«Wir haben kein Wetter, wir haben Dreck!»

Unser Autor lebt mit drei Kindern in Peking. Es ist aufregend, nur manchmal rufen die Kleinen: «Der Mond!» Bloss, es ist Tag.

«Atmen einstellen, bitte!»: So hiess ein Buch unseres Autors. Dieses Zeitraffervideo zeigt, wie eine Smog-Wolke Chinas Millionenmetropole Peking einhüllt.

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«Und wohin fahrt ihr in den Ferien?» Unschuldige Frage. Sohn Nummer zwei war schneller als ich. «Wir fahren tanken», sagte er. Unschuldige Antwort. Stimmt, so hatten wir das ein paarmal zu Hause gesagt – «Kinder, wir fahren frische Luft tanken».

Ferien, das heisst für uns seit fünf Jahren: weg aus Peking. Weit weg. Und zwar jeden einzelnen Tag. Allgäu, Ostsee, Island. Sauerstoffbad. Wenns hilft. Bei Kindern soll sich die Lunge ja gut regenerieren. Sie ist ein Organ, das sich in diesem Alter wieder und wieder erneuert. So wenigstens hatte es der Arzt einer Freundin erzählt, die auch mit ihren Kindern in Peking lebt, und sie hatte es ihren Freunden weitererzählt, und wir alle, verfolgt von demselben Bangen, klammern uns gern an die Erzählung. Klingt zu gut, um nachzufragen. Wenns denn hilft. Dem Kopf.

Feinstaubwerte in der App «Airpocalypse»

Ist auch wichtig, der Kopf. Sagt Kyoko, unsere Hausärztin in Peking, eine Japanerin, die einen blauen Haarschopf hat und hervorragendes Bayerisch spricht. Kyoko ist eher von der toughen Sorte. «Ah geh, der Smog», sagt sie und winkt ab. «Beim Radeln sterben hier viel mehr Menschen.» Kyoko findet: Dem Smog tritt man am besten mit einem trotzigen Grinsen entgegen.

So wie Sohn Nummer zwei, der einmal nach einem Blick in die dunkelgraue Wolle, die sich in Peking Luft nennt, unsere Drohung mit dem Samichlaus lässig als Bluff entlarvte: «Der Samichlaus kann gar nicht sehen, was wir hier anstellen!» Von allen Smog-Apps empfiehlt Kyoko ihren Patienten «Airpocalypse», die einem Pekings tägliche Feinstaubpackung mit lakonischem Witz serviert.

Gerade, da ich diese Zeilen schreibe, sind wir bei 173 Mikrogramm pro Kubikmeter. Zehn sind gesundheitsverträglich, sagt die WHO, 20 sind der Grenzwert. In Stuttgart hyperventilieren sie bei 50. Wir Pekinger tanzen bei 50 auf den Strassen. Wir sehen 173 und zucken resigniert mit den Schultern: Alltag. «Only in Beijing is this normal», sagt meine App. In Peking und Umgebung, sagen chinesische Studien, leben die Leute im Durchschnitt fünf Jahre kürzer als anderswo, wo die Luft sauber ist. Der Smog, der Feinstaub vor allem, tötet in China bis zu anderthalb Millionen Menschen im Jahr.

«Opa, die Leute hier wissen gar nicht, wie gut sie es haben. Die ganzen Bäume! Die ganze Luft!»Die Tochter des Autors

Wir Pekinger leben in unseren Feinstaub-Apps. Ich habe gleich zwei. Die eine listet neben den Werten der chinesischen Regierung auch die der US-Botschaft in Peking auf. Früher waren die von den Amerikanern gemessenen Werte oft doppelt so hoch, mittlerweile haben die Chinesen Transparenz gelobt. Die Zahlen sind jetzt gleichermassen deprimierend. Allerdings hört die Skala der Regierung noch immer bei 500 Mikrogramm pro Kubikmeter auf, obwohl manche Städte im vergangenen Winter wieder Rekordwerte massen, die doppelt so hoch lagen.

