Neues Geschäftsmodell in US-Kneipen

Seit letztem Jahr ist in einigen US-Bundesstaaten der Konsum von Cannabis legal. Doch da genaue Regeln fehlen, bewegt man sich in einer juristischen Grauzone. Einige Wirte wittern dennoch das grosse Geschäft.

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John Connelly beugt sich auf seinem Barhocker nach vorne, führt eine gläserne Pfeife zum Mund und inhaliert eine weisse Marihuana-Wolke. Drei junge Frauen hinter der Theke stehen bereit, ihm und anderen Gästen der Bar in der Stadt Tacoma im US-Staat Washington bei der Zubereitung der Wasserpfeife zu helfen. Aus dem Erdgeschoss dringt gedämpft die Musik einer Bluesband, die dort spielt. «Es ist so gemütlich hier», sagt der 33-jährige Connelly. «Der soziale Aspekt ist toll.»

Willkommen im Stonegate: Wie eine kleine Zahl weiterer Bars, Cafés und Privatclubs in den US-Staaten Washington und Colorado hat es sein Angebot an die Freunde gepflegten Marihuana-Rauchens gerichtet. Die Wähler dort hatten im vergangenen Herbst den Konsum von Marihuana für Erwachsene über 21 Jahre freigegeben, ein Novum in den USA. Öffentlich darf die Droge aber weiterhin nicht konsumiert werden, genaue Regeln wurden indes noch nicht festgelegt. Zwar fallen auch Bars und Restaurants in den öffentlichen Bereich, doch loten einige Lokale die Grenzen des Erlaubten schon einmal aus. Sie erhoffen sich davon nicht zuletzt eine Belebung des Geschäfts.

«Ein Marihuana-Club ist das, was die Wähler wollen»

«Ich betreibe schon seit ein paar Jahren eine Bar, und die Leute sind immer nach draussen um die Ecke gegangen, um Gras zu rauchen», sagt Jeff Call, der Besitzer des Stonegate. «Die Leute sollten sich nicht verstecken müssen. Bis jetzt gibt es keine Regeln, aber ich versuche, das mit Bedacht und Verantwortungsbewusstsein zu tun.» Der Verkauf von Marihuana ist in Washington nur Händlern mit Lizenz gestattet - und solche Lizenzen werden frühestens ab Ende des Jahres ausgegeben. Ausserdem ist im gesamten Staat das Rauchen an Arbeitsstätten verboten. Die Lokale erproben daher verschiedene Strategien.

Frankie's Sports Bar and Grill in Olympia im Staat Washington etwa gestattet Mitgliedern seines privaten Raucherraums den Genuss von Tabak oder Marihuana. Besitzer Frankie Schnarr sagt, seit Dezember sei sein Umsatz damit fast um die Hälfte gestiegen. In Denver verlangt der Club 64 einen Mitgliedsbeitrag von jährlich 30 Dollar (23 Euro) für das Privileg, in geselliger privater Umgebung high zu werden.

Die Mitglieder werden per Mail über Treffen des Clubs benachrichtigt, wie etwa kürzlich eine St.-Patrick's-Day-Party in einer örtlichen Bar. Dabei wurde mit Marihuana versetztes, grünes Bier ausgeschenkt. Der Besitzer des Clubs, der Anwalt Robert Corry, möchte eine Bar eröffnen, die die Mitglieder täglich aufsuchen können. «Ein Marihuana-Club ist genau das, was die Wähler wollten», sagt Corry.

«Ich mag das Gefühl, das man hier oben bekommt»

Wer im Stonegate in den Raucherraum im ersten Stock gelangen möchte, muss zunächst gegen eine geringe Gebühr - ein Dollar pro Tag oder 20 Dollar pro Jahr - Clubmitglied werden. Um nicht gegen das Rauchverbot zu verstossen, darf das Marihuana nur «verdampft» werden. Dabei wird es erhitzt, ohne zu verbrennen. Der Betreiber der örtlichen Abgabestelle für Marihuana, das zu medizinischen Zwecken genutzt wird, konnte sich in dem Raum einen eigenen Bereich einrichten. Wer kein ärztliches Rezept hat, muss sein eigenes Gras mitbringen und für zehn Dollar je halbe Stunde eine Wasserpfeife mieten. Alternativ können die Gäste auch dafür zahlen, dass ihnen eine Pfeife fertig zubereitet wird.

Eine Sprecherin der Stadt Tacoma sagt, die Behörden beobachteten den Betrieb im Stonegate. Und Justin Nordhorn von der zuständigen staatlichen Behörde erklärt, er habe Bedenken in Bezug auf Bars, die den Marihuana-Konsum erlauben. Vor allem deswegen, weil Marihuana die berauschende Wirkung von Alkohol verstärken und dies im Strassenverkehr gefährlich werden könne. Er hat auch Zweifel daran, ob sich die Lokale mit Hilfe der Einrichtung von sogenannten Privatclubs tatsächlich jeglicher Schwierigkeiten entledigen. Denn ein wahrhaft privater Club, in dem Alkohol ausgeschenkt wird, bräuchte eine Alkohollizenz speziell für Privatclubs, und die Öffentlichkeit hätte keinen Zutritt.

Stonegate-Besitzer Call ficht das vorerst nicht an. Er eröffnete sein Rum-und-Pizza-Lokal vor ein paar Jahren in einem Backsteingebäude in einer ehemals heruntergekommenen Gegend. Im ersten Stock, wo sich jetzt sein Raucherraum befindet, wurde bis vor kurzem ein Bordell betrieben. Calls Ziel ist erst einmal, mehr Gäste in seine Bar zu locken. Leute, die dann Hunger bekommen und Pizzas bestellen. «Die Leute lächeln und sind freundlich und froh», sagt Call. «Ich mag das Gefühl, das man hier oben bekommt.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 29.03.2013, 22:11 Uhr

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