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Alles weg

Karoline Obermann verlor erst ihren Mann und dann ihre Tochter. Über den Horror des Todes, Freunde, die sich zurückzogen, und wie sie weiterlebt. Trotz allem.

Extreme Ereignisse: Der Tod zweier nahestehender Menschen bringt einen an den Rand des Aushaltbaren. Foto: Flickr
Extreme Ereignisse: Der Tod zweier nahestehender Menschen bringt einen an den Rand des Aushaltbaren. Foto: Flickr

Dieser Beitrag ist ein Auszug aus dem Ende 2016 im Goldmann Verlag erschienene Buch «Weiter Leben. Nach dem Verlust eines geliebten Menschen» von Christiane zu Salm.

«Ich habe nach Michaels Tod viele Bilder angeschaut, schon in der ersten Nacht. Auch nach dem Tod unserer Tochter Anna, die ein halbes Jahr nach ihm starb. Das war wie ein Zwang. Ich habe alle elektronischen Dateien durchgesehen und viele Fotos bestellt, von beiden auch viele Fotos verteilt an nahestehende Menschen, die etwas haben wollten, so kleine Sets zusammengestellt, die ich dann weitergegeben habe. Und für mich habe ich auch ganz viele bestellt und mir diese Bilder dann sehr intensiv angeguckt.

Im Laufe der Jahre ist das aber schwieriger geworden. Ich tue mich jetzt schwerer damit, mich auf die Bilder einzulassen. Ihr Sterbejahr ist jetzt sieben Jahre her, und ich bin zwar insgesamt ein wenig stabiler, aber die Fotos können mich heute schwer runterziehen, schwer packen. An manchen Tagen denke ich, eigentlich könnte ich mich jetzt mal wieder in Ruhe hinsetzen und ein paar Fotos von meinem Mann und unserer Tochter angucken – aber dann laufe ich geradezu weg von den Bildern. Denn ich weiss, dass es mich dann wieder ganz tief reinzieht in ihr Leben, in unser Leben, das es nicht mehr gibt.

Wir waren über zehn Jahre zusammen

Zu Weihnachten hatte mir Michael einen wunderschönen Brief geschrieben. «Das war unser Jahr» stand da drin. Und dass er so glücklich ist über unser Kind. Denn wir hatten uns schon lange eins gewünscht. Wir waren über zehn Jahre zusammen, als er starb. Und wir hatten es viele Jahre weit weggeschoben und uns gar nicht mehr eingestanden, dass wir eigentlich einen Kinderwunsch hatten.

Dann wurde ich irgendwann zufällig schwanger, habe dieses Kind aber verloren nach etwa sechs Wochen. Der Verlust dieses ungeplanten Kindes hat bei uns beiden alles gedreht. Wir waren beide so traurig darüber, dass das nicht geklappt hatte, dass wir von da an alles drangesetzt haben, doch ein Kind zu bekommen. Das war dann Anna, die drei Jahre später geboren wurde. Das war so ein wunderschönes Geschenk. Die Zeit der Schwangerschaft und auch die kurze Zeit, die wir zu dritt hatten, war das Schönste, was wir zusammen erlebt haben.

«Wir wünschten uns ein frohes Neues Jahr. Nichts fehlte unserem Glück.»

Michael schrieb in seinem Weihnachtsbrief auch, dass er sich ein zweites Kind mit mir wünschen würde und dass er sich so freuen würde auf unsere Expansion als Familie. Wir suchten auch seit Längerem schon nach einem Haus, das wir kaufen wollten. Am Neujahrstag, einen Tag bevor er starb, waren wir faul und haben nichts Besonderes gemacht. Eigentlich hatten wir vor, spazieren zu gehen, an dem Haus vorbei, das wir kaufen wollten, um die Umgebung ein wenig zu erkunden. Es war herrlich verschneit draussen. Dann gingen wir aber doch nicht raus, weil Michael in der Silvesternacht zu lange auf war und zu müde, um am nächsten Tag spazieren zu gehen.

Am Silvesterabend waren wir zu Hause mit unserem Baby. Früher sind wir immer auf irgendwelche Partys gegangen an Silvester, aber in diesem Jahr waren wir zu dritt zu Hause mit unserer Anna, die gerade ein paar Monate alt war. Um zwölf ist Michael runter auf die Strasse gegangen und hat ein bisschen rumgeballert. Ich stand mit dem Babyfon auf dem Balkon, und wir wünschten uns ein frohes Neues Jahr. Nichts fehlte unserem Glück.

Den Spaziergang verlegten wir dann um einen Tag. Eigentlich wollten wir am späten Vormittag los, aber Michael kam nicht aus dem Bett. Ich war natürlich schon wieder seit vielen Stunden wach, weil das Kind mich geweckt hatte. Und ich war auch ein bisschen böse, weil er mich so lange allein liess und im Bett lag. Dann bin ich irgendwann zu ihm gegangen, habe ihn geweckt und gesagt: «Eigentlich hatten wir doch eine Verabredung. Wir wollten doch los.» Er bat mich, noch ein bisschen liegen bleiben zu dürfen, es sei ihm gestern Abend so schlechtgegangen. So habe ich ihn noch ein bisschen schlafen lassen.

Eine Stunde später turnte er frisch durch die Wohnung, und als ich ihn fragte, warum es ihm am Vorabend schlechtgegangen war, wollte er es mir nicht sagen. Irgendwann wurde ich ärgerlich und dachte: Was ist das denn? Ich habe fünfmal gefragt, und er hat fünfmal gesagt: «Nein, ich sage es dir nicht, sonst machst du dir Sorgen.»