Wir rufen die Pekingwerte auch ab, wenn wir im Urlaub sind, fast täglich. Es ist eine Obses­sion. In diesem Sommer waren wir in New York (Feinstaubwert: 14) und im Allgäu (16), dort leben meine Eltern. Einmal stand unser Neunjähriger mit dem Grossvater auf einer Wiese neben dessen Haus und sagte: «Opa, die Leute hier wissen gar nicht, wie gut sie es haben. Die ganzen Bäume! Die ganze Luft!» Stimmt. Plötzlich ist da Luft. Das fällt einem immer wieder auf, wenn man Peking verlässt: Wie sich mit einem Mal die Brust öffnet, so als habe man eine Last abgeworfen. Eine Last, die einem zurück in der Stadt schnell wieder zur Gewohnheit wird.

Ja, irgendwo da hinten ist noch die Millionenstadt: Ein ganz normaler Tag in Peking. Foto: Keystone

Dass die Luft in Peking schmutzig ist, das wussten wir, bevor wir im Sommer 2012 in der Stadt landeten, um sie zum zweiten Mal zu unserer Heimat zu machen. Dass es noch viel schlimmer kommen würde, als es in unserer Erinnerung jemals war, ahnten wir nicht. Denn Anekdoten hatten wir uns auch in den 1990er-Jahren genug zu erzählen gehabt. Vom Fensterbrett zu Hause, auf dem sich jeden Abend eine Russschicht abgelagert hatte, in die man die schönsten Schrift­zeichen malen konnte. Vom blütenweissen Taschentuch, das sich schwarz verfärbte, wenn man hineinschnäuzte. Als damals ein kleiner Band mit Peking-Geschichten von mir erschien, gab ich ihm den Titel «Atmen einstellen, bitte!». Schon damals waren Pekings Nächte nicht schwarz, sondern von milchigem Grau.

Gleich nach der Ankunft bestellten wir drei Luftwäscher. Sie waren ausverkauft.

Wir waren nun aber nicht mehr allein. Wir hatten drei kleine Kinder. Wiegten lange die Köpfe. «Macht es nicht», sagten die einen Freunde. «Kommt», sagten die anderen, «es geht schon.» Erzählten stolz von den Luftwäschern, die sie alle zu Hause stehen hatten, «IQAir», Schweizer Fabrikat, anderthalbtausend Euro pro Stück und Zimmer. «Die funktionieren wirklich gut.» Wir packten für Peking, es warteten dort so viele Freunde, so viele Abenteuer. Und das Essen, ach.

Gleich nach der Ankunft bestellten wir drei Luftwäscher. Sie waren ausverkauft. Wir mussten mehr als eine Woche warten. Und wurden mit jedem Tag nervöser: Wir waren mitten in eine Smogwelle hineingeraten. Den Chefs hatte ich gesagt: «Und wenn nur eines der Kinder anfängt zu husten, bin ich weg.» Nun erstmals die leisen Gedanken: Und was, wenn es dann schon zu spät ist?

Die gute Nachricht: Die Taschentücher verfärben sich nicht mehr schwarz. Weil es in den Gassen und Häusern keine Kohle­öfen mehr gibt. In unserer Altstadtgasse zum Beispiel kochen und heizen die Leute heute mit Strom. Die schlechte Nachricht: Der Strom kommt aus Kohlekraftwerken vor den Toren Pekings. Zusammen mit den Stahl-, Glas- und Zement­fabriken hauen diese Kraftwerke keine sichtbaren Grob­partikel mehr raus, dafür aber Unmengen an – viel gefähr­licherem – Feinstaub. Die kleinsten Partikel dringen von der Lunge direkt in die Blutgefässe ein, ins Herz. Der Pekinger lebt in ständigem Feinstaubbombardement. Die Luft in China war noch nie so giftig wie heute.

Flucht in Sarkasmus und Galgenhumor

50 Shades of Grey – das ist in etwa der Farbfächer, der die verschiedenen Abstufungen der Pekinger Luft beschreibt, und mit dem auch wir bald nach unserer Ankunft so gekonnt jonglierten wie die Eskimos mit ihrem Wortschatz für alle Aggregatzustände von Schnee. Wie lebt man damit?

