Wieso verachten Skifahrer die Snowboarder?

In dieser Rubrik beantworten unsere Redaktoren die am häufigsten gesuchten Fragen.

Einer der ersten Spitzensnowboarder der Schweiz: Fabien Rohrer, 1. Dezember 1995.<p class='credit'>(Bild: Keystone)</p>

Einer der ersten Spitzensnowboarder der Schweiz: Fabien Rohrer, 1. Dezember 1995.

(Bild: Keystone)

Emil Bischofberger@bischofberger

Blicken Skifahrer tatsächlich heute noch von oben auf Snowboarder herab? Dass es einmal so war – unbestritten. Ich erlebte das selber. Es muss wohl 25 Jahre her sein, an einem Skinachmittag mit der Primarschulklasse kreuzte ich als Erster mit einem Snowboard auf. Und stürzte prompt an der steilsten Stelle aus dem Bügellift. Die ganze Klasse zog nun an mir vorbei, maximale Häme über den «Snöber» ausschüttend.

Wir Snowboarder wurden verachtet, weil wir anders waren, weil der Skilift doch für die Skifahrer bestimmt war. Glaubten diese. Später waren wir die Wilden, die mühelos die steilen Tiefschneehänge runterkurvten, in die sich kaum einer auf Ski hineingetraut hätte. Auch dafür wurden wir verachtet.

Einige der hämischen Schulfreunde kamen ein paar Jahre später zur Besinnung. Wir carvten gemeinsam auf den Boards die Hänge hinunter, immer auf der Suche nach der perfekten Kurve. Die breite Verachtung war spätestens jetzt verflogen. Das Snowboard war im Wintersport angekommen. Und die Schweiz zelebrierte es. Etwa mit einigen der weltbesten Wettkämpfe in Davos, Leysin oder Laax.

Allerdings erwachte nun die Skiindustrie aus ihrem Schlaf und kopierte schamlos unsere Carvingkanten. Plötzlich machten die Ski wieder Spass (auch mir). Und nicht nur saure Oberschenkel. Die meisten Snowboard-Freunde wechselten zurück auf zwei Latten.

Auch die grossen Events verschwanden wieder, mit Laax als Ausnahme, wie die Bündner Destination überhaupt eine Ausnahme im Wintersport-Europa ist. Auf dem Crap Sogn Gion ist wahr geworden, was die Snowboarder sich einst erträumt hatten: Dass die Menschheit realisiert, dass ein Brett mehr Spass macht als zwei – die Snowboarder sind nun in der Überzahl.

Doch Laax ist das Wintersportgebiet der Unterländer, und damit lässt sich gut erklären, warum es eben die Ausnahme ist. Man braucht sich dafür nur die beiden bekanntesten Schweizer Exponenten der beiden Sportarten vor Augen zu führen. Hier der urgemütliche Emmentaler Beat Feuz. Da der etwas abgedrehte Zürcher Iouri Podladtchikov. Wer steht fürs Schweizer Naturell? Tja.

Doch wir Snowboarder fühlen uns wohl in der Aussenseiterrolle. Denn die Skifahrer verachten uns nicht mehr. Dafür sind wir auf den Pisten viel zu exotisch geworden. Eines wird bleiben, auch wenn die Skifahrer es nie zugeben: Tief drinnen war es nie Verachtung, die sie uns gegenüber empfanden. Sondern Neid. Den spüren sie bis heute, wenn sie uns zuschauen, wie wir nach jeder Fahrt unten am Sessellift abschwingen: breit grinsend.

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