Über den Tod hinaus

Alle wollen wissen: Gibt es ein Leben nach dem Leben? Trotz aufwendiger Studien kommt die Wissenschaft der Antwort kaum näher.

Was sieht man, kurz bevor man hier landet? Friedhof der Northenden Parish Church in Manchester, England. Foto: David Masters (Flickr)

Was sieht man, kurz bevor man hier landet? Friedhof der Northenden Parish Church in Manchester, England. Foto: David Masters (Flickr)

Beat Metzler@tagesanzeiger

Simon Peng-Keller ist nahe dran. Seit Jahren forscht der katholische Theologe über Nahtoderfahrungen. Er hat Sterbende in den Tod begleitet, sich mit Sterbehelfern ausgetauscht, unzählige Berichte von Menschen gelesen, die beinahe umgekommen sind.

Wenn jemand erahnen kann, was auf den Tod folgt, dann er.

Fragt man Peng-Keller, wie es nach dem Sterben weitergeht, lächelt er sanft – als hätte man wissen wollen, ob Gott einen Bart trägt. «Erfahrungen in Todesnähe sind äusserst vielfältig. Man kann aus ihnen nichts Endgültiges herleiten.»

Solche Zurückhaltung ist selten bei diesem Thema. Das Sterben hat gerade Hochkonjunktur – unter Wissenschaftlern, Gläubigen, Esoterikern. Bücher von Menschen, die klinisch tot waren und darüber schreiben, schaffen es weit nach oben in den Bestsellerlisten. Auferstehen kann reich machen.

«Proof of Heaven», «Life After Death» oder «Embraced by the Light» heissen die Berichte, die exklusive Einblicke verheissen. Manche schildern Welten, die christlichen Jenseitsvorstellungen entsprechen. Andere schwelgen in weich gezeichneten New-Age-Landschaften. Viele der Rückkehr-Autoren unterlegen ihre Erlebnisse mit einer Wahrheit: Es gibt einen Himmel! Gott wartet! Das wiederum weckt den Zorn der Skeptiker.

Alles nur Halluzinationen?

Der Nahtod hat sich zum Schlachtfeld entwickelt, auf dem unversöhnliche Weltanschauungen gegeneinander antreten. Die Heftigkeit der Debatten erklärt sich aus dem Preis, der dem Sieger winkt: die Antwort auf ein uraltes Rätsel. Gibt es ein Leben nach dem Leben?

Drei Gruppen versuchen, mit Nah­tod­erfahrungen ihr Weltbild zu stützen.

  • Reduktionisten führen die Erlebnisse von Fastgestorbenen auf neuronale Vorgänge zurück. Das Gehirn stelle die aussergewöhnlichen Phänomene aus Stress, Sauerstoffmangel oder Selbstschutz her. Auch wenn sich die ­Erlebnisse für Betroffene äusserst echt anfühlten, dürfe man daraus nicht auf eine höhere Wirklichkeit schliessen. Es handle sich um Halluzinationen, die nur etwas bewiesen: dass unser Gehirn ein mächtiger Bilderproduzent ist.
  • Auch Parapsychologen vertrauen auf naturwissenschaftliche Methoden. Nur versuchen sie mit ihnen zu beweisen, dass unser Bewusstsein nach dem Tod weiterexistiert. Bekanntester Vertreter dieser Richtung ist Pim van Lommel. Der holländische Herzspezialist glaubt, dass ein «erweitertes Bewusstsein» unabhängig von jeglicher räum­licher Verankerung vorkommt. Unser Gehirn übernehme lediglich eine vermittelnde Funktion.
  • Für Spiritualisten gibt es mehr als ein erweitertes Bewusstsein. Nach dem Tod verwandle sich der Mensch in ein neues Wesen, wechsle in eine göttliche Realität. Die Berichte zurückgekehrter Menschen würden dies beweisen. Besonders esoterische Glaubensrichtungen haben Nahtoderfahrungen in ihr System eingebaut. Die katholische und die reformierte Theologie behandelten das Thema bisher eher ablehnend.

Dass das Sterben heute so viel Aufmerksamkeit bekommt, hat einen simplen Grund: Die Mittel zur Wiederbelebung haben sich stark verbessert. Ärzte holen heute Menschen ins Leben zurück, die bis vor kurzem gestorben wären. Manche von ihnen berichten von Grenz­erfahrungen. Das taten die Menschen schon früher, nur waren es viel weniger.