Vielleicht eine verpasste Chance

Aufgeregt sagte ich: «Und so mache ich mir jetzt keine Sorgen? Was denkst du eigentlich?» Ich war ärgerlich und fragte nicht weiter – leider. Später hat mir der Rückblick auf diese Szene unglaublich wehgetan. Vielleicht war das eine verpasste Chance.

Der Ärger war dann aber schnell verflogen, und wir sind zu einem wunderschönen Spaziergang aufgebrochen. Es war eine ganz unberührte Winterlandschaft, durch die wir spaziert sind. Unvorstellbar, dass er am selben Tag sterben sollte. Michael machte Scherze. Er hatte irgendwo in der Nähe des Hauses, das wir angeschaut hatten, Nachbarn draussen gesehen, die Schnee fegten. «Die musst du demnächst immer nett grüssen, damit wir hier eine gute Beziehung in der Nachbarschaft haben.» Die Stimmung war spassig und leicht. Als es dunkel wurde, haben wir kurz etwas gegessen, waren gut gelaunt und voller Neujahrspläne. Alles ohne den Anflug eines Verdachts.

«Der letzte Satz, den er überhaupt noch sprechen konnte, war: ‹Ruf die Feuerwehr.›»

Wir fuhren nach Hause und parkten irgendwo. Michael holte Anna aus dem Auto, trug sie im Maxi-Cosi die Treppe hoch, schloss die Wohnungstür auf und verschwand sofort in der Küche. Während er aufschloss, hörte ich ein Husten. Eigentlich ein heftiges Husten. Aber ich habe mir keine Gedanken gemacht, weil er als Raucher manchmal einfach so einen Husten hatte.

Später fand ich im Maxi-Cosi noch Blut von ihm

Tatsächlich ging es da aber los. Da hatte er schon das erste Blut gehustet und ging schnell in die Küche, um sich dort über den Spülstein zu stellen. Ich habe dann später auch im Maxi-Cosi von Anna noch ein bisschen Blut gefunden. Er hatte sie im Flur abgestellt. Ich habe noch völlig entspannt meinen Mantel ausgezogen, hatte nicht den Hauch eines Verdachts. Ich stand an der Garderobe, als irgendwann eine etwas röchelnde Stimme aus der Küche kam: «Karoline!» Als ich in die Küche kam, schoss schon das Blut fontänenartig aus ihm heraus. Ich schrie.

Der letzte Satz, den er überhaupt noch sprechen konnte, war: «Ruf die Feuerwehr.» Das habe ich panisch auch gemacht und bin noch, während ich das Telefon am Ohr hatte, zur Nachbarschaft auf meiner Etage gelaufen, habe überall geklopft und Hilfe gerufen. Eine Nachbarin kam auch, und die habe ich dann gebeten, sich um das Kind zu kümmern.

Schlimme Bilder

Als ich mit dem Telefonat fertig war, bin ich zu Michael gegangen. Da hatte er schon den Gedanken aufgegeben, über dem Spülstein zu stehen. Er stand vor mir in der Küche. Schlimme Bilder. Ganz, ganz grässliche Bilder. Wirklich fontänenartig schoss das Blut aus seinem Hals heraus. Er stand noch, konnte aber nicht mehr sprechen. Da habe ich ihn gebeten, sich hinzusetzen. Ich habe immer noch nicht gedacht ... also, das ist eigentlich absurd, aber solange ein Mensch noch lebt, denkst du nicht, er stirbt. Du denkst nur an das, was du tun musst. Dann habe ich gesagt, er soll sich hinsetzen, damit er mir nicht umkippt, und solche albernen Dinge. Ich habe die ganze Zeit bei ihm gesessen. Irgendwann kniete er dann. Ich habe gesagt: «Versuch zu atmen.» Ich weiss nicht, ob er mich da noch hören konnte. Gesagt hat er nichts mehr. Er stützte sich so ab, mit dem Kopf nach unten. Ich konnte auch sein Gesicht nicht mehr sehen. Ich habe ihn an den Schultern gehalten. Irgendwann war die Kraft weg, und dann kippte er um.

Die Feuerwehr kam nahezu unmittelbar danach. Mir war aber nicht klar, dass es da schon aussichtslos war. Bei einer gerissenen Aorta macht auch eine Feuerwehr nichts mehr. Ich wusste aber nicht, was passiert war. Ich habe immer noch gedacht, die könnten noch etwas machen. Die haben mich dann natürlich erst mal weggeschickt. Das Erste, was ich machen musste, war, Decken zu holen aus dem Wohnzimmer und den Feuerwehrleuten hinzulegen, weil in der Küche mittlerweile ein Blutsee war, auf dem sie sonst ausgerutscht wären.

«Du denkst nicht, dass er wirklich stirbt.»

Nachdem ich die Decken geworfen hatte, haben die sofort mit der Reanimation begonnen. Das hat eine Weile gedauert. Die haben eine ganze Menge versucht. Aber natürlich, und so hat es die Ärztin nachher auch gesagt, ist es ihnen nicht mehr gelungen, den Kreislauf wieder hinzukriegen. Währenddessen sass ich im Wohnzimmer mit dem Kind und der Nachbarin, die dageblieben war.

