Schlafen ist für Faule

Spitzenpolitiker und CEOs prahlen damit, und auch Normalverdiener bleiben länger wach als früher. Warum nur?

Wer wie Ueli Maurer 20 von 24 Stunden aktiv sein will, gönnt sich bisweilen einen Power-Nap. Foto: Keystone

Wer wie Ueli Maurer 20 von 24 Stunden aktiv sein will, gönnt sich bisweilen einen Power-Nap. Foto: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Was braucht es, um ganz oben mitzuspielen, neben den Staats- und Firmenchefs der Welt zu bestehen? Mehr als Intelligenz und Charisma, Netzwerke und Mentoren, ja als volles Haar und markantes Kinn. Es braucht Stamina, Stehvermögen. Die Fähigkeit, jede Nacht von neuem Jetlag, Konversation und Alkohol wegzustecken, lange aufzubleiben, um dann trotzdem vor 5 Uhr früh wieder aufzustehen, Berichte querzulesen, Untergebene aufzuscheuchen, die Welt zu retten.

So zumindest erzählen es die Mächtigen selbst. Sie betreiben einen Kult des heroischen Schlafmangels. Apple-CEO Tim Cook steht um 4.30 Uhr auf und beantwortet E-Mails. Wladimir Putin sagte über sich und seinen Premier: «Medwedew und ich schlafen abwechselnd.» Die deutsche Kanzlerin Angela Merkel attestiert sich «gewisse kamelartige Fähigkeiten», die es ihr erlaubten, sehr lange ohne Erholung auszukommen. Dem US-Präsidenten genügen «drei bis vier Stunden» Schlaf pro Nacht, sein Vorgänger Barack Obama hielt es nicht anders. Und auch Schweizer Politiker wie Ueli Maurer oder Christophe Darbellay betonen, sie seien von 24 Stunden oft 20 im Einsatz.

Betrunken im Dienst

Doch man kann alles übertreiben. Angesichts des von nächtlichen Koalitionsverhandlungen sichtlich zerknitterten SPD-Mannes Martin Schulz ist in Deutschland eine Debatte um die wachheitsbedingte Qualitätsminderung der Politik entbrannt. «Nach einer durchgemachten Nacht ist man nur noch eingeschränkt entscheidungsfähig», tadelte Ingo Fietze, der Leiter des Schlafmedizinischen Zentrums an der Berliner Charité, in der «Westdeutschen Allgemeinen». Konzentration, Gedächtnis und Geschicklichkeit litten.


Video: Abgeordneter verschläft Brexit-Debatte

Offenbar fand Ken Clarke die Rede seines Parteikollegen nicht besonders spannend. (17.1.2018) Video: Tamedia/BBC


In der Tat: Gemäss dem Basler Chronobiologen Christian Cajochen ist der Effekt von 10 Nächten mit unter 6 Stunden Schlaf vergleichbar mit 1,0 Promille Alkohol im Blut. Unausgeruhte Leader gefährden so sich selbst und die ihnen anvertrauten Dossiers. Der «Spiegel» rät zu mehr «Mut zur Müdigkeit» und erinnert an bessere Zeiten. Als Konrad Adenauer im Sommer 1959 den amerikanischen Präsidenten Dwight D. Eisenhower in Bonn empfangen habe, sei das für den Kanzler kein Anlass gewesen, «auf sein obligatorisches Mittagsschläfchen zu verzichten».

Heute aber sei der Takt der Politik mörderisch geworden. Und nicht nur der: Wir setzen alle unsere Ruhephasen unter Druck. Zwar sind die durchschnittlichen 7,5 Stunden Schlaf pro Werktagsnacht in der Schweiz erfreulich, wenn man davon ausgeht, dass 7 bis 9 Stunden ideal wären. Doch gemäss dem Biologen Cajochen sind das 40 Minuten ­weniger als vor 30 Jahren. Wir gehen immer später zu Bett. Zudem mindert unser Smartphone- und Internetkonsum wohl die Qualität des Schlafs: Eine Stunde Social Media pro Tag störe den Schlafrhythmus von Jugendlichen messbar, behauptet eine Studie aus Kanada.

Manche, die angesichts müder Politiker den Schlaf verteidigen, stecken längst selber in der Falle des Leistungsdenkens.

Nicht so schlimm, sagt der Zeitgeist. Denn schlafen kann ich, wenn ich tot bin. Der Spruch wird dem krassen Aussenseiter Werner Fassbinder zugeschrieben, ist heute aber Mainstream: Schlafen heisst verpassen. Nur wer wach ist, kann erleben, Sinn und Genuss erfahren. Der gesünder werdende Umgang mit Tabak und Alkohol fördert ebenfalls Wachheit: frisch aus den Federn!

Die Verunglimpfung des Schlafs sieht der US-Kunstprofessor Jonathan Crary schon länger kommen. «Schlaf ist unproduktiv – und deshalb ein echtes Ärgernis für die Dauerkonsumkultur des Spätkapitalismus», sagte er dieser Zeitung 2014. In seinem Buch «24/7» beschrieb er, wie die inaktive Zeit des Schlafs unter Druck kommt, durch Arbeits-E-Mails auf dem Handy, aber auch durch Gadgets, die Puls und Atmung im Schlaf messen: keine Zeit mehr ohne Nutzen.

Manche, die nun angesichts müder Politiker den Schlaf verteidigen, stecken längst selber in der Falle des Leistungsdenkens. Die Autorin Ronja von Rönne schwärmte in einer «Zeit»-Kolumne unlängst von Schlaf und Traum – und von einer Technik des «luziden Träumens», dank der man seine Traumlandschaften aktiver gestalten könne, wie eine TV-Serie, aber besser, «nervige Nebencharaktere» einfach ausschalten oder «einen Tesla fahren». Mehr erleben: nun auch im Schlaf. Man muss sich einfach Mühe geben.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.01.2018, 19:31 Uhr

Artikel zum Thema

To-do-Liste baut Stress ab

Altmodisch, simpel und hilfreich: Wer abends im Bett seine Aufgaben für den nächsten Tag auflistet, schläft eher ein. Mehr...

Immer mehr Kinder klagen über Stress

Video Ein wachsender Teil der Kinder und Jugendlichen fühlt sich gestresst und niedergeschlagen. Die Stiftung Pro Juventute sieht es als eine der grössten Gefahren. Mehr...

Wenn beim Arbeiten der Sinn abhandenkommt

SonntagsZeitung Nach Burn-out und Bore-out kommt nun das Brown-out: Leistungsträger verlieren das Interesse am Job, weil die Firma sie zunehmend einengt. Mehr...

Dossiers

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Werbung

Urban und trendy?

Mal im Selbstversuch, mal beim Ortstermin. Oft mit Nachgeschmack. Immer allumfassend.

Die Welt in Bildern

Kampf gegen Rassismus: Ein Demonstrant protestiert gegen die Kundgebung «Liberty of Death», eine Versammlung von Rechtskonservativen vor der Seattle City Hall in Seattle, Washington. (18. August 2018)
(Bild: Karen Ducey/AFP/Getty) Mehr...