Sterbende fühlten sich verfolgt

Die Pioniere des Fachs, Elisabeth Kübler-Ross und Raymond Moody, begannen in den 70er-Jahren, solche ­Berichte zu sammeln und zu ordnen. Heute versucht die Wissenschaft, Nahtod­erfahrungen mit aufwendigen Experimenten festzuhalten. Jüngstes Beispiel ist die im Oktober erschienene Aware-Studie. Ein internationales Forscherteam sieht in den Resultaten die «parapsychologische» These bestätigt.

Während vier Jahren suchten die Forscher Menschen, die einen Herzinfarkt ausgestanden hatten. Die Überlebenden sollten erzählen, was ihnen in den Minuten, als ihr Herz aussetzte, widerfahren war. Von 2060 Angefragten konnten 101 die nötigen zwei Interviews geben. Davon vermochten sich 45 an Dinge erinnern. Ihre Schilderungen deckten sich mit denen, welche die Nahtod­literatur aufführt. Die Sterbenden sahen Licht, Verwandte, Tiere, Pflanzen, fühlten sich verfolgt, hatten Déjà-vus.

Das versteckte Bild an der Decke

Diese Phänomene liefern keine Garantie, dass das Bewusstsein den Körper überdauert. Das Hirn könnte sie erzeugt haben, bevor das Herz zu schlagen aufhörte. Die Forscher brauchten Überlebende, die während der Operation über ihrem Körper geschwebt waren und die Vorgänge von oben beobachtet hatten. Nur zwei machten solche Angaben.

Um deren Wahrhaftigkeit zu bestätigen, hatten die Wissenschaftler in rund 100 Notfallzimmern verschiedener Spitäler Bilder versteckt. Man konnte sie nur sehen, wenn man sich nahe an der Decke aufhielt – wie es Menschen tun, die ihren Körper verlassen. Hätten die Wiederbelebten ein Bild beschrieben, wäre bewiesen, dass ausserkörperliche Erfahrungen mehr sind als Halluzinationen.

Doch keine der entscheidenden Reanimationen fand in einem bebilderten Raum statt. Und einer der beiden Zeugen stieg wegen schlechter Gesundheit wieder aus der Studie aus.

Glaubwürdige Schilderungen

Immerhin: Der zweite, ein 57-Jähriger Mann, habe die Menschen, Geräusche und Tätigkeiten während seiner Wiederbelebung glaubwürdig geschildert, heisst es in der Studie. Alles weise darauf hin, dass das Bewusstsein des Mannes bis zu drei Minuten über den Herzstillstand hinaus weiter funktionierte.

Der Befund sei «verblüffend». Nach einem Herzinfarkt liessen sich – im Gegensatz zu komatösen oder betäubten Zuständen – keine Hirnaktivitäten nachweisen. Dies lege nahe, dass das Bewusstsein keine körperliche Grundlage brauche. Die Autoren vermuten, dass deutlich mehr Menschen nach dem Herzstillstand «mental aktiv» sind. Nur würden ihre Erinnerungen schnell verblassen.

Viele Neurologen halten die Versuchsanordnung der Aware-Studie allerdings für ungenau, ihre Ausbeute für mager. Die Bestimmung, wann der Tod eintritt, hänge von den technischen Möglichkeiten ab. Es sei wahrscheinlich, dass nach einem Herzinfarkt tief im ­Gehirn noch viel Aktivität herrsche. Nur könne man diese mit den heutigen ­Messgeräten nicht feststellen.

Zu viele Unklarheiten

Simon Peng-Keller teilt diese Einwände. Das «Scheitern» der Aware-Studie sei ­typisch. «Die Nahtodforschung stellt oft ideologisch geprägte Fragen. Es gibt zu viele Vorannahmen, die zahlreichen ­Unklarheiten werden ausgeblendet.»

Diese beginnen bereits bei der Definition. Viele Menschen machen Nahtod­erfahrungen, obwohl sie sich nie in Lebensgefahr befanden. Auch Extremsituationen wie Unfälle können solche Wahrnehmungen hervorrufen. Dagegen gelten zahlreiche Erlebnisse von Menschen, die beinahe gestorben sind, nicht als klassische Nahtoderfahrungen.

