Bekenntnis eines Biedermanns

Wer seinen Dreck überall liegen lässt, dem würde man am liebsten die Wohnung damit vollschaufeln. Die Sauberkeit ist keine Manier, sie ist eine Kultur.

Der Dreck muss weg: Aufräumarbeiten nach der grossen Party zum Jahreswechsel in Lugano. (1. Januar 2016) Foto: Gabriele Putzu (Ti-Press, Keystone)

Der Dreck muss weg: Aufräumarbeiten nach der grossen Party zum Jahreswechsel in Lugano. (1. Januar 2016) Foto: Gabriele Putzu (Ti-Press, Keystone)

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Die Iren können erzählen, die Briten haben Humor, die Italiener reden schön, die Franzosen sollen tolle Liebhaber sein, die Spanier gelten als stolz, die Ägypter haben die Pyramiden und den Weltklassefussballer Mohamed Salah, die ­Amerikaner haben den Rock ’n’ Roll erfunden. Und was sind wir? Pünktlich. Effizient. Und sauber. Keines der Attribute, die man uns zuschreibt, hat auch nur den Hauch von Verruchtheit. «It’s interesting», sagen die Engländer über die Schweiz, was auf Deutsch heisst: Wir sind langweilig bis ins Wachkoma.

Trotzdem muss man diese Schweizer Tugenden loben. Unpünktlichkeit zum Beispiel ist total daneben. Wer dauernd zu spät kommt, verhält sich nicht nur unhöflich, sondern arrogant. Er findet sich so wichtig, dass er schon seine Anwesenheit für ein Geschenk hält, also kann er den anderen warten lassen. Dann die Effizienz: Dass unsere Verwaltung, aufs Ganze gesehen, kompetent, unkorrupt und bürgernah operiert, dass unsere meisten Züge pünktlich fahren, dass unsere Spitäler gut behandeln – das klingt auf pedantische Weise korrekt, selbst im Lob schwingt etwas Abschätziges mit. Aber was soll daran schlecht sein?

Essen auf der Bahnhofstrasse

Vor allem sind wir sauber. Die Schweiz hat bei Flaschen aus Glas und Plastik eine der grössten Rücklaufquoten der Welt. Überall stehen Abfallkübel herum. Was herumliegt, wird bald entsorgt. Wer in anderen Ländern gesehen hat, wie sich der Abfall neben der Strasse anhäuft, wie die Landschaft mit Plastik, Blech und Schrott verwüstet wird, wie Kinder zwischen Abfallbergen spielen, wie hochgiftige Mülldeponien schwelen, wie am Strand tote Tiere herumliegen, wie Flüsse zu Kloaken werden, wie das Meer auf ungesunde Weise schäumt – der hat beim Heimkommen tatsächlich das Gefühl, er könne, um James Joyce zu zitieren, auf der Bahnhofstrasse essen.

Nun essen die Leute lieber im Grünen. Und weil sie es nicht nur gemütlich haben wollen, sondern auch bequem, lassen manche ihren Abfall beim Aufstehen liegen – Essensreste, Bierdosen, Flaschen, Pizzakartons, Aluminiumgrills, Zeitungen, Kartonbecher, Plastikbecher, Plastikteller, Plastiksäcke, Papier, kaputte Turnschuhe, Zigarettenstummel, Hundedreck. Nach einem schönen Abend ist das Zürcher Seeufer vollgemüllt, weil jeder weiss, dass andere alles wieder einsammeln. Dasselbe, nur weiträumiger verteilt, kann man nach einer Street Parade erleben. Und am Open Air.

Dazu kommen jene, die ihre alten Möbel und anderen Müll auf die Strasse stellen. Wochenlang liegen Sofas herum, kaputte Stühle, Tische, Lampen, Matratzen, geborstene Spiegel, offene Abfallsäcke.

Ich bekenne: Ich will nicht mehr Dreck, ich will keinen. Jedes Mal, wenn ich solchen Müll herumliegen sehe, rege ich mich auf. Und das doppelt. Zuerst werde ich wütend, weil diese Leute sich dermassen rücksichtslos verhalten, so egoistisch und respektlos. Dann werde ich noch wütender, weil sie mich damit zum Biedermann machen.

Mist.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.04.2018, 22:22 Uhr

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