«Wir hörten da zu, wo niemand hinhören wollte»

Nach zwölf Jahren wurde Barbara Bürers Telefon-Talk «Nachtwach» eingestellt. SRF spart bei seiner reinsten Form des Journalismus: Dem Zuhören.

Abschiede verdaut sie nur langsam: Barbara Bürer in ihrer Wohnung in Rapperswil-Jona. Foto: Doris Fanconi

Abschiede verdaut sie nur langsam: Barbara Bürer in ihrer Wohnung in Rapperswil-Jona. Foto: Doris Fanconi

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Frau Bürer, Sie haben nach Ihrer letzten Sendung «Nachtwach» nur wenig geschlafen. Wie geht es Ihnen?
Ich bin überrascht, wie gut es mir geht. Ich war sehr beglückt über die letzte Sendung und die grosse Wertschätzung, die mir entgegenschwappte. Es war ein gutes Format, und es kam zu einem guten Ende. Was später noch schlummert, weiss ich nicht. Wissen Sie, was das Schönste ist?

Sagen Sie es mir.
Dass ich jetzt nicht mehr bei jeder Sendung daran denken muss, dass es die drittletzte, die zweitletzte, bald die letzte ist. Die Gefühle kamen immer wieder hoch. Jetzt ist es vorbei, und ich muss sie nicht mehr im Griff haben. 

Sie sagten bereits, dass Sie nicht gut Abschied nehmen können.
Nein, ich kann nicht gut loslassen. Auch von Menschen, die in mein Leben kamen und wieder gingen. Das sind bei mir sehr lange Prozesse.

Was steckt dahinter?
Verlustängste, nehme ich an.

«Menschen haben genug wahre Geschichten.»

Auch die Angst, einen Teil von sich selber zu verlieren?
Ja, bei «Nachtwach» geht sicher ein grosser Teil von mir zu Ende, eine Ära. Ich glaube, ich war sehr authentisch in dieser Sendung. Es erfüllt mich mit Demut, dass ich sie machen durfte. Dass ich so viele Geschichten gehört habe, die man sonst nicht hört. Es erfüllt mich mit grosser Dankbarkeit, aber es ist ein kleines Sterben.

Sie sind 63, haben das Rentenalter 64 noch nicht erreicht. Werden Sie von SRF in die Frühpensionierung geschickt?
Ich habe noch keine Kündigung erhalten. Nach der No-Billag-Abstimmung hat sich die SRG ein Sparprogramm von 100 Millionen auferlegt. Alle Abteilungen mussten einsparen. «Nachtwach» gehört wie «Aeschbacher» zu den Sparopfern.

«Aeschbacher» kostete pro Sendung rund 52'000 Franken, ein «Sportpanorama» 72'000, ein «Literaturclub» 60'000. Eine Ausgabe «Nachtwach» geschätzte 10'000 Franken. Das macht wenig Sinn.
Mir geht es nicht mal um die Zahlen. Ich finde es schade, dass man eine solche Sendung, die aus meiner Sicht Service public in seiner Reinform ist, streicht. Hier erzählten Menschen direkt aus ihrem Leben, freiwillig, ungefiltert und nicht kuratiert. Jeder, der wollte, konnte eine Stimme werden. Diese Unmittelbarkeit gibt es sonst nicht auf SRF.

Gibt es ein alternatives Format?
Darüber weiss ich nichts.

Sie verschafften Ihrem Unmut über die Streichung auf Facebook Luft. Es gab eine Onlinepetition dagegen, die aber nur rund 260 Menschen unterschrieben. Halt doch ein Nischenprodukt?
Ja klar waren wir ein Nischenprodukt. Wir fielen in den Medien nicht gross auf, generierten keine Skandale. Es war eine kleine, feine Sendung spät am Abend, die ihr Publikum gefunden hat.

Sie feierten einen sehr stillen Abschied. Sie entledigten sich Ihres Mikrofons, deckten das Pult mit einem Tuch ab und verneigten sich mit ihrem Team vor dem Publikum. Herr Aeschbacher feierte eine ganze Samstagabendshow. Warum?
Kurt Aeschbacher hat das auch verdient. Er war vierzig Jahre auf Sendung. Für mich stimmte dieser stille Abschied. Es war ein Dankeschön für die Anrufenden. Sie standen im Zentrum. Deshalb hiess die Sendung ja auch nicht «Bürer». Es ging um die Menschen da draussen – auf sie sollte das Scheinwerferlicht fallen.

