Plötzlich diese Gelassenheit

Vergessen Sie die Ratgeber. Gelassenheit lernt man von Zeitgenossen, die einst tobten und heute unerwartet zur Ruhe fanden.

Eine Krebsdiagnose veränderte das Leben von Jacqueline Fehr. Inzwischen ist sie geheilt und glücklich im Amt als Regierungsrätin. Foto: Urs Jaudas

Eine Krebsdiagnose veränderte das Leben von Jacqueline Fehr. Inzwischen ist sie geheilt und glücklich im Amt als Regierungsrätin. Foto: Urs Jaudas

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Jacqueline Fehr, seit neun Monaten Zürcher Justizdirektorin, war als SP-Nationalrätin in den Redaktionen nicht für ihre Langmut bekannt. Sie schrieb geharnischte Mail auch bei kleineren journalistischen Unzulänglichkeiten oder dem, was sie dafür hielt. Sie hatte jene Dünnhäutigkeit, die viele SP-Politiker auszeichnete, gegenüber dem «Tages-Anzeiger» speziell, weil man von ihm aus alter Verbundenheit Wohlwollen und politische Unterstützung erwartete. Mehrmals wollte sie sich auch mit mir treffen, um ihre Klagen loszuwerden.

2002:  Jacqueline Fehr polarisierte als Nationalrätin oft. Foto: Pascal Lauener (Reuters)

«Ich hatte Todesangst, heulte am Anfang nur noch.» Jacqueline Fehr, SP-Regierungsrätin

Dann verlor sie die Wahl als SP-Fraktionspräsidentin im Bundeshaus gegen den vergleichsweise wenig profilierten, aber konzilianteren Innerschweizer Lehrer Andy Tschümperlin. Die Medien hatten sie im Vorfeld dieser Wahl als zu ehrgeizig und polarisierend dargestellt – ein Muster, dass sich in der Rivalität um den frei gewordenen ­SP-Regierungsratssitz zwischen Chantal Galladé und ihr wiederholte.

Zufällig sassen wir beim Mittagessen am «Tages-Anzeiger»-Meeting des vergangenen Jahres im Zürcher Schiffbau nebeneinander. Ich erwartete ein unruhiges Mahl, wenn sie sämtliche Unstimmigkeiten in der Berichterstattung der vergangenen Jahre über sie auflisten würde. Doch nichts dergleichen: Die SP-Nationalrätin sass entspannt da und erwies sich als friedfertige und versöhnliche Tischnachbarin. Kritik an ihr war kein Thema und mehr noch: Sie schien sich von den Medien korrekt behandelt zu fühlen, keine Spur von Kränkung jedenfalls. Heute sagt sie: «Der ‹Tages-Anzeiger›› hat über mich auch viel Gutes und Richtiges geschrieben.» Das «auch» bleibt unbetont.

So war meine Überraschung als Moderator schon kleiner, als sie einen Monat später während einem Wahlpodium zur Regierungsratswahl im grossen Zürcher Kaufleutensaal mit einer Gelassenheit und Geduld auf dem Sofa sass, die man für übermenschlich hielte, würde man nicht Ähnliches vom Dalai Lama hören. Fehr anerkannte auch Verdienste des politischen Gegners und zeigte sich bei Differenzen umgänglich und kompromissbereit.