Ein Schutzmechanismus

Ich stand unter Schock. Total unter Schock. Ich begriff nicht vollkommen, was geschah. Ich fühlte nur: Wie gut, dass die jetzt da sind, dass die jetzt was tun. Ich war auch überzeugt, dass sie meinen Mann gleich mitnehmen, ins Krankenhaus fahren und wir vielleicht mitfahren, Anna und ich, gleichzeitig war da die Panik, dass er stirbt. Ich hatte schon Angst. Aber irgendwie funktioniert da so ein Schutzmechanismus. Du denkst nicht, dass er wirklich stirbt.

Retrospektiv kann ich sagen: Selbst als es dann eigentlich klar war, begriff ich es nicht. Immerzu kamen Leute zu mir und fragten mich irgendwas zur Gesundheitssituation, die Ärztin, die Feuerwehrleute. «Lebt er noch? Lebt er noch?», fragte ich einen von ihnen nach einer gefühlten Ewigkeit. «Da müssen Sie mit der Ärztin sprechen.» Die Antwort war eigentlich klar, denn das «Ja» wäre ihm bestimmt leicht über die Lippen gekommen. Aber ich habe es nicht verstanden. Wir haben gewartet, bis die Ärztin kam. Sie sagte dann folgenden absurden Satz: «Wir haben uns bemüht, seinen Kreislauf wieder in Gang zu bekommen, das ist uns aber nicht gelungen. Das bedeutet: Im Moment ist er tot. Und ich fürchte, das bleibt auch so.»

Er lag mit den Füssen in der Küche, weil er ja umgekippt war, und die hatten ihn dann mit dem Oberkörper in den Flur rausgezogen, um von allen Seiten an ihn heranzukommen. Und so lag er da, die Füsse in der Küche, der Oberkörper im Flur. «Kann ich zu ihm? Kann ich dahin?», fragte ich. Der eine Feuerwehrmann fragte: «Wollen Sie sich das wirklich antun?» Ich sagte: «Aber das ist doch mein Mann.» Und die Ärztin sagte zu den Feuerwehrleuten, sie sollten mich lassen, sie sollten mich zu ihm lassen. Dann bin ich hingegangen.

Auf einmal war es erstaunlich ruhig

Er war voll mit Schläuchen von der Beatmung im Gesicht und am Oberkörper. Ich habe meinen Kopf auf seinen Bauch gelegt, habe ihn berührt. Ich hatte Angst, in sein totes Gesicht zu sehen. Sie haben mich aufgehoben und gebeten, noch mal auf die Seite zu gehen, sie wollten ihn erst säubern und die Schläuche wegmachen, und dann sollte ich wiederkommen. Anna schrie im Wohnzimmer auf dem Schoss der Nachbarin, ich ging zu ihr und stillte sie, danach ging ich wieder zu Michael. «Wasch dich erstmal», sagte die Nachbarin, weil auch ich ganz blutverschmiert war.

Allmählich zogen sich die Feuerwehrleute und Notärzte zurück. Dann kam die Kriminalpolizei. Es war ja ein ungeklärter Todesfall. Absurd. Auf einmal war es erstaunlich ruhig. Im Flur lag der mittlerweile zugedeckte Körper meines geliebten Mannes. Im Eingang standen zwei Polizisten, ein Mann und eine Frau.

«Diese Hilflosigkeit, die war wirklich unerträglich.»

In dem Moment war ich endgültig fertig. Ich weiss es noch deswegen, weil ich die ganze Zeit einen völlig ausgetrockneten Hals hatte. Ich hatte ständig um Wasser gebeten, alle Leute haben mir immer wieder Wasser gegeben, ich habe pausenlos getrunken. Es half aber nicht. Mein Hals blieb trocken. Ich lief ständig zwischen Wohnzimmer und Flur hin und her, setzte mich immer wieder neben Michael, roch an seinen Haaren, nahm seine Hand. Hätte ich doch eine Haarlocke abgeschnitten. Das wollte ich eigentlich tun. Die Polizisten winkten ab, das dürfe ich nicht, die Leiche sei beschlagnahmt, sozusagen. Hätte ich doch nur nicht gefragt.

Immer wieder sagte ich meinem toten Mann, dass es mir so leidtut, dass ich ihm nicht helfen konnte. Diese Hilflosigkeit, die war wirklich unerträglich. Dass du nichts machen kannst! So eine Ohnmacht. Die Polizistin fragte, ob sie rausgehen soll. Ich habe die Frage gar nicht verstanden. «Was?» Sie fragte noch einmal. Aber ich hatte die Frau gar nicht gesehen, mir war vollkommen gleichgültig, was um mich herum geschah. Sie blieb im Raum.

«Michi ist tot»

Immer wieder musste ich von Michael aufstehen, mein Hals war zu, ich brauchte Wasser. Ich weiss nicht mehr, wann ich begriff, dass es gut sein würde, jemanden anzurufen. Zuerst meine Mutter, ich sagte, es sei etwas Schlimmes passiert, fragte, ob sie kommt. Und meine Mutter: «Ja, ja. Ja, ja. Wann?» Dann wollte ich sie langsam vorbereiten, um ihr den Schock zu ersparen.

Und ich weiss es noch wie heute, wie das Gespräch lief, das war nämlich eine Zeit, als auch Michaels Vater mal wieder sehr krank war. Meine Mutter war sich hundertprozentig sicher, ich würde jetzt gleich sagen: «Otto ist tot.» Deswegen war sie noch entspannt. Das hätte sie ja nicht so sehr getroffen. «Versuch, dich nicht so sehr zu erschrecken.» Und sie: «Ja, was ist denn passiert?» Noch mit einer völlig ruhigen Stimme. Und dann habe ich es gesagt. «Michi ist tot.» Ein ganz spitzer Schrei am anderen Ende des Telefons, ich hörte sie zu ihrem Lebenspartner Karl rufen: «Nimm du mal, nimm du mal!», hörte ihr Wegrennen.

