Vorsicht im Heidiland!

Von wegen Idylle: Reiseführer äussern sich teilweise überraschend kritisch über die Schweiz und warnen sogar vor der Polizei. Schweiz Tourismus nimmts gelassen.

Selbst im makellosen Zürich gebe es Obdachlose, heisst es in einem Reisebuch: Touristinnen auf der ­Gemüsebrücke. Bild: Urs Jaudas

Selbst im makellosen Zürich gebe es Obdachlose, heisst es in einem Reisebuch: Touristinnen auf der ­Gemüsebrücke. Bild: Urs Jaudas

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Beim Stichwort Schweiz fällt fast jedem etwas ein, der noch nie hier war, und meist hat es mit einer heilen Welt zu tun. Berge, Kühe, Uhren, Käse und Schokolade. Wasser, das so sauber ist, dass man es aus Brunnen trinken kann. Züge, die immer pünktlich fahren, und Einwohner, die alle reich sind. Viele Touristen stellen sich die Schweiz als eine Art riesiges Resort vor mit Einheimischen als Angestellten. Gegen diese heile Reiseführer-Welt haben wir natürlich wenig einzuwenden, es gibt ja deutlich unangenehmere Klischees.

Nun aber erlaubt sich ausgerechnet ein Reiseführer, an dieser Idylle zu rütteln: Der neuste «Lonely Planet», bevorzugt von Rucksack-Touristen, warnt nicht mehr nur vor Taschendieben, sondern – Obacht – auch vor diskriminierendem Verhalten der Schweizer Polizei. Diese habe den Ruf, «Personen von nicht europäischer Herkunft oder Erscheinung willkürlich zu kontrollieren, und das ohne ersichtliche Notwendigkeit». Das Lifestylemagazin «Vice» hat diesen Hinweis auf Racial-Profiling entdeckt, das ganz und gar nicht zum makel­losen Land von Heidi und Geissenpeter passen will.

«Eine Kritik in solch einem Ausmass haben wir meines Wissens von einem Reiseführer bislang noch nicht erlebt», sagt Markus Berger, Leiter Unternehmenskommunikation bei Schweiz Tourismus. Man müsse den Hinweis beinahe als Reisewarnung für Touristen mit fremdländischem Aussehen auffassen à la «Achtung, in der Schweiz müsst ihr euch darauf gefasst machen, in eine willkürliche Polizeikontrolle zu geraten». Das sei nicht nur falsch, sondern fast schon rufschädigend, sagt Berger und wiederholt damit den Satz, den schon zahlreiche Journalisten von Grossbritannien bis Amerika zitierten, wenn sie über die Kontroverse berichteten.

Weder höflich noch besonders sauber

«Lonely Planet» ist aber nur einer von mehreren Reiseführern, die es wagen, die Schweiz zu kritisieren und Klischees zu relativieren – natürlich nicht prominent, sondern nur als Randnotizen neben Lobeshymnen von Matterhorn, Kapellbrücke, Rheinfall und Co. Teil­weise ist die Kritik aber überraschend unmissverständlich für Publikationen, die sich den schönen Seiten einer Destination verschrieben haben.

Das Klischee, wonach wir Schweizer ein sehr höfliches Volk seien, wird etwa gleich von verschiedenen Reiseführern relativiert. «Erwarten Sie nicht, dass die Schweizer sich jemals hinten anstellen», steht etwa im Buch «So sind sie, die Schweizer: Die Fremdenversteher», das vergangenen Monat im Reise-Know-how-Verlag erschienen ist. In den Grossstädten lasse sich beobachten, wie Leute sich anrempelten und dem Hintermann ungeniert die Tür ins Gesicht knallen liessen. Und wenn man aus einem Bus aussteigen wolle, müsse man sich durch ein Meer von Menschenleibern schlagen, die mit Hingabe um die besten Plätze im Bus kämpften. Das hat Diccon Bewes, Autor von «Swiss Watching – Inside the Land of Milk and Money» (3. Auflage, 2018), genauso beobachtet und empfiehlt Besuchern, in solchen Situationen die Ellbogen auszufahren. Immerhin: «Die Schweizer stört das in der Regel nicht.»

Zur hiesigen Gastfreundschaft haben die Reiseführer auch nicht nur Gutes zu berichten, etwa «Rick Steves Switzerland» (9. Auflage, 2018): «Als ob sie zu einem exklusiven Club gehörten, der heikel ist, was die Aufnahme von neuen Mitgliedern angeht, begegnen die Schweizer manchen Besuchern etwas distanziert.» Diccon Bewes bezeichnet uns gar als einen «Haufen Kokosnüsse», die sich von der Aussenwelt isolieren. «Nicht unbedingt dunkelhäutige Fremde sind das Problem für viele Schweizer, sondern Ausländer im Generellen und vor allem jene aus dem früheren Jugoslawien.» Dafür hat er einen Extratipp für alle Nicht-Schweizer, die möglichst wie Einheimische aussehen wollen: «Tragen Sie rote Schuhe. Ich habe noch nie so viele rote Schuhe gesehen wie in der Schweiz.»

Saubere Spritzen als günstigstes Souvenir

Nächstes Klischee: Die Schweiz ist super sauber. Stimmt nicht, findet der «Swiss Watching»-Autor: «Viele Schweizer, vor allem junge Männer, spucken oft auf den Boden, teilweise auch den Kaugummi.» Schweizer Trottoirs sähen so aus, als hätten sie Masern, so zahlreich seien die Punkte auf dem Asphalt. So etwas würde man von jedem anderen Land erwarten, aber doch nicht von der Schweiz.