Was geben Ihnen diese Geschichten?
Mich interessierte immer, wie andere leben, womit sie kämpfen, welche Seelennöte sie haben. Ich wollte, dass sie gehört werden, dass sie ihre Geschichte formulieren konnten. Ich war bloss ihr Spiegel. Vieles verstand ich, vieles war neu. Vieles fand ich unvorstellbar. Ich wollte mich nie nur in meiner Blase von Gleichgesinnten treffen, sondern die andere Schweiz zeigen, der es vielleicht nicht so gut geht.

Haben Sie gelernt daraus?
Mir fällt nur das Wort «dankbar» ein. Ich war dankbar, sie zu hören. Aber natürlich erweiterten sie meinen Horizont, erinnerten mich daran, achtsam und respektvoll durchs Leben zu gehen.

Ist das Verstehen von anderen auch ein Versuch, sich selber zu verstehen?
Ja, vieles klang bei mir an. Ich kenne Traurigkeit, das Alleinsein, Angst, Verlust, Sterben. Ich war oft auch begeistert, was die Menschen für Lösungen für ihre Probleme fanden. Leute, die Geliebte verloren haben, deren Angehörige ermordet worden sind, die mit Folgen von Missbrauch und Depressionen kämpfen und trotzdem das Leben bejahen. Man redet zu wenig miteinander.

Hat man früher mehr miteinander geredet?
Nein, aber es war anders. Es gab viel weniger Medien und keine sozialen Medien. Man erzählte sich mehr Geschichten, Geschichten aus dem Leben.

Weil es eine der wenigen Quellen war?
Ja, man sass am Tisch, ass, trank und erzählte einander Geschichten. Vielleicht überhöhe ich das, aber ich glaube, früher passierte mehr zwischen den Menschen, weil es weniger Ablenkung gab. Man musste sich erzählen, wie es in den Ferien war, weil noch nicht alle die Fotos auf Facebook gesehen hatten.

Sie erhielten in den letzten zwölf Jahren einen tiefen Einblick in die Psyche der Schweiz. Wie geht es ihr?
Ich kann nicht sagen, wie es den Schweizerinnen und Schweizern geht. Ich kann nur sagen, dass jene, denen es schlecht geht, in der Öffentlichkeit wenig zu Wort kommen. Letztlich geht es immer um Liebe, Beziehungen, Tod, Ängste, Schmerz, Arbeit, Arbeitslosigkeit.

Die Leute redeten mit Ihnen erstmals über ihren Missbrauch, wie ihr Vater sie auf den Strich schickte, was für Wunder sie erlebten, warum sie seit Jahren keinen Sex oder warum sie jemanden umgebracht haben. Wie verarbeiteten Sie das alles?
Die tragischen Geschichten erschütterten mich teilweise sehr. Eine Frau rief mich kurz vor ihrem Sterben an und liess mir nach ihrem Tod eine Karte zukommen. Zur Aufarbeitung gehörte, dass wir nach den Sendungen im Team jedes Gespräch nochmals besprachen.

Reporter macht das neidisch. Bis uns die Menschen solche intimen Details erzählen, müssen wir lange Vertrauensarbeit leisten. Wie schafften Sie es?
Ich musste es nicht schaffen, es war das Format, das es schaffte, auch die Ano­nymität. Aber sicher spielte es eine Rolle, wer da stand und zuhörte. Ich habe eine gewisse Schicht angesprochen, die wusste, dass ich sorgfältig mit ihren Geschichten umgehe.

Was hatten die Hörer davon? Befriedigte «Nachtwach» schlicht den Voyeurismus der Menschen?
Sie waren ja Hörerin.

Ich erhoffte mir, dass die Sendung das Verständnis der Menschen für andere Lebenswelten förderte.
Ich hoffe sehr, dass die Sendung dieses Potenzial hatte. Sie zeigte die Sicht der anderen. Wir hörten da zu, wo niemand hinhören wollte. 