Am selben Tag konnten sie nicht mehr kommen, weil meine Mutter selbst einen Notarzt brauchte. Gott sei Dank kamen sie am nächsten Tag. Ich rief Freunde an, Familie. Alle dachten, Michael und ich riefen an, um ihnen ein frohes Neues Jahr zu wünschen. Es war ja Anfang Januar. Als die ersten Freunde kamen, musste ich über Michaels Körper im Flur steigen, um ihnen die Türe öffnen zu können.

«Irgendeinen Bestatter habe ich genommen, aus dem Internet. Wie absurd das alles war.»

Irgendwann kam die Kriminalpolizei ins Wohnzimmer, ich könne jetzt meinen Bestatter anrufen. Meinen Bestatter? Ich hatte nicht meinen Bestatter, so wie ich meinen Blumenhändler, meinen Friseur hatte. Ich wusste gar nicht, wen ich da anrufen sollte. Irgendeinen grossen habe ich genommen, aus dem Internet. Wie absurd das alles war.

Die kamen dann auch relativ schnell. Ich konnte es nicht ertragen, dabei zuzugucken, wie sie ihn auf eine Bahre laden. Ich sagte ihnen, ich hätte mich schon vorher verabschiedet, obwohl das gar nicht geht. Als die wegfuhren, schaute ich aus dem Fenster und sah zu, wie der Transporter mit meinem toten Mann durch die Schneelandschaft wendete.

Schon einmal knapp dem Tod entgangen

Michael hatte schon als Kind eine Aortenisthmusstenose. Das ist damals auch festgestellt worden, er wurde als Kind operiert. Er hatte als Kind schon einen Stent und wusste, dass er das, wenn er ausgewachsen ist, nochmal würde korrigieren lassen müssen. Die erste Operation als Kind ging gut, die zweite nicht. Da wäre er fast gestorben. Es gab Komplikationen im Anschluss an die OP. Das hat ihn sehr geprägt. Er ist schon als junger Mensch, im Alter von 20 Jahren, dem Tod von der Schippe gesprungen.

Mit dieser Erfahrung hängt sicher zusammen, dass er das ganze Thema nachher sehr weit von sich weggeschoben hat. Von Vorsorgeuntersuchungen hielt er nichts. Er wollte nichts mehr damit zu tun haben. Das empfinde ich als meine grosse Schuld, ihm gefolgt zu sein bei seinem Lebensmodell, mit dieser Krankheit so umzugehen. Für ihn war das ad acta gelegt. Immer, wenn man ihn darauf ansprach, sagte er: «Wieso, ich wachse doch nicht mehr.» Ich hätte das nicht so hinnehmen dürfen.

Michael hat sich körperlich kaum angestrengt. Fast nie. Hat auch ungesund gelebt, wann immer er das wollte. Einschränkungen lagen ihm gar nicht. Und das war auch etwas, das er eindeutig so formuliert hat. Mein Vater hat mal versucht, ihm ins Gewissen zu reden wegen des Rauchens. Und da hat Michael ganz klar gesagt: «Lieber kürzer und intensiv will ich leben, als mich einzuschränken.» Das fand mein Vater furchtbar damals, der konnte überhaupt nicht verstehen, dass man das so sagen kann. Aber so war es. Deswegen wollte sich Michael da auch nicht reinreden lassen, zur Kontrolle gehen. Aber dennoch.

Ich denke, er hat von seiner jugendlichen Operation ein Trauma mitgenommen, als es ihm so schlechtging. Jemand, der ihm so nah war wie ich und nicht traumatisiert, der hätte es eigentlich besser machen können als er selbst. Zumindest versuchen können. Ob er dem gefolgt wäre, ist noch eine ganz andere Frage. Aber ich hätte es zumindest versuchen können.

Der Tatortreiniger war da

In der ersten Nacht nach seinem Tod habe ich überhaupt nicht geschlafen. Zwei Freundinnen blieben bei mir, sie schliefen auf den Sofas im Wohnzimmer, Anna im Schlafzimmer. Und ich blieb in Michaels Arbeitszimmer und guckte mir Sachen von ihm an. Die Polizei hatte auch seinen Personalausweis angeschaut, den er in der Hosentasche hatte. Dann haben sie mir das Portemonnaie nachher wiedergegeben, ich nahm alles raus, seine Ausweise und die Bilder und so was. Ich habe die ganze Nacht damit verbracht. Ach so, nicht ganz, in dieser Nacht musste ich noch ins Krankenhaus gebracht werden, weil ich irgendwann einen Blutdruck von über 200 hatte.

Michaels Eltern wollten am nächsten Tag in die Wohnung kommen. Mittlerweile hatte ich schon einen Tatortreiniger da, weil ich weder selbst das ganze Blut wegwischen wollte, noch wollte ich es irgendwelchen Menschen zumuten, die ihn kannten. Dann habe ich einen professionellen Tatortreiniger bestellt. Der ist meistens nach Verbrechen im Einsatz. Die kommen dann mit allem möglichen Zeug an Ausrüstung vorbei. Es war mir klar: Bevor die Mutter in unsere Wohnung kommt, musste ich es irgendwie schaffen, die Spuren vom Sterben ihres Sohnes zu beseitigen. Das bedeutete auch, dass wir im Flur den Teppich rausreissen mussten, weil die Feuerwehrleute Michael ja in den Flur gezogen hatten und so viel Blut im Spiel war, dass da ganz viele Flecken auf dem Flurteppich waren. Ein Sisalteppich. Wir haben es gerade noch geschafft, auch den noch rauszureissen, bevor seine Eltern kamen.

