Was gute Lehrer wirklich ausmacht

An Schulen wimmelt es nur so von Bürokraten. In diesen Tagen gilt es, eine alte Qualität zu rehabilitieren – die Autorität.

Verschafft sich Respekt durch unkonventionelle Methoden: Elyas M’Barek als Lehrer Zeki Müller in der deutschen Komödie «Fack ju Göhte». Foto: Constantin Film Verleih

Verschafft sich Respekt durch unkonventionelle Methoden: Elyas M’Barek als Lehrer Zeki Müller in der deutschen Komödie «Fack ju Göhte». Foto: Constantin Film Verleih

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Nicht lange ist es her, da wandten Pädagogen ganz selbstverständlich Gewalt an. In der ersten Klasse etwa mussten wir ein Stück Seife essen, wenn wir geschwatzt hatten. Die Lehrerin holte uns nach vorne, wo wir auf einem hölzernen Podest so lange kauen mussten, bis uns vor aller Augen der Schaum aus dem Munde quoll. Der Sekundarlehrer ging gar so weit, uns zur Strafe mit einem Elektrogerät Stromstösse zu versetzen. Erst auf dem Gymnasium gab es keine körperliche Gewalt – und die Angst vor ihr – mehr. An deren Stelle trat, verdeckt, aber nicht weniger schmerzhaft, die emotionale Gewalt, die in einem intellektuellen Umfeld bestens gedieh.

Wir können von Glück reden, dass diese Sadisten heute aus den Schulzimmern verbannt sind. Aber so fassungslos und entsetzt wir auf diese Zeiten zurückschauen, so wahrscheinlich ist es, dass wir dereinst auf unsere Gegenwart blicken und uns darüber wundern, wie unsere Gesellschaft es hat zulassen können, dass in einem der wichtigsten Berufe so viele Bürokraten und Bürolisten das Sagen hatten.

Die seelische Gestimmtheit

Lehrer ist nicht bloss ein Beruf, es ist eine Berufung. Im Kern gibt es da nämlich etwas, das die pädagogischen Hochschulen mit einigem Erfolg zu verdrängen suchen: Das Wesentliche an diesem Beruf ist, das weiss der gesunde Menschenverstand, weder lehr- noch lernbar. Es ist dies die grundsätzliche seelische Gestimmtheit, die jemanden zu dieser heute mehr denn je exponierte Existenz befähigt. Wer diese Veranlagung nicht hat, kann sich noch so viel aneignen – ein richtig guter Lehrer wird er nie. Auffallen wird er allerdings auch nicht, da es von angelernten Pädagogen nur so wimmelt.


Bilder: Zürcher Klassenzimmer – von Holzbänken zu Sofas


Ein Grossteil des didaktischen Überangebotes für angehende Lehrerinnen und Lehrer ist dazu da, von dieser Leerstelle abzulenken: Das Unterrichten wird in unzähligen Weiterbildungen und sogenannten Q-Tagen zu einer Technik ge- und verformt, die es dann bloss richtig anzuwenden gilt. Dafür steht eine aufgeblähte Bürokratie mit entsprechend teurer Administration zur Verfügung. Und alle paar Jahre gibt es einen Systemwechsel, den zu bewältigen nur diejenigen keine Mühe haben, die bereits zu Bürokraten mutiert sind.

Es verhält sich auch beim Lehrberuf wie beim viel zitierten Eisberg: Der sichtbare siebte Teil lässt sich mittels kognitiver Methoden aneignen, das macht den Unterricht für alle planbarer und angenehmer. In dieser Hinsicht erfüllt die üppige Ausbildung durchaus ihren Sinn und Zweck. Der weitaus grössere Teil aber ist nicht sichtbar, und es bleibt jedem Einzelnen überlassen zu entscheiden, ob sein Reservoir an intuitiven Kräften und Energien ausreicht, um auf diesem schwierigen, heiklen Feld bestehen zu können.

