Mein Block, mein Dorf

Ein Lob auf die städtische Siedlung. Von einer Mutter, die auf dem Land aufgewachsen ist.

300 Nachbarn – und mindestens die Hälfte sind Kinder: In dieser Wohnanlage lebt die Autorin. Illustration: Patrick Oberholzer

300 Nachbarn – und mindestens die Hälfte sind Kinder: In dieser Wohnanlage lebt die Autorin. Illustration: Patrick Oberholzer

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Ich stehe am Wohnzimmerfenster im zweiten Stock. Es ist kurz nach acht Uhr morgens, und meine beiden Buben haben eben das Haus verlassen. Sie gehen zu Fuss die paar Hundert Meter zur Primarschule. Eine wahre Prozession aus Kindern zieht auf dem Trottoir Richtung Schule. Dort hinten läuft ja Jonas. Der ist schon wieder zu spät! Das Ehepaar von nebenan macht sich auf den Weg zur Arbeit, ihre beiden Kinder im Schlepptau, die bringen sie unterwegs in die Krippe. Im Haus gegenüber sitzt Lara mit ihrem Sohn beim Frühstück – stimmt, am Dienstag arbeitet sie nicht. Sonst ist der Esstisch um diese Zeit bereits verlassen und das Wohnzimmer leer.

Seit wir vor neun Jahren aus den USA zurückgekommen sind, wohnen wir in dieser Siedlung in Zürich-Schwamendingen: 17 viergeschossige Blöcke, 145 Wohnungen, wenige Gehminuten vom Bahnhof Oerlikon. Eine Siedlung, wie es viele gibt in der Schweiz.

Wir sind durch Zufall hier gelandet, mit Ausnahme meiner Kindheit habe ich noch nie so lange an einem Ort gelebt. Ich kenne die meisten Menschen hier. Wenn nicht mit Namen, so doch zumindest vom Sehen. Sogar die paar älteren Ehepaare und alleinstehenden Frauen, die schon in der Siedlung gewohnt haben, bevor sie im Jahr 2005 abgerissen und neu aufgebaut wurde.

Hauptsächlich leben hier aber Familien. Von meinen geschätzten 300 Nachbarinnen und Nachbarn sind mindestens die Hälfte Kinder. Die Schulhäuser der Umgebung platzen aus allen Nähten. Kinder, wohin man schaut. Hinter den grossen Fenstern beim Legospielen, auf dem Hochbett beim Lesen, im Wohnzimmer beim Fernsehen, auf dem Spielplatz beim Fangis, auf der Wiese beim Fussballspielen, zwischen den Häusern mit Inlineskates, Rollbrett, Trottis und Velos in allen Variationen und Grössen.

Zusammen mit meinem Nachbarn, einem stay-at-home dad, gehöre ich zu den Ausnahmen.

Auch die Mütter kann ich sehen, wie sie mit schweren Einkaufstaschen beladen aus der Tiefgarage kommen, wie sie den Tisch decken, abends auf der Terrasse die Beine hochlegen und gemütlich ein Feierabendbier trinken. Die Väter sind sehr präsent – das sei der einzige Unterschied im Vergleich zum Leben in der Vorgängersiedlung aus den Fünfzigerjahren, wie mir die älteren Bewohnerinnen erzählen. Das Verhalten der Kinder hingegen habe sich nicht gross verändert. Auch damals seien sie manchmal laut und frech gewesen, dann wieder lammfromm.

Zurück zu den Vätern: Manche verlassen morgens im Anzug und mit Aktentasche das Haus mitsamt Kinderwagen, um das Kind in die Krippe zu bringen – eine Aufgabe, für die meiner Erfahrung nach Väter ohnehin besser geeignet sind, weil sie den Kindern oftmals mehr zutrauen als wir Mütter. Andere Väter besorgen mit Rucksack und Velo die Einkäufe für das Mittagessen, das sie ihren schulpflichtigen Kinder pünktlich um zwölf Uhr auf den Tisch stellen. Die meisten Paare teilen sich die Erziehungsarbeit. Ich bin eine der wenigen stay-at-home moms in unserer Siedlung. Zusammen mit meinem Nachbarn, einem stay-at-home dad, gehöre ich zu den Ausnahmen. Ich, weil ich ein Relikt aus längst vergangenen Zeiten bin; er, weil es immer noch selten vorkommt, dass sich ein Vater Vollzeit um die Kinder kümmert und nur die Mutter mit ihrem Einkommen die Familie versorgt.

Der Blick aus dem Fenster vermittelt mir das Gefühl von Heimat und die Sicherheit einer Grossfamilie.

Vermutlich hat meine Begeisterung für das Leben im Block mit meiner eigenen Geschichte zu tun. Ich bin in einem grossen Haus am Waldrand aufgewachsen. «Haus am Waldrand» hört sich idyllisch an – weit gefehlt! Vier Kilometer bis ins nächste Dorf und zur Primarschule, zwei Kilometer bis zum nächsten Kind in meinem Alter. Ich habe zwar viel Zeit in der Natur verbracht, war aber oft einsam. Meine Brüder waren viele Jahre jünger und deshalb keine adäquaten Spielkameraden.

Wenn das Gras höher wurde und wir es niedertraten, schimpfte der Bauer mit uns. Besonders lustig war es, in den hohen Maisfeldern Verstecken zu spielen, aber wehe, wir wurden erwischt! Die Umgebung meiner Kindheit bot niemals die gleichen Spielmöglichkeiten wie heute der nahe Stadtwald, wo sich die Kinder der Waldspielgruppe und die Pfadfinderinnen treffen. Ich behaupte, dass ich heute bei einem Spaziergang im Stadtwald mehr Tiere sehe als früher rund um mein Elternhaus. Selbst die Pflanzenwelt gedeiht in den Brachen der Grossstadt üppiger als auf den gedüngten Wiesen.

