Weshalb gelüstet es alle nach Macht?

Eine Antwort zu einer Leserfrage zum Thema Machtgefälle zwischen Grossen und Kleinen.

Gewaltlose Umarmung eines Mächtigen: Die älteste Korkeiche Portugals. Foto: Keystone

Gewaltlose Umarmung eines Mächtigen: Die älteste Korkeiche Portugals. Foto: Keystone

Peter Schneider@PSPresseschau

Weshalb sind die Menschen so machtgeil? Nicht nur die «Grossen» in Wirtschaft und Politik, sondern auch die «Kleinsten» in ihren Plattenbau-Kaninchenställen. Und das sind irgendwie ja auch die «Gewaltlosen», die sich an Bäume ketten und so.F.

Lieber Herr F.

Ne, so geht das nicht: Alles in einen Topf, kurz aufkochen, fix umrühren, und fertig ist die Sauce beziehungsweise Chose. Und ich muss den Brei dann wieder in seine Einzelteile differenzieren. Aber weil Sie es sind … Bittegern.

Ich weiss ja, was Sie meinen: Dass es grundsätzlich kein Milieu gibt, in dem einem nicht diese miesen kleinen Despoten begegnen können, die einem das Leben schwer machen und einem mit ihren Machtgelüsten auf den Zeiger gehen. Das lässt sich wohl kaum bestreiten. In manchem Berliner Plattenbau lebt noch die eine oder andere Genossin, die ihren Frust über den Untergang des Arbeiterparadieses durch das Drangsalieren aller Nachbarn kompensiert, die nicht wie sie in der SED waren.

Unter den Grünen gibt es – vom alten linksradikalen Hooligan Joschka Fischer noch ganz abgesehen – Leute, die sich partout nicht vorstellen können, dass es tatsächlich Menschen geben sollte, die andere Ansichten zum Pfanddosen­wesen haben als sie selber. Desgleichen bei den von Ihnen genannten Grossen in Wirtschaft und Politik. Nur dass zum Beispiel in der Wirtschaft die Auswahl weiblicher Herrschsüchtiger um einiges geringer ist als an männlichen Leadern (wenn ich dieses Wort nur schreibe, kräuseln sich mir die Fussnägel).

Und damit sind wir beim entscheidenden Punkt. Die Macht-Attitüde mag ja in der Bevölkerung der statistischen Normalverteilung entsprechen (Sie wissen, die berühmte Glockenkurve), aber Anspruch und Attitüde bedeuten noch lange nicht, dass diese normalverteilten GiftzwergInnen auch gleichermassen die Möglichkeit zur Ausübung ihres Hobbys haben.

Das pauschale «Wir sind doch alle …» übertüncht die sozialen Bedingungen und Folgen der Machtausübung. Ob ich meinem Nachbarn, anmassend, wie ich bin, ewige Arbeitslosigkeit an den Hals wünsche, ist das eine; ob ich ihn tatsächlich von heute auf morgen «freistellen» kann, ist das andere. Im ersten Fall ist meine Anmassung nur der erste Schritt zu einem Magengeschwür (bei mir selber); im anderen Falle ist es ein karrierefördernder Akt der Neuausrichtung des Unternehmens.

Auch Ohnmacht kann übrigens anfällig machen für Machtgeilheit, aber in der Regel bleibt sie doch nur ein unfrommer Wunsch. Jedenfalls sollte man vorsichtig mit der Macht und deren Gewährung umgehen (auch wenn es darum geht, den Ohnmächtigen ihre unfrommen Wünsche zu erfüllen). Keine Macht für niemanden, ist vielleicht etwas gar radikal und blauäugig – aber dumm ist der alte Anarchospruch trotzdem nicht.

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