Was das Warten wertvoll macht

Ist Warten sinnlos oder könnte man es nicht auch nützlich gestalten?

Wer heute mitreden will, muss zuhören. Denn das Medium der Stunde heisst Podcast. Rund um den Erdball werden die Serien für portable Geräte produziert. Sie bieten per Knopfdruck Einblicke in fremde Länder und Küchen, in Schlafzimmer und Therapiesitzungen, in Kriminalfälle und Terrorzellen. Benutzerfreundliche Apps helfen beim Navigieren durch Abos und Episoden und werben mit allerhand Zusatzfunktionen um die Gunst der User. Neuerdings auch mit einer Funktion, mit der sich Sprechpausen entfernen lassen, um die Laufzeit des Podcasts zu verkürzen: Wer sie einschaltet, muss nicht warten, bis Moderatoren oder Gäste nachgedacht haben, bevor sie sprechen, sondern kann gleich zur Botschaft vordringen.

Warten, so scheint es, ist zur Zumutung geworden. Der mobile Fahrplan sagt uns, wann das Tram fährt, damit wir nicht warten müssen. Eine fünfminütige Verspätung kündigen wir per SMS an – vielleicht kann unsere Verabredung noch etwas erledigen, statt auszuharren. Das Warten am Skilift hat dank Premium-Ski-Abo ein Ende: Elegant gleiten wir an der Schlange vorüber. Wenn wir wissen, dass das Erwartete eintreffen wird (irgendwann fährt das Tram, kommt unser Freund, sitzen wir auf dem Sessellift), scheint das Warten davor ja tatsächlich nutzlos zu sein (weshalb wir dann ja einen Podcast zum Zeitvertreib hören).

Warten ist überholt

Dabei könnte das Warten auch einer kurzen Übung im Nichtstun dienen, einer simplen Atempause, einem der viel gepriesenen Momente der Achtsamkeit. Doch diese Momente haben wir ja bereits fix eingeplant im Alltag, wenn wir pünktlich zum Yoga oder zur Meditation erscheinen – selbstverständlich ohne vorher auf ein Tram gewartet zu haben.

Doch nicht jede Wartezeit lässt sich verkürzen. Denn nicht alles, worauf wir warten, lässt sich zeitlich vorhersagen und exakt terminieren. Das Warten auf ein Kind, das Warten auf den ersten Schnee, das Warten auf den Tod lassen sich nicht abkürzen, weil der Zeitpunkt des Eintreffens weder berechnet noch verfügt werden kann. Oder doch? Per Kaiserschnitt lässt sich die Geburt doch fristgerecht planen, die Schneekanone verspricht garantiert weisse Pisten, und mit Big Data soll in Zukunft sogar der eigene Todeszeitpunkt vorhersagbar werden. Das Warten scheint sich tatsächlich überholt zu haben.

Wertvolle Sprechpausen

Manchmal warten wir allerdings auf Dinge, von denen wir nicht wissen, ob sie überhaupt je eintreffen werden. Wir warten vielleicht auf die grosse Liebe, auf die versöhnliche Entschuldigung oder mit Beckett auf Godot. Das Warten auf das, was uns vielleicht nie vergönnt wird, ist letztlich die Hoffnung – ein Warten, das immer schon weiss, dass es enttäuscht werden kann, und doch nicht resigniert.

Dieses Warten als Hoffen lohnt sich deshalb, weil es uns ausrichtet auf das, was der Soziologe Hartmut Rosa als «Unverfügbares» bezeichnet. Je mehr wir es wollen, desto mehr entzieht es sich uns. Je mehr wir uns ihm aber verschliessen, aus Angst davor, leer auszugehen, desto mehr bringen wir uns auch um die Möglichkeit dessen, was Rosa als «Resonanzerfahrung» bezeichnet: die tiefgreifenden Momente, in denen doch eintrifft, was wir nicht erwarten, sondern nur erhoffen konnten. Kein Fahrplan, kein Gadget, kein Sondertarif kann das Warten auf diese Momente verkürzen – und genau deshalb ist ihre Ankunft so berauschend.

Gilt dies nicht auch für ein gutes Gespräch? Erst die Sprechpausen öffnen den Raum für Unverfügbares zwischen den Gesprächspartnern, für unerwartete Wendungen und Antworten, die über vereinbarte Fragen und Antworten hinausgehen. Wer die Sprechpausen rauskürzt, dem entgeht vielleicht das Abenteuerlichste des Gesprächs überhaupt: die Momente, in denen unklar ist, ob noch etwas kommt oder ob es das schon war, in denen sich Erwartungen bei den Sprechenden und Zuhörenden entwickeln, die sich erfüllen oder enttäuscht werden können. Wer die Podcasts um die Pausen bringt, amputiert sie auf ein effizientes Gedankenstakkato.

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