Plötzlich berühmt – fünf Orte, die unter Instagram-Touristen leiden

Früher ein Geheimtipp, heute von Touristen mit Smartphones überrannt: Wenn der Hype die Magie zerstört.

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Während der Eiffelturm in Paris oder die italienische Amalfi-Küste schon immer beliebte Tourismusziele waren, kämpfen neuerdings auch andere Orte mit einem aussergewöhnlichen Ansturm von Besuchern – ausgelöst durch Bilder auf Social Media. Dort ermöglichen Geotags Reisenden, schöne Orte, Hotels und empfohlene Restaurants zu entdecken. Laut dem Reiseanbieter Topdeck buchen 18 Prozent der 18- bis 30-Jährigen Ferien basierend auf dem, was sie auf Instagram sehen. Ein Hotel auf den Malediven beschäftigt sogar Instagram-Butler, die einem die besten Fotoplätze auf der Insel zeigen.

Vor zwei Jahren stand das Hotel Villa Honegg in Ennetbürgen im Zentrum eines Hypes, nachdem eine Reisebloggerin ein Video des Infinity-Pools veröffentlicht hatte. Über 120 Millionen Mal wurde der Clip angeklickt und Anfragen aus der ganzen Welt erreichten das Fünfsternhaus. Und der Hype hält an. «Wir profitieren nach wie vor davon», sagt Gastgeber Sebastian Klink. Der Spa ist drei Monate im Voraus ausgebucht und auch das Hotel sei gut ausgelastet. Man setze im Marketing bewusst weiter auf Social Media. Allerdings gilt im Bereich um den Infinity Pool mittlerweile ein Fotoverbot, um die Privatsphäre der Hotelgäste zu schützen.

Die neu gewonnene Bekanntheit kann also die lokale Wirtschaft fördern und Touristen an Orte führen, die sie sonst nie entdeckt hätten. Doch der Hype führt in Ländern und Städten, die nicht dafür gerüstet sind, zu Problemen. So wurde diese Woche bekannt, dass die Wirte des Berggasthauses Aescher am Alpstein den Betrieb nicht mehr weiterführen wollen. Grund ist die wachsende Gästezahl, die die Infrastruktur des Gebäudes an die Grenzen bringt.

Wenn der Erfolg zum Problem wird: Soziale Medien machten die Bergbeiz Aescher berühmt. (Video: Aleksandra Hiltmann)

1. Santorini, Griechenland

Santorini war nie ein Geheimtipp unter Touristen, leidet aber zunehmend unter einem Hype, den Influencer und Reiseblogger ausgelöst haben. Über 4,4 Millionen Beiträge findet man auf Instagram unter dem Hashtag mit dem Namen der griechischen Insel, 814'698 Beiträge zum Küstenort Oia. Darauf zu sehen: Sonnenuntergänge vor den in die Klippen gebauten, weissen Häusern, Brautpaare vor türkisblauem Meer und viele Menschen, die auf einer weiss gekalkten Mauer sitzen.

Was man nicht sieht: Wie Touristen über Dächer klettern, einander aus dem Weg schieben und sich darüber beklagen, wenn jemand mehr als ein Foto vor der malerischen Kulisse machen will.

Als problematisch gelten vor allem die Kreuzfahrtschiffe. Früher brachten sie bis zu 10'000 Touristen pro Tag auf die Insel. Mittlerweile gilt eine Grenze von 8000 Besuchern. Trotzdem leiden die Einheimischen unter steigenden Mieten und Preisen, der Tourismusboom belastet die Infrastruktur und verstärkt die sozioökonomischen Spannungen.

2. Pig Beach, Bahamas

Pig Beach auf den Bahamas ist bekannt für seine Kolonie wilder Schweine, die auf der unbewohnten Insel leben. Sie sind mittlerweile zu einer Social-Media-Attraktion geworden – auch weil die Tourismusbehörde offensiv damit wirbt: «Besuchen Sie Pig Beach und machen Sie ein Selfie mit den #swimmingpigs.» Rund 50'000 Beiträge gibt es auf Instagram mit den Tieren.

Tierschützer kritisieren, dass die Tiere ihre natürlichen Verhaltensweisen verloren hätten. Im Februar 2017 wurden in Pig Beach sieben tote Schweine gefunden. Erst machte man Touristen dafür verantwortlich, später stellte sich heraus, dass die Tiere Sand gefressen hatten. «Ich sehe oft Touristen, die wilde Tiere füttern, um ein Selfie zu schiessen, oder trotz Verbotsschildern auf Denkmäler klettern», kritisiert Reiseautorin Sara Reid, die sich auf nachhaltiges Reisen spezialisiert hat.

3. Machu Picchu, Peru

Für Machu Picchu in den peruanischen Anden gilt bereits eine Grenze von 2500 Besuchern pro Tag. Trotzdem werden diese zunehmend zum Problem. Die peruanische Regierung hat nun einen Plan ausgearbeitet, um die Zahl der Besucher weiter zu reduzieren. So sollen Touristen das Gelände ab 2019 nur noch mit offizielleln Tourguides auf festgelegten Routen und innerhalb eines bestimmten Zeitfensters besichtigen dürfen.

Unter dem Hashtag Machu Picchu gibt es auf Instagram über 1,1 Millionen Beiträge. Damit landet das historische Inka-Bauwerk in der von Travelcircus.de erstellten Rangliste der meist geteilten Orte auf Instagram auf Platz 48.

4. Blaue Lagune, Island

In Island ist die Zahl der Touristen seit 2014 von knapp einer Million auf weit über zwei Millionen pro Jahr gestiegen. Die Blaue Lagune in der Nähe der Hauptstadt Reykjavik gehört zu den 100 meist geteilten Orten auf Instagram. Grund dafür sind günstige Flüge, der «Game of Thrones»-Effekt sowie Marketingkampagnen, die mit den durch die Serie bekannt gewordenen rauen Landschaften werben. Das führte einerseits zu einem Aufschwung für die Wirtschaft, aber auch zu steigenden Preisen für die Einheimischen und Druck auf die Infrastruktur.

Ähnlich wie Island machte auch Neuseelands Tourismusorganisation mit der Kampagne «100% Pure New Zealand» offensiv Werbung für die rauen und unberührten Landschaften, die in den «Herr der Ringe»-Filmen für epische Kulissen sorgen. Doch die Einheimischen stören sich an Touristen, die nun überall zelten und wandern und Abfall hinterlassen. Die fehlende Infrastruktur wird zum Problem: zu wenig Hotels, zu wenig Parkplätze und zu wenig öffentliche Toiletten. Laut einer im letzten Jahr veröffentlichten Umfrage zweier Tourismusorganisationen gaben 35 Prozent von 500 Befragten an, der Tourismus übe zu viel Druck auf das Land aus.

5. Trolltunga, Norwegen

Wer auf dem Felsvorsprung 700 Meter über dem See Ringedalsvatnet ein Foto machen will, muss sich anstrengen: Rund zehn Stunden dauert die Wanderung vom Parkplatz zur Trolltunga. Als Belohnung nach 28 Kilometern Weg und 900 Höhenmetern winkt die Aussicht von «einer der beeindruckendsten Klippen Norwegens», schreibt die Tourismusorganisation.

Allerdings: Um ein Foto machen zu können, muss man sich erst mal in eine Schlange stellen. Jedes Jahr kommt es an der Trolltunga ausserdem zu mehreren Such- und Rettungsaktionen. «Visit Norway» weist deshalb auch darauf hin, nur gut ausgerüstet auf die Wanderung zu gehen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.08.2018, 14:44 Uhr

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