«Plötzlich war ich mit Anna ganz alleine in der Wohnung.»

Ich konnte keine Schlaf- oder Beruhigungsmittel nehmen, weil ich unsere Tochter stillte. Sie war gerade fünf Monate alt. Ich habe fast nicht geschlafen, immer nur ganz kurz. Aber irgendwann schläfst du dann aus Erschöpfung, weil du gar nicht mehr kannst. Und weil Trauern wahnsinnig anstrengend ist, wahnsinnig kräfteraubend. Hinzu kamen die vielen Termine, Entscheidungen, die zu treffen waren, das Funktionierenmüssen. Grauenhafte Entscheidungen wie das Aussuchen eines Sarges.

Bis zur Beerdigung waren immer Menschen um mich. Ich erinnere mich aber an einen speziellen Tag, als alle abgereist waren, wirklich alle. Plötzlich war ich mit Anna ganz alleine in der Wohnung. Wir gingen raus, zu irgendeiner Beratungsstelle im Rathaus, auf der Suche nach irgendeiner Art von Unterstützung. Dabei kam nichts herum, aber ich erinnere mich an diesen Spaziergang durch den hohen Schnee mit dem Kinderwagen, an das absolute Alleinsein. Ich dachte: Was mache ich? Was mache ich bloss? Alleine mit dem Kind. O nein, o nein, o nein. Das war grauenvoll.

«Nun bin ich hier. Und wo bist du?»

Wir wurden von Freunden nach Österreich mit in den Winterurlaub genommen, ich war willenlos. Es war furchtbar. Ich habe immer auf diese schrecklich schönen schneebedeckten Berge geguckt, die Idylle mit Sonnenschein. Und ich dachte: «Nun bin ich hier. Und wo bist du?» Ich habe immer Michael gesucht. «Wo bist du? Wie geht's dir?» Ich habe immer noch gedacht, ich könnte mit ihm sprechen und würde vielleicht auch eine Antwort bekommen.

Habe ich aber natürlich nie. Man begreift das alles erst nach langer Zeit. Ich glaube, es gibt in allem einen Riesenunterschied zwischen dem rationalen Begreifen und dem emotionalen. Rational wusste ich ganz genau, dass er nicht wiederkommt. Aber emotional dauert es ewig, bis das ankommt.

«Später, als dann auch noch Anna starb, habe ich alles weggeworfen.»

In dieser Phase habe ich alle möglichen spirituellen Versuche gemacht, habe viel gelesen in diese Richtung, Bücher ausgewählt von Autoren, die über das Leben jenseits des Todes geschrieben haben. Ich habe versucht, durch diese Bücher einen Zugang zu finden, einen Zugang zu Michael, ich wollte ihn irgendwann und irgendwo wiederfinden. Das einzig Angenehme war es, diese Bücher zu lesen, auch in diesem schrecklichen Urlaub, ich freute mich abends sogar auf das Lesen dieser Bücher. Es war wie ein Auftrag, den ich in mir verspürte. Aber es brachte nicht das, was ich mir davon versprochen hatte. Eine Spiritualität habe ich für mich nicht gefunden, auch Antworten nicht.

Später, als dann auch noch Anna starb, habe ich alles weggeworfen. Weg damit. Das hilft mir jetzt auch nicht mehr, wusste ich.

Nach Annas Tod – sie starb mit nicht mal einem Jahr an einer Herzkrankheit, die nichts mit Michaels Krankheit zu tun hatte – wollte ich dann nicht mal mehr suchen. Nichts mehr, niemanden mehr.

Das Sterben verschoben

Ich kann nicht ganz genau sagen, was mich nach Annas Tod am Leben gehalten hat. Ich wusste mit absoluter Sicherheit, dass ich sterben würde. Ich war mir so sicher, dass ich aus dem Leben scheiden würde. Meine ganze Zeit habe ich nur noch darauf verwendet, mich darauf vorzubereiten. Ich wollte bestimmte Dinge in Erfahrung bringen, ein paar Sachen noch ordnen, wollte allen Briefe schreiben, mit denen ich zu tun hatte, wollte ihnen diesen Schritt erklären, sie meiner Liebe versichern und dergleichen. Ausserdem hatte ich technische Dinge zu klären: Wie mache ich es am besten? Und darüber ging die Zeit ins Land.

Zwei- oder dreimal hatte ich einen Termin auserkoren. Und am jeweiligen Tag verschoben. Danach habe ich angefangen, mich selbst nicht mehr ernst zu nehmen in dieser Frage. Mir wurde klar: Ich schaffe das wohl doch nicht. Beim ersten Mal dachte ich noch: Na ja, okay, du warst halt noch nicht fertig. Du hattest noch was zu erledigen. Als ich es dann aber noch mal verschoben hatte, habe ich mich ehrlich geärgert, fand mich gleichzeitig albern.