Wenn ich vom Küchenfenster aus meinen Jungs beim Spielen mit den anderen Kindern zusehe, denke ich: Vermutlich werden sie im sozialen Gefüge der Siedlung besser heranwachsen als in der Abgeschiedenheit auf dem Land. Ganz davon abgesehen, dass es eine Erleichterung für Eltern ist, nicht immer ein Freizeitprogramm aus dem Ärmel zaubern zu müssen.

Der Blick aus dem Fenster vermittelt mir das Gefühl von Heimat und die Sicherheit einer Grossfamilie, die es heute kaum noch gibt, weil die Kinder sich oft fernab ihrer Eltern niederlassen. Die Wohnsiedlungen mit den Spielplätzen, den Wegen und Blumenrabatten: Andere mögen das bünzlig finden, ich fühle mich gut aufgehoben in diesem Dorf in der Grossstadt. Wir sind eine Gemeinschaft, helfen uns gegenseitig, achten auf unsere Kinder. Fällt eins, trösten wir es, haben zwei Streit, greifen wir ein, bevor es Schrammen gibt. Egal, ob es die eigenen sind oder nicht.

Soll man sich einmischen oder diskret wegschauen?

Manchmal sitzen zehn Kinder an unserem Esstisch beim Zvieri, dafür essen sie am nächsten Tag Omelette bei der Nachbarin. Steht ein Kind vor verschlossener Tür, weil es eine Stunde früher als erwartet aus der Schule gekommen ist, wird es bemerkt und von Nachbarn aufgenommen, bis die Eltern gefunden sind. Und weil man bei so vielen Kindern leicht den Überblick verlieren kann und nicht immer die Möglichkeit hat, sich direkt auszutauschen, hat eine Mutter eine digitale Tauschbörse für Spielsachen, Kleider und Möbel eingerichtet.

Natürlich hat das enge Zusammenleben auch seine Tücken. Es kann schon mal vorkommen, dass es am Sonntagmorgen viel zu früh an der Tür klingelt. Das sind dann die Nachbarskinder, die entweder Verstärkung beim «Räuber und Poli» brauchen oder im Auftrag der Eltern um die fehlende Butter für das Sonntagsfrühstück bitten.

Manchmal ist es schwierig, das richtige Mass an Nähe und Distanz zu wahren. Vor allem im Sommer, wenn die Fenster offen stehen und sich das Leben vermehrt im Freien abspielt, kann man leicht Zeugin von Streitereien aller Art werden. Ich habe es immer geschätzt, wenn andere Eltern sich einmischten, wenn mein Jüngster wieder mal einen seiner Wutanfälle bekam. Meist konnte ihn jemand anderer leichter zur Räson bringen als ich.

Die Vorstellung, den Kinderwagen und die Einkäufe in den dritten Stock zu schleppen, beschert mir Schweissausbrüche.

Die anderen in der Siedlung kennen mich und meine Familie. Sie wissen vom Jähzorn, der meinen Jüngsten manchmal überfällt wie ein Dämon, genauso wie ich von ihren Problemen und Sorgen weiss. Die manchmal unfreiwilligen Einblicke ins Privatleben der anderen stellen das soziale Verantwortungsgefühl der Bewohner allerdings auf die Probe. Soll man sich einmischen oder diskret wegschauen?

Solche Herausforderungen können meinen Enthusiasmus für diese Wohnform aber nicht schmälern. Das kann nicht mal mein jüngerer Bruder. Er ist ein Freigeist, der sich den grössten Teil des Jahres als Kameramann in der Welt herumtreibt und in einer charmanten Wiener Altbauwohnung mit Klo im Gang lebt. Das Hochbett hat er selbst gebaut. Keine Ikea-Möbel weit und breit. Ihm ist meine Siedlung ein Gräuel, und er spottet über die Uniformität der Wohnbauten, die sich bis in die Möblierung der Kinderzimmer erstrecke.

Mein Bruder in Ehren: Allein die Vorstellung, den Kinderwagen und all die Einkäufe über die Treppen in den dritten Stock zu schleppen, beschert mir Schweissausbrüche. Dann der kleine Innenhof, in dem neben den Mülltonnen nur ein paar Velos Platz haben. Würde ich hier wohnen, ich müsste mit den Kindern jedes Mal in einen Park gehen, statt sie auf einen Spielplatz rauszuschicken, der in Sichtweite des Küchenfensters liegt.

Der Vorteil einer modernen Siedlung liegt auf der Hand: Sie ist für Familien geplant – grosse Wohnungen, Spielplätze, Rampen für Kinderwagen, Abstellflächen für Velos und Buggys.

Manchmal beobachte ich die älteren Frauen, die in unserer Siedlung zufrieden auf ihren Balkonen sitzen. Irgendwann werden meine Jungs ausziehen, und ich male mir in Gedanken aus, wie ich dann meine Bücher aus dem Keller hole und im verwaisten Kinderzimmer eine Bibliothek einrichte. Der Lärm der spielenden Kinder wird durch das geöffnete Fenster dringen, und ich werde mich daran erinnern, wie es damals war, als es noch meine Söhne waren, die auf dem Spielplatz gespielt haben. Nein, aus dieser Siedlung möchte ich nie mehr fortziehen.

(Das Magazin)

Erstellt: 12.06.2018, 13:59 Uhr

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