Mit einem anderen Engagierten ohne selbstkritische Distanz hatte ich vor dreissig Jahren zu tun. Der aufstrebende Textilunternehmer Adrian Gasser war bei Journalisten so gefürchtet wie verhasst. 1991 verklagte er die «Weltwoche» nach einer Artikelserie auf 20 Millionen Schadensersatz. Sie hatte in der Berichterstattung seiner Meinung nach böswillig den Eindruck erweckt, er selber hätte den Messingkäfer in seiner Spinnerei in Kollbrunn ausgesetzt, um den unrentablen Betrieb schliessen zu können. Alle waren sie damals gegen ihn: Die Textilindustriellen aus altreichen Familien bekämpften den Emporkömmling, die Gewerkschaften den Sanierer, die Medien den dünnhäutigen Rabauken. Zweimal hatte er auch mich unzimperlich rausgeworfen, als ich an einem vereinbarten Termin (angemeldet) und an seinem Antigewerkschaftsfest in Bürglen (unangemeldet) erschien: «Raus mit Ihnen – ich kann gar nicht so viel essen, wie ich kotzen muss, wenn ich Sie sehe.» Gegen ein missliebiges Porträt über ihn im «Magazin» intervenierte er via Anwalt ganz oben. Seinen persönlich verfassten Nachruf auf seine Mutter, den er mir in einem raren Momente des Vertrauens ausgehändigt hatte, musste ich ihm umgehend per Post zurücksenden: «Es ist für mich unerträglich, ihn in so schmutzigen Händen zu sehen.»

Auch Roland von Mentlen war nicht immer ein friedfertiger Mensch. Der Schweizer Eishockey­manager gewann in den 80er- und 90er-Jahren mit seinen Teams zwar zahlreiche Titel und war mitverantwortlich für die Professionalisierung in der Nachwuchsausbildung. Aber Harmonie in der Clubführung war nie seine Sache. Selten trennte sich von Mentlen von einem Club in Frieden, er war ein Mann des undiplomatischen Wortes und der direkten Tat: Als Marco Bührer, damals Torhüter des von ihm betreuten EHC Kloten, später während 15 Jahren Stammgoalie beim SC Bern, im Final der Elitejunioren von den Langnauer Stürmern mehrfach ungestraft über den Haufen gefahren wurde, eilte er gleich in den Strassenschuhen aufs Eis. Und stauchte die Schiedsrichterin zusammen: «Sie müssen pfeifen, nicht saugen!» Die Busse: 1300 Franken.

Der Jakobsweg hat geholfen: Roland von Mentlen im Wald oberhalb seines Wohnorts Ronco. Foto: Urs Jaudas

«Playoffs im 
Schweizer Eishockey? Finden auch statt.»
Roland von Mentlen, einstiger Eishockey-Coach

1998: Von Mentlen als Coach des EHC Kloten im Zwiegespräch an der Bande. Foto: Jürg Müller (Keystone)

Von Roland von Mentlen erreichte mich im vergangenen Sommer eine überraschende Mail: Der ehemalige Eishockeycoach war unterwegs auf dem Jakobsweg. Er war im Juli in Konstanz mit nichts als einem kleinen Rucksack gestartet und danach in 82 Tagen zu Fuss nach Santiago de Compostela gewandert. Er schrieb öfter, dass ihm inzwischen andere Werte wichtig seien, vieles mit Grossbuchstaben, etwa so:

«Wir brauchen SIE für UNSEREN Weg ins MENSCHENMÖGLICHE und fürs FÜREINANDERDASEIN, in aller erster Linie. Was wir heute diesbezüglich bieten, und ich schliesse mich mit ein, kann doch nicht das Ende der Menschwerdung, der gelebten Menschlichkeit sein, verdient nicht einmal als ernsthafter Versuch verstanden zu werden!! Ein erster Schritt wäre z. B., im Mitmenschen nicht mehr den Andern, religiös, sprachlich, kulturell etc. zu sehen, dem Anfang vielen Leids und Streitereien, dem Alibi für Macht und Ohnmacht, Auseinander- statt Zusammensetzung.»