Es gibt die Spötter und Relativierer – «Die Luft in Delhi ist noch schlechter. Und in Lahore». Die Flucht in Sarkasmus und Galgenhumor. Die beobachte ich auch bei mir, etwa wenn ich mich ein paar Augenblicke lang diebisch freue über meinen Screenshot des Feinstaubwerts 444, das 22-Fache des WHO-Grenzwertes. Weil das auf Chinesisch auch als «Tod, Tod, Tod» gelesen werden kann. Die Luft ist Small-Talk-­Thema Nummer eins. Vor allem unter Eltern münden die Gespräche meist ins besorgte Fachsimpeln. Über PM2,5- und PM10-Partikel. Über Luftreiniger. Über Atemschutzmasken.

Die Vor- und Nachteile des Modells «Respro» also. Nachteil laut Vater: Man sieht aus wie Darth Vader. Vorteil laut Sechsjährigem: Man sieht aus wie Darth Vader. Doch lieber Modell «Totobobo», mehr Knuddelpanda? Oder die «N95»-Maske aus dem Onlineshop? Man tauscht Tipps. Eher seltener die der chinesischen Presse («Birnen essen!», «Mund auswaschen!», «Kleider oft in die Waschmaschine!»). Die Volkszeitung empfiehlt Mu-Err, Chinesische Morchel: «Gut für die Lunge.»

Werbe- und Anleitungsvideo: Wie man sich die Darth-Vader-Maske richtig anzieht. Video: Youtube

Wir haben nicht nur unsere Apps und Luftwäscher, seit einiger Zeit haben wir alle auch das «Laser Egg», ein kleines weisses Ei, das den Feinstaub misst bei uns in der Wohnung. Man kann sich den Blick aufs Display aber auch sparen, dann, wenn man morgens mit pulsierendem Kopfschmerz aufwacht, wenn der Hals kratzt und die Augen brennen, wenn man aus dem Fenster schaut und die andere Strassenseite mal wieder verschwunden ist.

Hin und wieder beschleicht einen schon das Gefühl, in einem Science-­Fiction-Film gelandet zu sein. Dann, wenn die kleinen Kinder von Freunden am helllichten Tag, der mal wieder ein stockdus­terer ist, den Blick zum Himmel heben, dort die bleiche Scheibe erblicken, die einmal die Sonne war, und rufen: «Der Mond!» Oder wenn man einen Kindergeburtstag im Park veranstaltet und Mütter ihre Kleinen mit der Atemschutzmaske schicken. Sagt ein Pekinger Freund: «Wir haben hier kein Wetter, wir haben Dreck.»

Ab einem Feinstaubwert von 500 Mikrogramm bleibt die Schule zu. Es ist ein wenig wie hitzefrei. Bloss töd­licher.

Ich möchte keinen falschen Eindruck vermitteln. Es ist nicht so, dass man tagein, tagaus grübelnd und verzweifelnd vor Smartphone und «Laser Egg» sitzt. Im Gegenteil. Der Mensch fügt sich wohl noch in jede Widrigkeit. Man richtet sich die meiste Zeit ein, schulterzuckend. «Mei banfa», das Mantra des chinesischen Untertans seit Jahrtausenden: Da kann man eh nix machen.

Das geht ganz gut, solange keiner in der Familie unmittelbare körperliche Reaktionen zeigt. Wir haben Glück, keines unserer Kinder hat chronischen Husten entwickelt, keines hat in Peking Asthma bekommen, keines musste bislang der Luft wegen zum Arzt. Wir haben Freunde, da ist das anders. Und wer weiss: Gibt es Spätfolgen?

Roter Alarm in Peking: Eine eindrückliche Aufnahme von 2015. Foto: Keystone

Das schlechte Gewissen schwingt stets mit bei uns Eltern, und im Januar und Februar, wenn Erkältung und Fieber auch den Winterhusten in unser Haus tragen, dann pocht es laut. Bei unseren zahlreicher werdenden Gesprächen, ob und wann wir China verlassen, stehen im Mittelpunkt nie die Politik und die Pein, die sich die einst grossartige Stadt Peking von ihren Regenten und Stadtplanern mitunter gefallen lassen muss, es dreht sich am Ende immer alles um die Luft.

