Politik und Porno

Die Libanesin Mia Khalifa wurde über Nacht die weltweit begehrteste Pornodarstellerin. Aus muslimischen Staaten erntet sie dafür Morddrohungen, aber auch Abermillionen Zuschauer.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Ihr Markenzeichen sind die etwas zu grosse, streberhafte Brille, die ihr immer ein wenig die Nase hinunterrutscht, und ihre Mittelfinger, die sie von ihren nackten Brüsten weg in die Kamera streckt. Ansonsten ist Mia Khalifa eine hübsche, 21-jährige Frau mit strahlendem Lächeln und braunen Knopfaugen. Ach ja, und sie ist seit letztem Dezember die weltweit gefragteste Pornodarstellerin, erhält täglich Morddrohungen und ist Sinnbild für einen Wandel in der muslimischen Welt – aber alles der Reihe nach.

Mia Khalifa stammt aus einer christlichen libanesischen Familie, die in die USA immigrierte, studiert Geschichte und arbeitet nebenbei in einem Fast-Food-Restaurant. Bis sie eines Tages angefragt wird, ob sie nicht in der Erotikbranche arbeiten wolle – im Oktober 2014 steht sie erstmals vor der Kamera. Dann gelingt ihr ein kometenhafter Aufstieg in der Szene: Im Dezember desselben Jahres verkündet die Pornoseite Pornhub, die Neueinsteigerin sei der neue «Number 1 Porn Star». Fast eine Million Menschen aus aller Welt klickt in den folgenden fünf Tagen ihre Filme an, ihr Twitter-Account erreicht binnen weniger Wochen über 300'000 Follower, Khalifa versorgt diese mit Oben-ohne-Bildern. So weit, so unproblematisch. Wäre da nicht ihr kultureller Hintergrund, wären da nicht die politischen Botschaften, die sie in die Online-Community streut.

Markenzeichen Streberbrille

Gerade in den Pornos spielt die Libanesin mit der islamischen Kultur. Besondere Aufregung erregte sie als Muslima, die sich vor den Augen der Mutter mit ihrem Biker-Freund vergnügt und dabei einen Hidschab, eine religiöse Kopfbedeckung, trägt. Bereits zu Beginn ihrer Karriere gab Khalifa bekannt, ihre Familie habe inzwischen den Kontakt zu ihr abgebrochen – nun aber schwappte der Familienzwist auf eine ganze Region über: Die Medien des als liberal geltenden Libanon feinden sie massiv an, kurze Zeit später nehmen die Behörden sechs Pornoseiten vom Netz. In den sozialen Netzwerken tun Muslime aller Welt ihre Empörung über Khalifas «Blasphemie» kund, einige wünschen ihr die Steinigung, die Enthauptung oder «ewiges Leiden in der Hölle».

Auch ihre Tätowierungen sorgen für lauten Protest: Auf dem linken Arm trägt sie die ersten Zeilen der libanesischen Nationalhymne, am rechten Handgelenk das Kreuz der Forces Libanaises, einer christlichen libanesischen Partei. Zu den Tätowierungen meinte sie kürzlich in einem Interview: «Der Libanon darf nicht zwischen Syrien und Israel hin und her geschubst werden.» Eine Pornodarstellerin, die den Islam verhöhnt, sich patriotisch gibt und eine rechtskonservative Partei unterstützt – für ihre Landsmänner ist dies zu viel des Guten. Doch die Stimmen der Empörung verhallen grösstenteils angesichts der Beliebtheit: Mittlerweile ist das Pornosternchen zur Pop-Ikone mutiert. Ein Musikerduo aus den USA hat ihr ein Lied gewidmet, eine libanesische Bierbrauerei wirbt sogar mit Khalifas Brille, ihrem Markenzeichen. Darunter steht: «Wir beide sind nur für Erwachsene.»

Die Bierwerbung zeigt: Mit Khalifa lässt sich auch im Nahen Osten durchaus Geld verdienen. Und dass sie als Newcomerin quasi über Nacht an die Spitze der Pornodarstellerinnen katapultiert wird, grenzt in der Branche zudem an ein Wunder. An der blossen Performance und an ihrem Äusseren dürfte dies kaum liegen. Könnte also Khalifas Aufstieg gerade auf ihre Herkunft zurückzuführen sein? Stammen ihre Bewunderer etwa gar nicht mehrheitlich aus der westlichen Hemisphäre?

Galionsfigur der Vernetzung

Pornhub zumindest bestätigt diesen Verdacht: Gemäss der Pornoseite stammte Anfang Januar rund ein Viertel aller Internetabfragen aus dem Libanon, ein weiteres Viertel machen Besucher aus Syrien und Jordanien aus. Die Statistiken von Google sprechen eine ähnliche Sprache: Unter den zehn Ländern mit den meisten Pornosuchen befinden sich mehrere muslimische Staaten.

Das immense Interesse aus der muslimischen Welt zeigt einen Zwist innerhalb der muslimischen Gesellschaften: Der moralische Massstab ist in diesen Ländern in Bezug auf Erotik und Pornografie nach wie vor um ein Vielfaches strenger als in der westlichen Welt. Demgegenüber verbildlicht der Fall Mia Khalifa, wie gerade die jüngere Generation in den Weiten des World Wide Web versucht, diesen zu umgehen. Das amerikanische Internetmagazin «Salon» sieht in der Pornodarstellerin bereits eine Galionsfigur der Vernetzung zwischen christlicher und muslimischer Welt. Und nicht nur das: Internetpornografie an sich sei neben Nahrung und Bildung eine neue Konstante, welche die Menschen über alle Grenzen hinweg näher zusammenrücken lassen könnte.

Den Rummel um ihre Person nimmt Khalifa bislang gelassen, auf die Hasskommentare antwortet sie mit Humor. Erst kürzlich postete jemand ein bearbeitetes Bild, auf dem ihr von einem IS-Schlächter der Kopf abgeschnitten wird. Sie kommentierte: «Solange es nicht meine Titten sind. Die waren teuer.» (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 28.01.2015, 11:12 Uhr

Artikel zum Thema

Was ein Porno-Sekretär auslösen würde

Blog Mag Die «Porno-Sekretärin» wird mit auffallendem Grossmut bedacht. Wie würde die Öffentlichkeit wohl auf einen Mann reagieren, der sich im Bundeshaus halb nackt fotografiert? Zum Blog

Porno 2015 – mit dem Bundesamt für Gesundheit

Politblog Es freut uns, Ihnen eine Exklusivität zu präsentieren: Ein Sitzungsprotokoll des Bundesamtes für Gesundheit vom kommenden Dezember. Ein kabarettistischer Ausblick. Zum Blog

«Menschen schauen sich gern süsse Tierchen und Porno an»

Reddit.com ist eine der grössten und einflussreichsten Seiten im Internet. Worüber die User dort diskutieren, das lässt auch Manager Erik Martin staunen. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Kultur für Kleine: In Dresden öffnet die erste Kinderbiennale in Europa. Anders als sonst im Museum, kann und darf hier selbst gestaltet und mitgemacht werden. (21. September 2018)
(Bild: Sebastian Kahnert/dpa) Mehr...