Irgendwann merkte ich: Ich muss von dieser Idee lassen. Ich mache es sowieso nicht. Das war sehr schmerzhaft. Weil ich dann nichts mehr hatte. Die Entscheidung, aus dem Leben zu scheiden, war alles, was ich vorher noch hatte. Also im Grunde hat mich dieser Plan und das Beschäftigen damit noch aufrecht gehalten. Dann hatte ich das nicht mehr, dann hatte ich definitiv nichts mehr. Das war noch mal ganz grässlich.

«Du bist vollkommen zerstört, und der andere versteht das sofort.»

An Trauergesprächen im Kreis «Verwaiste Eltern» nahm ich teil. Das war aufwühlend, aber auch schön. Ich weiss nicht, ob das Wort hier passt, aber doch, es hatte schon irgendwie etwas Schönes, auf Leute zu treffen, denen man gar nichts erklären musste. Das ist ja das Geheimnis dieser Gruppen: Du triffst auf wildfremde Menschen und bist innerhalb von wenigen Sitzungen ganz eng verbunden, weil du dir gegenseitig nichts erklären musst. Du bist vollkommen zerstört, und der andere versteht das sofort, die anderen weinen immer sofort mit, wenn einer weint. Das verbindet ungemein, und es ist auch eine Art von Geborgenheit.

Mit einigen Leuten aus der Gruppe bin ich auch heute noch befreundet, vor allem mit einem Paar. Und vermittelt über diese Organisation, die diesen Gesprächskreis initiiert hat, fand ich auch einen Therapeuten. Es war für mich relativ schwierig, zu ihm erst mal Zugang zu finden. Wir haben eine Weile gebraucht. Zwischendurch habe ich ihn auch mal richtig doof gefunden und hätte die Therapie am liebsten abgebrochen. Ich dachte, es nützt sowieso nichts, bin aber trotzdem immer weiter hingegangen.

Schon wieder? Auch das ist so absurd

Ein halbes Jahr später kriegte ich dann einen Anruf von der Lebensgefährtin dieses Therapeuten, er sei erkrankt, die Sitzungen müssten jetzt leider erst mal ausfallen, sie würden sich wieder melden. Das Nächste, was ich erhielt, war dann die Trauerkarte im Briefkasten. Er war gestorben.

Da dachte ich: Schon wieder? Auch das ist so absurd. Weswegen gehe ich zu dem? Um zwei Tode zu verarbeiten. Und was macht er? Er stirbt. Was soll das? Dann hatte ich erst mal keine Lust mehr. Im Sommer des darauffolgenden Jahres habe ich dann doch noch mal einen Anlauf genommen. Ich hatte schon ein Bewusstsein dafür, dass ich eine Behandlung brauche. Ich wusste ja auch, wie schwer dieser Anlauf mit dem verstorbenen Therapeuten war, wie lange wir gebraucht hatten, bis das einigermassen ging. Und vor diesem Prozess hatte ich absolute Angst.

Mein neuer Versuch war mit einer Therapeutin. Ich glaube, ich war ungefähr zweimal bei ihr, als sie anrief und sagte, sie traue sich den Fall nicht zu. Sie könne das nicht machen. Danach hatte ich endgültig keine Lust mehr auf Therapien.

Weihnachten ist noch immer schlimm

Es waren Freundinnen und Freunde, die mich gestützt haben. Die Weihnachtsfeste waren und sind noch immer schlimm. Ich fuhr mit Freunden an die Ostsee, und obwohl es schwer war, waren diese kleinen Reisen kleinere Lichtmomente in einem ansonsten sehr, sehr düsteren Alltag. Aber letztlich war es besser, als alleine zu Hause zu sein. Das hatte ich im Sterbejahr meines Mannes und meiner Tochter erlebt, Weihnachten alleine zu Hause mit sehr viel Alkohol. Meine Mutter ist schier durchgedreht, die wollte unbedingt kommen, aber ich wollte das nicht. Ich wollte ja aus dem Leben scheiden.

Im Herbst desselben Jahres fing ich wieder an zu arbeiten. Auch so etwas, das sich zufällig ergeben hat. Denn ich selbst habe nichts unternommen. Dazu war ich viel zu schwach. Ich bin angerufen worden. Das war eine Zeit, in der offensichtlich die Botschaften händeringend Leute suchten und ihre alten Karteien durchforsteten. Ich war schliesslich zehn Jahre raus aus meinem Beruf im diplomatischen Dienst. Und da rufen mich gleich mehrere Institutionen an und fragen, ob ich für sie arbeiten könnte.

Als Rettung habe ich das nicht sehen können. Ich war zu keiner Entscheidung in der Lage. Das haben immer andere für mich gemacht. Meine Schwester war sehr aktiv und wollte unbedingt, dass ich eine Beschäftigung habe. Sie sagte dann zum Beispiel: «Geh doch wenigstens mal hin zu einem Vorstellungsgespräch.» Und dann habe ich gedacht, ja, okay. Ich habe gedacht, die nehmen mich sowieso nicht. Ich war ja zehn Jahre raus aus dieser Tätigkeit. Warum sollten die mich nehmen? Und als der Zuständige dann anrief und sagte, das wird wahr, er habe sich für mich entschieden, da wollte ich sofort absagen. Dann kam wieder meine Schwester: «Geh doch hin. Du kannst doch jederzeit wieder kündigen. Geh doch erst mal hin und schau, ob das nicht gut für dich ist.»

«Ich wollte unbedingt sterben, und unbedingt im gleichen Jahr wie meine Familie.»