«Diese Verwirrung geht auf die Pioniere zurück», sagt Peng-Keller. Kübler-Ross und Moody legten einen Typus der Nahtoderfahrung fest, der das Bild ­davon bis heute prägt: Tunnel, helles Licht, Rückschau auf das Leben, Glücksgefühle, unfreiwillige Rückkehr. «Dieses Muster kommt vor, schliesst aber viele andere Erfahrungen aus», sagt Peng-­Keller. Es führe ausserdem zu einer Verklärung des Todes. «Ungefähr ein Drittel der Wiederbelebten empfindet den Übergang als beunruhigend.»

Keine Garantie auf erhebende Erscheinungen

Welche Menschen mit negativen Eindrücken rechnen müssen, lasse sich nicht bestimmen, sagt Peng-Keller. Weder Selbstmörder noch Gewaltverbrecher finden sich während des Sterbens überdurchschnittlich häufig schlechten Gefühlen ausgesetzt. Und Menschen, die ein redliches Leben führen, haben keine Garantie auf erhebende Erscheinungen.

Hingegen besteht ein Zusammenhang zwischen Kultur und Sterben. In einer deutschen Studie aus den 90er-Jahren beschrieben gut 60 Prozent der Ostdeutschen ihre Nahtoderfahrung als beängstigend. Unter den Westdeutschen entsannen sich nur knapp 30 Prozent «schrecklicher Gefühle». Die Autoren ­erklären dies damit, dass die DDR übersinnliche Erfahrungen als «psycho­pathologisch» abtat. Diese Abwertung habe bis in den Nahtod nachgewirkt.

Eine weitere Prägung bewirkt das ­Erzählen. Nahtoderfahrungen sprengen die alltägliche Befindlichkeit. Sie sind eindringlich, fremdartig, schwer zu fassen. Deshalb müssen die Betroffenen auf kulturelle oder persönliche Erklärungshilfen zurückgreifen, die ihre Beschreibungen formen. Dazu kommt, dass die Erlebnisse beim Erzählen oft relativ weit zurückliegen. «Uns fehlt ein direkter ­Zugang dazu», sagt Peng-Keller.

Der Grossvater wartet

Wegen der vielen Ungewissheiten hält es der 45-Jährige für verfehlt, Nahtoderfahrungen als Beweise zu verwenden. Wichtiger sei, die Betroffenen im Umgang ­damit zu unterstützen. Peng-Keller sieht eine starke Verwandtschaft zwischen Nahtoderfahrungen und anderen visionären Vorstellungen, die Menschen in Todesnähe heimsuchen. Dazu gehören Träume, die den eigenen Tod ankünden, Sterbebettvisionen oder Oneiroide; das sind innere Reisen, die Komapatienten widerfahren. All diese Entrückungen empfinden Betroffene als sehr realistisch und teilweise verstörend.

«Eine einfache, allgemeine Deutung kann niemand liefern», sagt Peng-Keller. Manche dieser Erfahrungen beinhalten eine handfeste, fast pädagogische Botschaft – wie jene, die ein Hundesportler machte, während er im Koma lag. Tagelang marschierte er durch himmlische Gebirgslandschaften. Sein verstorbener Hund und sein verstorbener Grossvater begleiteten ihn. Bevor der Mann aufwachte, riet der Grossvater dem Enkel, mit Trinken aufzuhören. Der Mann hatte tatsächlich ein Alkoholproblem.

Andere Erfahrungen gestalten sich komplexer, erforderten lange Inte­grationsarbeit, sagt Peng-Keller. Dabei würden sich psychologische oder theologische Ansätze anbieten. Ein neuer Sammelband, den Peng-Keller herausgibt, stellt diese vor. Der Theologe selber sieht Nahtoderfahrungen am ehesten als Varianten mystischen Erlebens. «Das hat den Vorteil, dass man sich auf eine lange Tradition berufen kann, die solche Grenz­erfahrungen ernst nimmt.»

Die Grenze bleibt schillernd und unfassbar

Verallgemeinern will Peng-Keller ­diesen Zugang nicht. Die Grenze des ­Lebens bleibe schillernd und unfassbar, auch mit dem heutigen Wissen. Trotzdem wirke die Beschäftigung damit eher tröstlich. «Den meisten Menschen nimmt das imaginative Erleben die Angst vor dem Tod», sagt Peng-Keller.

Und ja, auf eine annähernde Sicherheit sei er beim Forschen gestossen. Fast alle Menschen begegnen während des Sterbens Verwandten oder Freunden, die bereits tot sind. «Dabei treten nicht unbedingt diejenigen auf, die man am meisten vermisst. Ich bin gespannt, wer es bei mir sein wird.»

DerBund.ch/Newsnet

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