Verursacherprinzip

Ein Elternpaar unterhält sich mit seinem Sohn über die Konsequenzen einer Silvester-Party.

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Milo sitzt mit seinen Eltern zum Znacht.

Milo: Mama, Papa?

Vater: Ja?

Milo: Ich muss euch was beichten . . .

Mutter: Ja?

Milo: Bei meiner Silvester-Party hier in der Wohnung, da . . .

Vater: Ja?

Milo: Da ist was kaputtgegangen . . .

Mutter: Mach dir keine Sorgen, Milo, alles ist gut, solange es nicht Papas heilige . . .

Milo: Es ist die . . .

Vater: Kaffeemaschine?

Mutter: O Gott.

Milo: Es tut mir so leid . . .

Vater: Weisst du, wie viel die gekostet hat?

Milo: Ich bring sie sofort morgen zur Reparatur.

Vater: Weisst du, wie viel so eine Reparatur ­kostet? Bis zu 500 Franken!

Milo: Es tut mir so leid.

Vater: Und die bezahlst du!

Milo: Ich?

Mutter: Jetzt schauen wir doch erst mal . . .

Vater: Nein, Milo, das bezahlst du, das kann ich dir sagen.

Mutter: Er wird das nicht zahlen können, so viel Geld hat er gar nicht.

Vater: Es geht ums Prinzip. Er hat was kaputt gemacht, er zahlt. Das muss er lernen. Verursacherprinzip.

Mutter: Verursacherprinzip?

Vater: Ja, so funktioniert das bei uns. Hier in der Schweiz muss derjenige für den Müll zahlen, den er verursacht; muss derjenige die Kita-Kosten bezahlen, der Kleinkinder hat; muss derjenige die Vignette zahlen, der Autobahn fährt; und muss an die Kirche zahlen, an die er glaubt. Jeder muss für das bezahlen, was er mit seinem Lebensstil verursacht, und Milo hat jetzt mit seiner wilden Party eine kaputte Kaffeemaschine verursacht.

Milo: Ich zahl sie in Raten ab, Papa . . .

Vater: Gut. So, jetzt hab ich Hunger. Gibst du mir bitte die Suppe rüber, Anina?

Mutter: Nein.

Vater:Wie bitte?

Mutter: Nein. Wenn dein Hunger die Ursache ist, dass du meine Suppe willst, dann musst du dafür bezahlen.

Vater: Ich . . . Du willst, dass ich dich bezahle?

Mutter: Verursacherprinzip. Das musst du lernen. Ab heute wirst du bitte auch die dreckige Wäsche, die du verursachst, selbst waschen.

Vater: Aber . . . Dann dürft ihr auch das Dessert nicht essen, das hab ich gebacken.

Mutter: Aber ich hab die Zutaten eingekauft.

Vater: Aber . . .

Mutter: Christian, dein Verursacherprinzip funktioniert nicht. Wir sind eine Familie, wir sind doch eine Gemeinschaft. Es gibt so viele Dinge, für die man trotzdem zahlt, auch wenn man sie nicht verursacht. Ich subventioniere mit meinen Steuern auch Kühe, obwohl ich keine Milch trinke und schon gar kein Fleisch esse.

Vater: Ja! Und findest du es nicht eine Unverschämtheit? Veganer sollten nicht die Milchkühe der Fleischfresser sein!

Mutter: Hä?

Vater: Du bist doch auch dafür, dass diejenigen, die die Umwelt verschmutzen, dafür zahlen sollen. Verursacherprinzip!

Mutter: In der Umweltpolitik gelten aber auch solidarische Prinzipien, genauso wie bei der AHV, den Krankenkassen, der Kultur, der Bildung, der Polizei, dem öffentlichen Verkehr und und und.

Vater: Du willst nur, dass ich mich mit Milo solidarisiere und die Kaffeemaschine mitbezahle. Aber nein! Er kann doch hier nicht auf Staatskosten, ehm, auf Elternkosten seine wilden Partys feiern!

Mutter: Sturkopf!

Vater: Streitverursacherin!

Mutter: Du hast ihn verursacht!

Vater: Du Gurke!

Mutter: Geizsack!

Vater: Ach, ich hab keinen Hunger mehr. Ich will deine Suppe gar nicht. Ich geh!

Vater geht.

Milo: Du, Mama?

Mutter: Ja?

Milo: Ich finde, Papa hat recht mit seinem Verursacherprinzip.

Mutter: Wirklich?

Milo: Ja, wenn man das konsequent zu Ende denkt, dann haben Papa und du mich verursacht und damit alles, was ich verursache, also auch die kaputte Kaffeemaschine, oder?

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.01.2018, 18:02 Uhr

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