Mit den Kindern, sie sind heute sechs, neun und elf Jahre alt, reden wir über den Smog, aber wir versuchen, den Druck von ihnen fernzuhalten. Wenn Smogalarm ist, finden die Jungs das manchmal sogar cool – dann, wenn sie keine Lust aufs Fussballtraining haben. Oder auf die Schule: Die bleibt ab einem Feinstaubwert von 500 Mikrogramm pro Kubikmeter zu. Es ist ein wenig wie hitzefrei. Bloss töd­licher.

Familie vor dem Luftwäscher

Alle Familien, die wir kennen, haben ihre Routinen. Die Schulen ebenso. Ab Werten von 101 können sich Schüler der Deutschen Schule vom Sport befreien lassen. Also praktisch ständig. Ab 150 wird eine Atemmaske empfohlen. Wir lassen unsere Kinder schon bei 200 oder 250 nicht mehr vor die Tür.

Die Familie versammelt sich dann um den Luftwäscher wie dereinst ums Lagerfeuer. Was so ein Wochenende Smog­arrest mit drei Kindern unter zwölf macht, kann sich jeder selbst ausmalen. Himmel, beneiden wir einen Kollegen. Er hat seinen Söhnen mit vielen Turnmatratzen ein «Tobe­zimmer» eingerichtet, einer Gummizelle nicht unähnlich. In unserer Familie knallen an solchen Wochenenden die Kinder nicht selten den lieben langen Tag wie Billardkugeln zuerst gegeneinander und dann gegen uns.

Manchmal plagt einen das schlechte Gewissen in Peking: Wer lässt schon seine Kinder in so einer Luft aufwachsen? Foto: Getty Images

Gerade läuft in meinem Twitterkonto ein Tweet von jener befreundeten Mutter ein, die uns einst von den sich stets erneuernden Wunderlungen der Kinder erzählt hatte. Sie zieht diese Woche nach Berlin. Da steht: «Der beste Moment, wenn man Peking verlässt: den Riesenhaufen Atemschutzmasken wegwerfen. Vor allem den der Kinder. Yay!»

Doch, die Regierung tut schon etwas. Sie hat Regeln erlassen und Grenzwerte ausgerufen, Fabriken verlegt und Kohlekraftwerke abgeschaltet. Nur: Es nutzt bislang nichts. In meinem Leben werde ich das wohl nicht mehr erleben, ein sauberes Peking. Letzten Dezember hatten wir erneut drei Wochen Airpocalypse. Die ganzen Weihnachtsferien lang verschluckte der Smog alles Licht und alles Leben.

«Ich atme so gern.»Ein Freund des Autors

Gut, wir waren nicht da. Wir sassen in Thailand am Strand. Einerseits beglückwünschten wir uns zum Timing unserer Abreise. Andererseits aber kroch uns der Schrecken auch ein paar Tausend Kilometer von Peking entfernt in die Knochen. Drei geschlagene Wochen lang sassen wir am Strand, checkten alle paar Stunden die Pekinger Feinstaubwerte und schüttelten deprimiert den Kopf.

Noch hustet keins meiner Kinder, nein. Und nein, bereut habe ich unser Herkommen nie. Aufregende Jahre sind das, voll mit inspirierendem Chaos, täglichen Überraschungen und unzähligen Schüsseln voller chilischwerer handge­zo­gener Nudeln.

All die Dinge, die auch unsere Kinder anderswo – im Allgäu, an der Ostsee – immer so schmerzlich vermissen. Aber immer öfter muss ich an die Worte eines Kollegen denken, der nach dem Horrorwinter 2013 Peking verliess und der auf die Fragen nach dem Warum antwortete: «Ich atme so gern.»

Bilder: Rekord-Smog in China

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.11.2017, 20:57 Uhr

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