«Ich weiss nicht, was uns stärker in Anspruch nahm und bedeutsamer für uns wurde, die Beschäftigung mit den uns vorgetragenen Wissenschaften oder die mit den Persönlichkeiten unserer Lehrer», schrieb Sigmund Freud in seinem Aufsatz «Zur Psychologie des Gymnasiasten». «Jedenfalls galt den Letzteren bei uns allen eine niemals aussetzende Unterströmung, und bei vielen führte der Weg zu den Wissenschaften nur über die Personen der Lehrer; manche blieben auf diesem Weg stecken, und einigen ward er auf solche Weise dauernd verlegt.»


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Was der Begründer der Psychoanalyse bereits vor 100 Jahren analysiert hat, sollten wir heute wieder ernst nehmen. Wer unterrichtet, ist genauso wichtig, wenn nicht sogar wichtiger als das, was unterrichtet wird. Je nach Lehrperson kommt der exakt gleiche Stoff bei den Schülerinnen und Schülern an – oder eben nicht. Denn diese lernen nicht primär für sich selbst, sondern vor allem für die Lehrerin oder den Lehrer.

Es gibt, wie Freud feststellte, eine andauernde emotionale «Unterströmung», ein unbewusstes Wechselspiel zwischen dem, der mehr weiss und kennt, und dem, der sich dies aneignen will. Da dieses Wissens- ein Machtgefälle ist, lockt die Versuchung, es auszunutzen. Viel ist die Rede von Missbrauch, wenig vom kreativen Gebrauch dieser für jegliche Pädagogik notwendigen Ungleichheit und Differenz.

Unterschätzte Rhetorik

Die zu lernende Sache an sich gibt es nicht, sie ist stets behaftet und verbunden mit der Persönlichkeit dessen, der über sie spricht. Dass der Bedeutung der Sprache bei der Vermittlung von Wissen so wenig Beachtung beigemessen wird, ist symptomatisch für unsere bild- und tonfixierte Zeit. Dabei wussten schon die alten Griechen, dass die Rhetorik ein probates Mittel ist, um an die Sachen selbst heranzukommen. Wer etwas anschaulich vermitteln kann in einer leicht verständlichen Sprache und dabei den Humor nicht vergisst, wird mehr Erfolg haben als einer, der sich ungeschickt ausdrückt. Unbeholfene Satzkonstruktionen oder Phrasen können den im Wachsen begriffenen Geist nicht sättigen.

Der Lehrer muss die Kinder lieben, damit sie ihn lieben können. «Man sage nicht, Schulmeister haben kein Herz! O nein, wenn ein Lehrer sieht, wie eines Kindes lange erfolglos gereiztes Talent hervorbricht und es vorwärtszustreben beginnt, dann lacht ihm die Seele vor Freude und Stolz», schreibt Hermann Hesse in der Erzählung «Unterm Rad». Nur auf dem aus vielen Gefühlsknoten gewobenen Teppich gegenseitiger Wertschätzung und Anerkennung führt Lernen zum Erfolg. Wer schon einmal unterrichtet hat, weiss, wozu das Kollektiv einer Klasse fähig ist, wenn der geistige Flow einsetzt und für eine Sternstunde sorgt. Dann kennt der Erkenntnisdrang keine Grenzen mehr – ausser der Pausenglocke.


Bilder: Die beste Lehrerin der Welt


Wer bei grossen Lehrpersonen lernen durfte, weiss, dass es neben der Kompetenz in der Sache, der Klarheit im Ausdruck und der Korrektheit im Verhalten noch eine weitere Komponente gibt, die sehr schwer zu fassen ist: die Aura. Auch wenn diese mit Charakterstärke nur unzureichend definiert werden kann, spüren wir doch intuitiv, worum es sich dabei handelt. Es geht um eine Autorität, die aus der Auseinandersetzung mit den Dingen selbst erwächst und nicht einfach behauptet wird – schon gar nicht mittels physischer oder psychischer Gewalt.

Autorität, lange als Ursache für die weitverbreitete Untertanenmentalität diffamiert, gilt es in diesen Tagen zu rehabilitieren – und in Stellung zu bringen gegen das ideologisch getränkte Konzept des selbst organisierten Lernens. Nicht nur Kinder und Jugendliche sind gerne bereit, Berufenen ihr Ohr und ihre Aufmerksamkeit zu schenken.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.08.2018, 09:07 Uhr

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