Viel rollendes Ego

Warum der Zürcher Verkehr so gefährlich ist – und der Basler so sicher.

Fehlende Infrastruktur: In Zürich ist Velofahren immer wieder eine grosse Herausforderung. Karikatur: Ruedi Widmer

Fehlende Infrastruktur: In Zürich ist Velofahren immer wieder eine grosse Herausforderung. Karikatur: Ruedi Widmer

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Fussgänger leben in Zürich gefährlich, das hat das Bundesamt für Statistik soeben bestätigt. Mich überraschte das wenig. Es entspricht meinen Erfahrungen, seit ich den Fuss erstmals in diese Stadt gesetzt habe. Besagter Fuss nämlich blieb nicht lange auf der Erde. Schnell brauste ein tiefergelegter Sportwagen heran und gab Gas, worauf ich den Rückzug aufs Trottoir antrat – mit preiswürdigem Antritt. Angst verleiht Flügel.

Ja, der Zürcher Verkehr ist gefährlich. Gefährlicher zumindest als der Verkehr in Olten, wo ich meine Jugend verbrachte, was wohl damit zu tun hat, dass der Verkehr dort vornehmlich stand. Wenn man sich zu Fuss schneller bewegt als der motorisierte Verkehr, mindert das die Gefahr erheblich. Gefährlicher ist es in Zürich auch als in Basel, wo ich wohne. Basel ist verkehrstechnisch laut besagter Unfallstatistik sogar die sicherste Stadt der Schweiz – oder war es zumindest im vergangenen Jahr. Auf 50'000 Einwohner gab es gerade mal 84 Unfälle mit Verletzten. In Zürich waren es 136. Damit steht Zürich punkto Gefährlichkeit an dritter Stelle hinter Biel und Genf.

Gründe für diesen Befund gibt die Statistik nicht. Aber da ich sowohl Zürich wie auch Basel aus verkehrstechnisch intimer Sicht kenne, habe ich dazu einige Vermutungen.

Zunächst die Infrastruktur. Basel hat ein komfortabel ausgebautes Radwegnetz, und die Velofahrer haben genug Raum. Das ist für sie selbst wie auch für alle anderen Verkehrsteilnehmer sicherer.

Mehr Eigenverantwortung

Ganz im Gegensatz zu Zürich. Als Fussgängerin muss man hier nicht nur auf der Strasse, sondern auch auf dem Gehsteig wachsam sein. Immer wieder begegnet man von aggressiven Autofahrern gehetzten Velofahrern, die auf den Gehsteig ausweichen, wo sie dann im Slalom durch die Fussgänger kurven. Was an sich nicht besonders gefährlich wäre, da die meisten Velofahrer das Tempo dabei entsprechend reduzieren. Wären da nicht die Fussgänger, welche wiederum wahlweise mit Schirmen oder Gehstöcken auf die Velofahrer losgehen, sodass man aufpassen muss, nicht selbst dranzukommen. Den Velofahrern ist dabei kaum ein Vorwurf zu machen. Dass man, vor die Wahl eines Zusammenstosses mit Auto, Bus oder Tram auf der einen Seite oder einem erzürnten Fussgänger auf der anderen gestellt, Letzteres wählt, ist verständlich.

Stossstange an Stossstange

Warum die Stadt sich nicht mehr bemüht, das Zürcher Radnetz auszubauen, ist für mich unverständlich.

Kommt dazu, dass die Zürcher den Fussgängerverkehr anscheinend am liebsten mit Ampeln regeln. Neuere Studien zeigen jedoch, dass auch im Strassenverkehr mehr Eigenverantwortung das Unfallrisiko senkt – man schaue sich nur den Basler Bahnhofsplatz an.

Zweifelsohne ist Zürich eine tolle Stadt und Anziehungspunkt für Menschen mit grossem Ego. Dass sie dann auch gerne in dicken Autos spazieren fahren, zu sehen samstags in der Innenstadt, wo sie sich Stossstange an Stossstange und mit ungeduldig röhrendem Motor durch die Stadt schieben. Diese Parade der Eitelkeiten mag dem Image guttun, der Verkehrssicherheit eher weniger. Denn wenn die Sportwägeler dann aufs Gas treten, dann rette sich, wer kann.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.05.2014, 23:43 Uhr

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