In Ihrer zweitletzten Sendung wurde Ihnen von einem Internet-Comedian eine Lügengeschichte aufgetischt. Wann merkten Sie es?
Unmittelbar nach der Sendung. Ich war schon im Gespräch leicht skeptisch. Aber live ist es gefährlich, jemanden als Fake zu bezeichnen – man könnte falschliegen. Nach der Sendung haben wir recherchiert, stiessen auf ihn und machten einen Facebook-Post. Er wollte mich danach treffen und mir einen Blumenstrauss überreichen. Ich habe vorgeschlagen, dass er den Betrag an die Dargebotene Hand spendet.

Denken Sie, es kam oft vor, dass Ihnen die Menschen Lügen erzählten?
Ich weiss es nicht. Normalerweise wurden die Fake-Anrufe von der Redaktion abgefangen. Und einmal, als ich meinte, dass diese Geschichte nicht stimmen könne, tat ich dem Hörer unrecht.

Der Journalismus wird gerade von einem Skandal erschüttert. Claas Relotius erfand seine Geschichten.
Es ist unglaublich, dass es ihm gelungen ist, alle so hinters Licht zu führen. Er hat die Menschen extrem hintergangen und schadet jeder Journalistin, die seriös arbeitet, rausgeht und Geschichten sammelt und sie so wiedergibt, wie sie sich zugetragen haben. Das war mein oberstes Credo bei Reportagen. Relo­tius, das hoffe ich sehr, ist ein Einzelfall. Die Menschen haben eigentlich genug wahre Geschichten.

Müsste es mehr Journalismus wie «Nachtwach» geben?
Ich fand es schön, dass die Sendung live, die Sprache roh und ungeschnitten, die Geschichten ungecastet waren. Ich hoffe aber auch nicht, dass ich bald keine schönen Reportagen mehr lesen kann.

Wie geht es für Sie weiter?
Ich gehe erst mal in die Ferien. Der nächste Dienstag wird der erste seit zwölf Jahren, an dem ich nicht da bin. Das war perfekt für mich. Ich gehe nicht gerne in die Ferien.

Warum?
Ich mochte Ferien schon als Kind nicht. Es war für mich eine grosse Sache zu gehen. Ich überlege mir lange, was ich dann dort mache, und wenn ich dann gehe, bin ich die ersten zwei Tage unausstehlich, und meistens muss ich früher nach Hause, weil ich Heimweh habe.

Sie haben auch angekündigt weiter­zumachen. Ein Bürer-Podcast?
Wir wissen noch nicht, was es werden könnte. Ich finde das Reden mit Menschen etwas Schönes, auch das anonyme Reden. In irgendeiner Weise will ich das in ein Liveformat rüberretten. Darüber denken wir jetzt nach.

Eine letzte Frage, in der Art, wie Sie sie gerne stellten: Wenn Sie zurückschauen, über all diese Jahre «Nachtwach», was sehen Sie für ein Bild?
Der Moment kurz vor der Sendung. In dieser Kulisse, die vorgibt, sie wäre mein Wohnzimmer. Im Ohr habe ich die Produzentin, die mir viel Glück wünscht. Ich klatsche mit dem Kameramann ab, die Regie zählt die letzten Sekunden runter. Das Signet ertönt, ich laufe rein, denke, hoffentlich kann ich die Anmoderation. Dann geht es los . . . Und jetzt ist es vorbei. Ich bin neugierig, was kommt. 

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 05.01.2019, 15:29 Uhr

Preisgekrönte Journalistin mit Gespür: Barbara Bürer 

Barbara Bürer startete ihre Karriere bei Radio DRS, kam dann zum TA ins Ressort Sport und fiel bald mit sehr persönlichen Porträts auf. Nach einem Ausflug zum TV kehrte sie als Reporterin zumTA zurück, arbeitete drei Jahre bei «Die Zeit» in Deutschland, wechselte zum «Magazin», bis sie schliesslich «Nachtwach» übernahm. 1996 erhielt sie den Berner Medienpreis für Lokaljournalismus. Bürer lebt in Rapperswil-Jona. (rar)

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