Adrian Gasser rief mich im vergangenen November an. In seiner Stimme war etwas Neues zu hören: Zufriedenheit. Ich hätte ihn nun bald 30 Jahren journalistisch begleitet, und er würde mich gerne nochmals treffen. Wir vereinbarten uns zum Mittagessen in Langenthal. Da stand er denn am Bahnhof, ein zur Ruhe gekommener Kämpfer ohne die Attitüde von Ungeduld und Kränkung früherer Tage. Er führte mich durch sein Logistikzentrum auf dem Gelände der ehemaligen Spinnerei Gugelmann in Roggwil, stolz über das Erreichte, aber nicht gockelig. Wo immer möglich, überliess er das erläuternde Wort einem Verantwortlichen. Er schien mit 70 Jahren dort angekommen, wo er es sich erträumt hatte, gegen viele Widerstände, auch in der eigenen Person.

Adrian Gasser blickt inzwischen versöhnlich und zufrieden zurück. Foto: Urs Jaudas

«Die 20-Millionen-Klage gegen die ‹Weltwoche› war überrissen.»Adrian Gasser, einstiger Textilindustrieller

1993: Adrian Gasser an einer Pressekonferenz als Textilindustrieller. Foto: Keystone

Was macht Menschen gelassen? Man wird sich diese Fähigkeit nur schwerlich aus Ratgebern und durch Coaching erwerben können, das Leben selbst muss der Ratgeber sein. Das Alter mag diesem Prozess förderlich sein, Einschnitte im Leben auch. Der Münchner Philosoph Wilhelm Schmid hält in seinem aktuellen Bestseller zum Thema die Gelassenheit für einen der wenigen Vorteile des Alters: Man hat vieles schon erlebt, auch Schmerz, Unglück und Niederlagen und ist im besten Fall auch selbstkritischer geworden. Im Wissen um die Endlichkeit des Lebens schafft man es womöglich, mit den kleinen Widrigkeiten des Alltags entspannter umzugehen. Vielleicht lehrt einen erst die Erfahrung, zu unterscheiden, was im Leben weniger bedeutsam und was wirklich wichtig ist. Auch Entschleunigung ist dabei hilfreich, denn sie lässt Zeit für Reflexion.Es ist freilich nicht nur eine Altersfrage: Jaqueline Fehr ist erst 52-jährig, andere machen diesen Schritt noch früher. Roger Federer etwa, der als junger Tennisspieler regelmässig Schläger zertrümmerte und sich nach einem eigenen Fehlschlag oder einem Fehlentscheid des Schiedsrichters oft dermassen ärgerte, dass gleich drei weitere Punkte verloren gingen, erwarb sich diese Fähigkeit mit dem Eintritt ins Erwachsenenalter. Vor einem Turnier in Basel darauf angesprochen, meinte er: «Das war ein langer, harter Kampf mit mir selber. Ich habe mir eines Tages gesagt: Jetzt ist fertig, jetzt sage ich nichts mehr.» Danach sei er während zwei Jahren fast zu ruhig gewesen und habe erst wieder neue Energie in sein Spiel reinbringen müssen, um an die Weltspitze vorzustossen.

Krankheit als Wendepunkt

Bei Jacqueline Fehr führte eine Krebsdiagnose vor gut einem Jahren mit zum Wendepunkt. «Ich hatte Todesangst, heulte am Anfang nur noch.» Danach wurde sie von Freunden gut beraten, sie erwähnt die Tessiner Ärztin und Parteikollegin Marina Carobbio und auch den Onkologen Franco Cavalli, ebenfalls ein Parteikollege. Beide switchten in der Ärzterolle weg vom politischen Alltag zur mitfühlenden Empathie. «Daran wirst du nicht sterben», sagte Cavalli, nachdem der Tumor in der Brust früh erkannt worden war. Und in der Tat erholte sie sich nach der Operation gut und konnte auf Bestrahlung und Chemotherapie verzichten.

