gibt es immer wieder gefährliche Situationen, etwa am Busbahnhof.

Das beste Mittel gegen die Angst war für mich eine freundliche Stimme. Das geht nicht nur mir so. «Sprechen Sie Blinde ruhig an, wenn Sie denken, sie könnten Hilfe brauchen», sagt Hofmann. «Kurz antippen hilft, dann weiss ich, dass ich gemeint bin.» Ich nehme mir vor, das öfter zu tun. Aber wie hat er, mein blinder Führer das Experiment erlebt? «Es war ungewohnt, so langsam zu laufen», sagt Stefan Hofmann.

(Der Landbote)

Erstellt: 07.11.2018, 15:09 Uhr

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