Das klingt alles so gar nicht nach Paradies. Zwar bedienen die Reiseführer unisono das Klischee – Rick Steves etwa trägt so dick auf, dass es fast schon kitschig ist: Klein, bergig und effizient sei die Schweiz und eine der attraktivsten Destinationen Europas. Sie vereine das Beste aller Welten mit einer gesunden Dosis Schokolade, Kuhglocken und Seilbahnen.

Aber, so merkt die Reisebuch-Reihe «Frommer’s» aktuell über die Schweiz an: «Ein Besuch in der Schweiz ist nicht gleichbedeutend mit einem Besuch im Paradies. Sogar in der geordneten und makellosen Stadt Zürich wandern Drogenabhängige und Obdachlose durch die Strassen.» Immerhin würden Abhängige als Menschen betrachtet, die Hilfe brauchen, und nicht als Kriminelle, schreibt Rick Steves. Den Beweis dafür liefere Zürich, wo in der Nähe des Hauptbahnhofs ein unscheinbarer Automat mit sauberen Spritzen für ­Heroinabhängige stehe. Sein Extratipp für Touristen: «Kaufen Sie eine Box – es ist wohl das günstigste Souvenir, das Sie in Zürich erwerben können.»

Negative Hinweise werden oft überlesen

Schweiz Tourismus sieht sich trotzdem nicht bemüssigt, gegen die wenig tourismusfördernden Aussagen vorzugehen, auch nicht gegen den Racial-Profiling-Hinweis im «Lonely Planet», obwohl eine amerikanische Zeitung das fälschlicherweise behauptet habe. «Wir müssen ein Stück weit über Kritik stehen», sagt Markus Berger. Es sei ja erlaubt, nicht alles toll zu finden an der Schweiz, und man dürfe auch anderer Meinung sein.

Lonely Planet hätte sich sowieso nicht beirren lassen. Der Warnhinweis bleibe stehen, mindestens bis zur nächsten Standortbestimmung: «Unsere Autoren haben den Auftrag, einen Ort so zu beschreiben, wie er ist. Ohne Angst oder Gefälligkeiten», lässt Daniel Fahey verlauten, der beim Reiseführerverlag die Destination Schweiz betreut. Sagen, was ist, also, ohne Zensur und Einflussnahme. Hier liegt jedoch die Krux: Reiseführer sollen eine Destination möglichst attraktiv verkaufen, man will ja niemandem die Lust verderben. Zudem handelt es sich jeweils um die subjektiv gefärbte Wahrnehmung der Autoren. Trotzdem haben Reiseführer den Charakter von etwas Allgemeingültigem, auf das man sich als Tourist verlässt.

«Die meisten besorgen sich sowieso erst dann einen Reiseführer, wenn sie sich bereits für eine Destination entschieden haben.»Markus Berger, Leiter Unternehmenskommunikation Schweiz Tourismus

Wenn inmitten der Lobeshymnen plötzlich etwas Negatives steht, fällt dies nur umso mehr auf. Markus Berger sieht darin aber kein Problem: «Die meisten besorgen sich sowieso erst dann einen Reiseführer, wenn sie sich bereits für eine Destination entschieden haben. Viele stöbern sogar erst im Flugzeug darin.» Das könnte eine Erklärung dafür sein, weshalb es trotz aller Bemühungen, auch auf die weniger tollen Dinge bei uns hinzuweisen, meist nur ein einziger Negativpunkt ins Bewusstsein schafft: die Tatsache, dass es hier teuer ist. Alles andere wird offenbar grosszügig überlesen.

Wer mit so klischierten Erwartungen anreist, kann ja nur enttäuscht werden. Beispielsweise, wenn man realisiert, dass das Matterhorn bei schlechtem Wetter doch nicht so beeindruckend, da unsichtbar ist oder das «pulsierende Zürich» nicht bis zur Airbnb-Unterkunft im aargauischen Kaff vibriert, obwohl es hiess, der Aargau liege gleich neben Zürich. Oder wenn man beim ersten Nachtessen im Schweizer Restaurant realisiert, dass mit «teuer» eher «schockierend teuer» gemeint ist.

Zu guter Ruf der Schweiz wird zum Problem

Überraschenderweise lassen sich die meisten davon aber nicht die Laune verderben. «Anders als viele Schweizer, die gerne das Haar in der Suppe suchen, empfinden Touristen unser Land tatsächlich als Paradies», versichert Markus Berger. Und nein, das sage er nicht einfach nur so. «Wenn es ein Problem mit falschen Vorstellungen gäbe, würden wir dagegen vorgehen.» Ausserdem suche man sich als Tourist oft genau jenen Reiseführer aus, der die eigenen Vorstellungen bediene: «Ein Führer für traditionelle Reisende wird kaum je vor der Schweizer Polizei warnen, anders als ein ‹Lonely Planet›, dessen jüngeres Publikum auch mal illegal in einem Park übernachtet und Autoritäten eher kritisch gegenübersteht.»

Dass kaum jemand nach einer Reise ins «Paradies» zugeben würde, dass man doch nicht alles so toll fand, wie immer alle sagen – man will ja nicht der Einzige sein, der den Zauber offenbar nicht begriffen hat –, dürfte den Tunnelblick-Effekt noch verstärken. Einzig bei den Taschendiebstählen, da könne der gute Ruf der Schweiz tatsächlich zu falschen Schlüssen verleiten, sagt Berger. «Viele lassen deswegen ihre natürliche Vorsicht fallen.» Und dann sind die Wertsachen plötzlich weg, ausgerechnet in der heilen Schweiz.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 28.07.2018, 18:20 Uhr

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