Mit verholfen zur neuen Gelassenheit hat auch ihr erfolgreicher Wahlkampf für den Zürcher Regierungsrat, für den ihr Freunde empfohlen hatten, auf positive Werte zu setzen («Zürich kann mehr»). Speziell die Aussensicht des Bündner Wahlstrategen Jon Pult verhalf zu diesem eingängigen Wahlmotto. Und wichtiger noch ist ihr die Gewissheit, dass inzwischen ihre beiden Söhne, 20- und 22-jährig, die Kurve ins Erwachsenenalter gekriegt haben. Sie habe liberal erzogen und viel zugelassen («zeitweilig hatten wir zu Hause ein Jugendhaus»). Und schliesslich habe sie mit zunehmendem Alter auch gemerkt, wie viel ihr vom Leben bereits geschenkt wurde.

Kann man Gelassenheit trainieren? Es gibt Juniorentrainer, die in Trainingsspielen bei strittigen Szenen absichtlich falsch entscheiden, um die Kids zu lehren, mit Ungerechtigkeit umzugehen. Der Zürcher Coach Caspar Fröhlich («Manage your Boss») trainiert bei schlechter Impulskontrolle die Achtsamkeit: In welchen Situationen verliere ich die Souveränität? Welche Muster haben sich eingespielt? «Wenn man dem Muster auf die Spur kommt, kann man sein Verhalten ändern und die innere Freiheit zurückgewinnen.» Bei ihm seien es Staus, die ihn in Wallung bringen – «das muss mit früheren Erlebnissen zu tun haben». In Führungskursen wird mit einer einfachen Regel gelehrt, wie man mit den täglichen Widrigkeiten in Beruf und Alltag umgeht: «Situation, du bist mein Coach: Was willst du mir beibringen?» Oft ist die Antwort einfach: «Geduld». Und manchmal verhilft auch ein Spruch auf einem Zuckersachet zu überraschender Einsicht: «Lerne zu akzeptieren, was du nicht ändern kannst. Lerne, zu ändern, was du ändern kannst. Und lerne, beides zu unterscheiden.»

Über seine Erfahrungen auf dem Jakobsweg schrieb Roland von Mentlen: «Es war ein Versuch, mich meiner Prägungen durch die Welt des überdüngten Spitzensports zu entziehen, und mich den wirklichen Dingen des Lebens hinzuwenden. Meine Frau, meine Familie, meine Freunde, zusammen mit meiner neuen Hinwendung zu meiner Mitwelt, werden mir helfen, meinen Weg aus der Sucht, hin zum Leben, zu Ende zu gehen, ein verlässlicher Mitmensch, der ich zu oft nicht war, zu werden.»

«Tschingg und unehelich – das war zu viel»

Wir treffen uns in Ronco, am Südhang oberhalb von Piotta, gleich unter der Strada Alta, dem kleinen Kreuzweg im Sopraceneri. Die Valascia, das zugige Eishockeystadion von Ambri, ist in Sichtweite und doch weit weg. Von Mentlen wirkt hier der Abwanderung und dem Zerfall des kleinen Tessiner Bergdorfs seit Jahren entgegen. Bei seiner Ankunft waren noch 4 von 15 Häusern ganzjährig bewohnt. Inzwischen hat er zusammen mit seiner Frau Patrizia fünf Häuser renoviert, im einen wohnen sie selber. Ein anderes haben sie einer allein erziehenden Mutter mit drei Kindern für 750 Franken vermietet, in einem dritten den inzwischen 84-jährigen ehemaligen Hirten des Dorfes untergebracht, den sie auch mit Mahlzeiten versorgen. Ein viertes soll zum Gemeinschaftsraum im Dorf werden. In einem fünften, luxuriöseren, logiert ein Profi des HC Ambri. Futterplätze für Vögel sollen im ganzen Dorf dafür sorgen, dass die Artenvielfalt nicht abnimmt. Er holt mich am Bahnhof in Airolo ab, bewirtet mich zu Hause mit einer Minestrone sowie Käse aus dem Val Piora und erzählt sein Leben.