Ich habe mich schieben lassen. In dieser Zeit habe ich mich viel schieben lassen. Der Wiederbeginn im diplomatischen Dienst war eine merkwürdige Sache. Es war eigentlich eine totale Überforderung. Ich war so kraftlos, ich konnte das eigentlich gar nicht. Aber auf der anderen Seite bin ich auch so ein Pflichttyp, der es auch damals nicht wirklich hätte ertragen können, unvorbereitet dahin zu gehen. Und so hatte ich jeden Tag ein bisschen was zu werkeln, was zu machen, zu tun. Im Inneren war ich ja immer noch überzeugt: Ich bleibe nicht hier auf dieser Welt. Und dann habe ich wieder pflichtbewusst gedacht: Na ja, ich muss meine Mitarbeiter schon wenigstens bis zu meinem nächsten Urlaub bringen. Ich kann die ja nicht so mittendrin im Stich lassen ... also total behämmert. Tatsächlich ist das aber so in mir vorgegangen. Zuerst hatte ich mir den Herbsturlaub vorgenommen. Als es dann nicht geklappt hat, habe ich mir die Weihnachtsferien vorgenommen.

Es war aber nicht mein Pflichtbewusstsein, das mich am Leben gehalten hat. Ich glaube, es gibt einfach einen Überlebensdrang in den meisten von uns. Sicher nicht in jedem, aber in den meisten von uns. Den hat es auch in mir gegeben – obwohl ich ihn gehasst habe. Ich habe es gehasst, als ich das erkannt habe. Ich wollte es nicht. Ich wollte unbedingt sterben, und unbedingt im gleichen Jahr wie meine Familie. Das war mir wichtig. Und als ich es dann zum Jahreswechsel immer noch nicht geschafft hatte und wusste, jetzt steht auf dem Grabstein unter meinem Namen ein anderes Jahr, war ich so böse auf mich! Ich habe mich sehr schwergetan mit diesem Überlebenswillen, ihn zu akzeptieren, ihn zuzulassen. Das ist mir wahnsinnig schwergefallen.

Gedanken an ein Pflegekind

Irgendwann trat Gewöhnung ein. Du kannst dich der Gewöhnung nicht widersetzen, sie tritt einfach irgendwann ein, ob du willst oder nicht – und ich wollte das keineswegs. Irgendwann bist du daran gewöhnt, dass die geliebten Menschen nicht mehr da sind. Dass die Zeit Wunden heilt, das stimmt ganz und gar nicht. Aber die Trauer verändert sich durch die Gewöhnung. So habe ich mich auch an meinen Überlebenswillen gewöhnt. Ich habe sehr lange Zeit mein Leben nicht besonders geschätzt, und das tue ich auch jetzt nur begrenzt. Aber ich hasse mich nicht mehr für diesen Überlebenswillen – immerhin schon mal ein erster Schritt.

Relativ früh nach Annas Tod, schon im Jahr darauf, hatte ich angefangen, über die Möglichkeit eines Pflegekindes nachzudenken. Und zwar weil ich eine Werbung gesehen hatte irgendwo in der U-Bahn: «Familien für Kinder». Das ist so ein Verein, der von den Jugendämtern beauftragt wird, bestimmte Informationsveranstaltungen zu Pflegekindern zu machen. Die hatten Werbebanner geschaltet.

Dieses Ding hat mich irgendwie angezogen, ich starrte während der gesamten U-Bahn-Fahrt auf diese Anzeige. Wäre das was für mich? Nein, im ersten Moment hielt ich es für eine absurde Idee. So etwas braucht ja auch eine Weile, bis das reift, bis man irgendwann neues Leben im eigenen Leben zulassen kann. Es klang für mich schäbig, meine Anna einfach durch ein anderes Kind zu ersetzen. Ich wusste zwar, dass das nicht so sein würde und dass ich nie Anna ersetzen würde, ich hatte aber trotzdem diese Gedanken.

Ich konnte die Entscheidung nicht selber treffen

Aber auf der anderen Seite habe ich gemerkt, dass ich wie ferngesteuert irgendwann mal zu so einer Veranstaltung von «Familien für Kinder» hinging. Rein theoretisch habe ich mich informieren lassen, wie das dann alles so geht und wie die rechtliche Situation ist. Ich merkte, dass ich da gerne hinging, dass ich mich auf die Termine freute. Das habe ich als Zeichen gedeutet. Aber dieses Zeichen war natürlich noch weit entfernt von einer Entscheidung.

Ich glaube, ich wäre auch nie in der Lage gewesen, mich zu entscheiden. Das ist mir irgendwann klargeworden. Ich hätte nie sagen können: Ja, okay, ich mache das jetzt, ich gehe jetzt diesen Weg. Weil ich aber dennoch wusste, so komme ich da nicht weiter, meldete ich mich einfach bei diesem Kinderpflegedienst und sagte mir: Ich gehe jetzt einfach mal die nächsten Schritte. Man muss ohnehin ein Prüfverfahren über sich ergehen lassen. Und da dachte ich, dann mache ich das einfach, und entweder denke ich zwischendurch, o Gott, o Gott, o Gott, das wird nichts, oder ich muss so weit gehen, dass sie mir dann irgendwann mal einen Vorschlag machen, mir ein Kind vorstellen. Erst dann würde ich wissen, ob ich es hinkriegte.

