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An der Fasnacht tritt Rassismus offen zutage

In Wangs SG wurde ein dunkelhäutiger FDP-Politiker als «Neger» diffamiert. Um es klar zu sagen: Nein, Fasnacht darf nicht alles.

Der Fasnachtswagen durfte am Umzug teilnehmen, doch der Besitzer musste das Wort «Neger» abgekleben. Foto: FDP
Der Fasnachtswagen durfte am Umzug teilnehmen, doch der Besitzer musste das Wort «Neger» abgekleben. Foto: FDP

«Wie viele ‹Neger› brauchen wir in St. Gallen?», steht gross auf einem Fasnachtswagen, weiss auf blau. Über dem Schriftzug sind fünf Jungfreisinnige der Region Sarganserland abgebildet, die für die Kantonsratswahlen kandidieren. Darunter Nirosh ­Manoranjithan, 27-jährig und mit srilankischen Wurzeln. Sein Gesicht ist auch noch separat abgebildet. Manoranjithan ist der Einzige mit dunkler Hautfarbe.

Der Wagenbesitzer bestritt im «Blick», mit «Neger» den dunkelhäutigen Politiker gemeint zu haben, aber für die Fasnachtsgesellschaft Wangs SG war der Fall klar. Sie hatte kurz vor dem Umzug interveniert. Der ­Fasnachtswagen durfte erst teil­nehmen, als das Wort «Neger» abgedeckt worden war.

Man könnte anhand dieses Beispiels meinen, dass die soziale Kontrolle in unserer Gesellschaft funktioniert, auch in der närrischen Fasnachts­gesellschaft. Die Verantwortlichen haben reagiert, sobald sie die rassistische Äusserung bemerkten. Die FDP Sarganserland wird eine Strafanzeige wegen Ehrverletzung prüfen. Es gibt sie ja, Gesetze in der Schweiz, die definieren, was man noch sagen darf und was verboten ist. Gesetze, die Personen wie Manoranjithan schützen sollen. Aber leider ist es damit nicht getan.

Die Fasnacht in Wangs ist nur ein Fall von vielen. Wo Protest von irgendwie Untergebenen seit Jahrhunderten kulturell verankert ist und Fasnächtler sich einzig dem Vulgären, Grenzwertigen verpflichtet fühlen, können Einzelne allzu leicht in verletzendes bis strafrechtlich relevantes Verhalten kippen. Und werden dabei noch getragen. Gerade erhielt die «BZ Basel» ein Video zugespielt, das die Kleinbasler Gugge Gülle Schlüch zeigt und festhält, wie ein Trompeter seinen Arm zum Hitlergruss ausstreckt. Geduldet von den übrigen Anwesenden.

Zwei andere aktuelle Beispiele: Am vergangenen Sonntag stellte der Strassenkarneval im belgischen Aalst Juden als Ungeziefer dar. Schon wieder. Oder jetzt erst recht, aus Trotz? 2019 hatte die jüdische Gemeinschaft nach solchen Darstellungen protestiert und die Unesco gedroht, dem Karneval das Prädikat Weltkulturerbe zu entziehen. Ebenfalls am Sonntag verbrannten Bewohner der kroatischen Kleinstadt Imotski am Ende des Umzugs ein Motiv, das ein küssendes schwules Paar mit Kind darstellte. Das Paar wurde zum diesjährigen Maskottchen des Bösen gewählt – ­wenige Tage nach einem Urteil, das homosexuellen Paaren ermöglicht, Pflegeeltern zu werden.

Das alles ist kein witziger, satirischer Protest mehr, was die Fasnacht im besten Fall auszeichnet. Es ist nicht einmal dumpfer, gehässiger Widerstand gegen «die da oben». Es ist ein Treten gegen Minderheiten unter dem Vorwand, das «Ritual der Grenzüberschreitung» zu pflegen. Mit diesen Worten verteidigte die Stadtverwaltung Aalst den diesjährigen Umzug. Vielleicht sagte sie damit unbeabsichtigt etwas Wahres: rituell die Grenzen des Sagbaren ausweiten zu wollen. Etwas, das Rechtspopulisten perfekt beherrschen.

Der Pädagoge Wolfgang Oelsner, der Bücher über den Karneval geschrieben hat, verglich diesen Brauch mit einem Vergrösserungsglas: «Was ohnehin ist, wird besonders deutlich.» Besonders deutlich wird in diesen Tagen der tief verwurzelte Antisemitismus und Rassismus. Das wird man wohl noch sagen dürfen.

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