Er habe im Thurgau, wo er aufwuchs, als Sohn einer ledigen italienischen Mutter lange dafür kämpfen müssen, akzeptiert zu werden: «Tschingg und unehelich – das war zu viel.» Er habe seinen Startnachteil mit Leistung wettmachen müssen, verdiente sich das Geld für die Fernmatura, indem er in seinem Lehrbetrieb Bühler Uzwil am Samstag die Maschinen putzte. In zweieinhalb Jahren schaffte er die Matura, aber kam erstmals an die Grenze seiner Kräfte. Als die Nonna starb, verlor er den einzigen Menschen, der ihn bedingungslos geliebt hatte. Sie hatte ihm das Motto «pace e pazienza» («Friede und Geduld») vorgelebt, dem wollte er nachleben. Er raffte sich auf in einer Psychotherapie, wechselte nach ein paar Semestern Recht zum Sportstudium. Nach dem Einstieg ins Eishockey professionalisierte er die Juniorenabteilung des EHC Kloten, die Kids mussten künftig auch vor der Schule aufs Eis. Klotens Junioren sammelte in jener Zeit Titel zuhauf, ihre Ausbildung wurde für andere Clubs zum Vorbild. Von Mentlen wechselte zu den Grossen und holte in verschiedenen Funktion fünf Meistertitel mit Bern, Kloten und Zug. Genauso häufig scheiterte er, die ungnädigen Medien schrieben, er hinterlasse überall Scherben.

Heute ist das alles weit weg: Von Mentlen erinnert sich lieber an seine Rolle bei der Aufführung im «Dornröschen» an der Thurgauer Sekundarschule. Als einziger Zweitsekler hat er mit den Schülern der dritten Sekundarklasse spielen dürfen – und dies gleich in der Rolle des Prinzen. Er musste sich auf dem Weg ins Schloss zwischen Selbstsucht und der Selbstlosigkeit entscheiden. Das Volksmärchen verlangt Selbstlosigkeit, sonst weichen die hundertjährigen Dornen auf dem Weg zu Dornröschen nicht zurück.

Darf man der Langmut trauen?

Ist das mehr als Kitsch? Journalisten sind Skeptiker und misstrauen von Berufes wegen zu viel Harmonie. Ein Treffen zu diesem Thema kann den Gesprächspartner zur Inszenierung verleiten, demonstrierte Gelassenheit kann auch Kalkül sein. Bei Jacqueline Fehr bleibt ein Rest von Misstrauen, wenn sie erst ihren Kommunikationschef ausloten lässt, was man denn beim persönlichen Treffen erkunden wolle. Wenn sie sich beim Treffen mit dem Journalisten mit verschränkten Armen schützt. Aber ihr Wandel scheint echt, das Gespräch mit dem Journalisten ist so offen, wie es für eine Politikerin im Amt sein darf. Im Amt des Regierungsrat fühlt sie sich dort angekommen, wo sie ihre Erfahrung am besten einbringen kann.

Auch Roland von Mentlen ist angekommen: als Secondo-Italiener in der Schweiz. Er ist dabei nicht schweizerischer geworden als die Schweizer, was er zeitweilig anstrebte. Seine zweite Frau hat mit ihren italienischen Wurzeln den Italiener in ihm erweckt. Man verzeiht ihm gerne die expressionistischen Übertreibungen auf dem Weg zur Selbstlosigkeit. Er lebt jetzt in Ronco «pace e pazienza»; im Tessiner Bergdorf ist das Gemeinschaftsleben neu erwacht. Deshalb gefällt ihm auch der Gottesdienst in der Kapelle, wenn der Pfarrer von Quinto im vierwöchigen Turnus hochkommt.