So habe ich es auch gemacht. Nachdem ich die Prüfung bestanden hatte, das Gütesiegel vom Jugendamt in der Tasche, wusste ich auf dem Nachhauseweg und in den Tagen danach noch keineswegs, ob ich am Ende würde zustimmen können. Und ehrlich gesagt, als ich meine Pflegetochter dann gesehen hatte, ein süsses kleines Mädchen mit Schokoladenaugen und braunen Haaren, wusste ich es auch noch nicht. Auch da habe ich noch einen Anstoss von aussen gebraucht. Obwohl ich sie schon kannte, obwohl ich sie schon ein paarmal besucht hatte, auf dass sie sich an mich gewöhnen möge. Ich musste die Entscheidung, ob ich dieses Pflegekind zu mir nehmen würde, dem Schicksal überlassen, ich konnte sie nicht selber treffen.

«An mir klebte einfach zu viel Tod.»

Und dann kam eines schönen Tages nach mehreren Wochen ein Anruf vom Jugendbeamten: «Es tut uns wahnsinnig leid, aber es wird doch alles nichts.» Das war eine Fehlinformation, wie sich später herausstellte. Also irgendjemand von den Ämtern hatte etwas völlig falsch verstanden. Ein paar Tage lang haben die tatsächlich geglaubt, das wird nichts, und haben mir das auch so übermittelt. Und da erst – da erst! – wusste ich es. Da hatte ich dann das Gefühl, dass es richtig ist, Leni als meine Pflegetochter aufzunehmen. Ich wollte das schöne Gefühl der Wärme und Sorge für sie nicht mehr missen.

Nach dem doppelten Tod meines Mannes und meiner Tochter glaube ich sagen zu können, dass ich das Meiste von dem erlebt habe, was überhaupt zu erleben möglich ist. Auch, was die Anteilnahme anbelangt. Freunde, die sich so verhalten haben, wie ich es erwartet hätte, die da waren, aber auch nicht ständig auf der Matte standen. Enge Freunde, von denen ich eigentlich viel erwartet hatte, die aber weggelaufen sind aufgrund ihrer eigenen Angst vor dem Tod. An mir klebte einfach zu viel Tod. Das hat einige abgeschreckt.

Ich habe aber auch mindestens zwei Leute erlebt, die vorher gar nicht so nah an mir dran waren, dass die sich so verpflichtet hätten fühlen müssen. Und die sind beide quasi über sich hinausgewachsen und waren immer da, haben immer was angeboten. Die musste ich fast rausschmeissen, wenn ich mal für mich sein wollte.

Viel Unterstützung

Also da war wirklich alles dabei. Auch tiefe Enttäuschungen. Eine richtig gute Freundin, die verschwunden war, die sich geradezu versteckte. Das hat mich sehr verletzt. Jahre später schrieb sie mir einen Brief, wir trafen uns, und sie gestand mir, wie überfordert sie mit der Situation war. Annas Tod habe ihre eigene Verlustangst hervorgebracht, diese Angst habe sie überwältigt. Sie vergoss dann viele Tränen über sich selbst und über ihre Unfähigkeit, mir beizustehen. Für mich war es damit dann gut.

Aber ich hatte viel Unterstützung von meiner Familie, wirklich viel Unterstützung. Meine Schwester war für mich da, meine Mutter, mein Vater. Die haben sich alle abgewechselt, andauernd waren sie da.

Vor diesen Verlusten war ich eine andere, auf jeden Fall. Das steht fest. Ich war zuversichtlicher. Ich war bestimmt nicht ein ewig fröhlicher und glücklicher Mensch. Ich hatte natürlich auch meine Tiefen und Krisen, was alles so dazugehört. Aber ich hatte eine Art Grundoptimismus für mein Leben und auch für unser Leben. Das war ja damals einfach immer ein gefühltes «Wir» und «Unser». Und just in der Phase, in der alles zusammenbrach, hatte ich dieses Gefühl besonders. Es war eigentlich unsere beste Zeit.

Michael hat das auch so empfunden. Deswegen ist mir sein Brief so wertvoll, den er mir zu Weihnachten, kurz vor seinem Tod, schrieb. Es stehen dort viele schöne Sätze drin, vor allem über das Glück mit Anna. «Das war unser Jahr» – diesen Satz lese ich noch oft.

Wir waren so voller Pläne, voller Zukunftspläne und voller Glück, dass uns das noch beschieden war mit der kleinen Anna. Michael war ein unglaublich stolzer Vater. Und dieses Grundgefühl fürs Leben, das hat mich damals auch getragen.

Die Zuversicht ist weg

Ich von mir aus hätte mich, glaube ich, nie von Michael getrennt. Das ist ein grosser Satz, denn man weiss ja nie, was passiert, ob man zusammenbleibt. Aber in dem Moment zumindest habe ich mich so gefühlt, als sei das mein Gefährte bis an mein Lebensende. Und ich sah uns mit einem weiteren Kind und Häuschen und Garten und so. Es ging uns wirklich ziemlich gut.

Die hat sich schon verändert, diese Grundzuversicht dem Leben gegenüber, sie ist mir ganz gründlich abhandengekommen. Ich habe auch keine Ziele mehr. Ich nehme jetzt, was kommt. Ich kann mich über vieles sehr freuen. Ich kann mich über schöne Abende sehr freuen. Ich kann mich über Leni freuen, wie sie heute Morgen in mein Bett kam und sagte: «Meine Mama! Meine Mama!» Das ist ganz toll. Und das weiss ich sehr zu schätzen, wie ich überhaupt den Goldschatz Leni sehr zu schätzen weiss. Manchmal fragt sie nach Anna, und dann erzähle ich von ihr. Aber für mich habe ich keine Pläne und keine Ziele. Es plätschert so dahin, und es ist mir eigentlich egal, wie lange das dauert.»

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