Und auch Adrian Gasser scheint angekommen. Er konnte zwar die Textilindustrie auf der Basis von Massenproduktion in der Schweiz angesichts der Konkurrenz aus Osteuropa und Asien nicht retten. Aber auf deren Immobilien entstand Neues, das heute wirtschaftlich tragfähig ist. In Roggwil BE etwa hat er auf dem Gelände der ehemaligen Spinnerei Gugelmann ein kleines rentables Biotop geschaffen, mit Silo für Holzpellets, Hochregallager, Go-Kart-Rennbahn, Schleuderkursstrecke, Teich und Fröschen. Im Tiefkühllager sind eben die Schokolade-Osterhasen eingetroffen.

Gasser schaut versöhnlich zurück. Die Klagesumme gegen die «Weltwoche» sei überrissen gewesen. Sein Anwalt hätte den horrenden Betrag eingesetzt, sagt er heute. Mit zur neuen Gelassenheit beigetragen hat Gassers Geschäftserfolg und damit verbunden die erfolgreiche Umschuldung der Lorze-Gruppe. Im vergangenen Herbst konnte er Fremdkapital abbauen und sich bei einer neuen Bank langfristig günstig finanzieren. Zuvor hätte die Pax-Versicherung unter Druck gestanden, ihre Verbindung mit ihm zu beenden. Ausgerechnet BZ-Banker Martin Ebner, in eigener Sache nie konfliktscheu, hat zur neuen Friedfertigkeit beigetragen: Ebner empfahl Gasser, an der letzten Generalversammlung von Reishauer, mit deren Mehrheitsaktionären aus der Familie Bodmer er über ein Jahrzehnt im Streit war, für einmal schweigend teilzunehmen. Und half ihm danach, schrittweise aus dem Reishauer-Aktienpaket auszusteigen.

Anfang März wird Patent Ochsner auftreten

Gasser lädt ein zum Mittagessen im Langenthaler Parkhotel, das einst heruntergewirtschaftet war und nun unter seinem Management zum rentablen Seminarhotel mit vier Sternen aufgepimpt wurde. Er lässt dem Journalisten zuvor die Zimmer zeigen, stimmiges Interieur in Beige, die Designbetten zum Vorzugspreis erworben. Zwischen Dessert und Tee eifert er dann doch wieder ein klein wenig gegen die Gerichte, die aufgrund ihrer politischen Wahl nicht unabhängig seien und die Schweiz noch immer nicht zum Rechtsstaat machten.

Gasser will dereinst noch eine Initiative lancieren, die eine unabhängige Richterwahl mittels Los vorsieht. Richtig so, denn Gelassenheit bedeutet nicht, nicht mehr kämpferisch zu sein und sich nicht mehr zu engagieren. Und er legt sich weiterhin mit den Gewerkschaften an, wenn er es für nötig hält: 2014 etwa nach dem Ja zur Masseneinwanderungsinitiative, als er die Arbeitszeit seiner Beschäftigten auf 44 Stunden verlängerte. Aber seine Gesichtszüge verhärten sich bei der Einschätzung von Gerichten und Gewerkschaften nicht mehr wie vor 30 Jahren als Wüterich – er scheint sich auf seine Initiative zu freuen und wird womöglich mit einer Niederlage gelassen umgehen können.

Vor dem Essen zeigte er die grosse Eventhalle im Parkhotel für Aktionärsversammlungen und Konzerte. Anfang März wird Patent Ochsner auftreten, Büne Huber wird von seinen zeitlosen Träumen singen: Vom «Gummiboum», Sinnbild der Gelassenheit, und vom Abflug auf «Bälpmoos», der Sehnsucht nach einem anderen, stressfreien Leben. Wird von Mentlen dann die gleichzeitigen Eishockey-Playoffs verfolgen, die ihn jahrzehntelang umtrieben? «Playoffs? Finden auch statt», sagt er auf diese Frage lapidar. Jacqueline Fehr entschränkt die Arme, als wir uns verabschieden.

Res Strehle war bis Anfang Januar Chefredaktor des TA. Das Amt lehrte ihn Gelassenheit. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 06.02.2016, 00:04 Uhr

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