«Jeder spricht am Stammtisch über Herzkrankheiten, aber über Krebs?»

Onkologe Bernhard Pestalozzi erklärt, weshalb die Krankheit noch immer ein Tabuthema ist. Und er räumt mit Vorurteilen auf.

Schwarzer Hautkrebs – im Bild zu sehen sind Melanomzellen – ist auf Platz 4 der häufigsten Neuerkrankungen. Rund 1250 Menschen erkrankten zwischen 2008 und 2012 in der Schweiz pro Jahr durchschnittlich daran.

Schwarzer Hautkrebs – im Bild zu sehen sind Melanomzellen – ist auf Platz 4 der häufigsten Neuerkrankungen. Rund 1250 Menschen erkrankten zwischen 2008 und 2012 in der Schweiz pro Jahr durchschnittlich daran. Bild: Keystone

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Herr Pestalozzi, Sie arbeiten seit rund 30 Jahren als Onkologe. Wie überbringt man jemandem eine Krebsdiagnose?
Dafür braucht es zuerst einen geeigneten äusseren Rahmen, Zeit und Ruhe. Wir sind verpflichtet, den Patienten über Diagnose, Prognose und Therapiemöglichkeiten zu informieren, müssen dabei aber darauf Rücksicht nehmen, was der Patient aufnehmen und verkraften kann. Solche Gespräche erfordern Fingerspitzengefühl und Einfühlungsvermögen. Die kommunikative Kompetenz gewinnt in der Weiterbildung angehender Fachärzte zunehmend an Bedeutung.

Wie reagieren Leute auf eine Krebsdiagnose?
Sehr unterschiedlich. Manche reagieren souverän, sie verstehen und akzeptieren ihre Krankheit. Andere sind überfordert und flüchten sich ins Denial, ins Nichtwahrhabenwollen. Die Reaktionen sind so unterschiedlich wie die Menschen selbst.

Wie gehen Sie als Arzt mit solch einer Diagnose, so einem Gespräch und der Krankheit um?
Ich sehe es als meine berufliche Aufgabe, mich dem Patienten nicht nur als Facharzt, sondern auch als Mensch, vielleicht sogar als Freund zuzuwenden. Das heisst: auch emotional am Leben der Patienten und ihren Angehörigen teilzunehmen. Ohne Empathie gibt es keine Beziehung. Es braucht Zeit und viel Verständnis, bis der Patient in der neuen, schwierigen Situation angekommen ist. Für mich ist es eine herausfordernde Aufgabe, aber auch ein Privileg, mich mit existenziellen Aspekten im Leben dieser Menschen befassen zu dürfen.

Ist das nicht eine enorme Belastung?
Schon! Aber auch eine interessante Lebensaufgabe. Die Menschen sind dankbar, wenn wir ihnen helfen können. Natürlich gibt es dem Arzt ein gutes Gefühl und dem Patienten Vertrauen, wenn die Behandlungen anschlagen. Bleibt der Behandlungserfolg aus, wird es auch für den Arzt belastender. Es gibt Patienten, die lieber den Arzt wechseln, als die Verschlechterung ihrer Krankheitssituation zu akzeptieren.

Hilft da der Glaube?
Das ist sehr individuell. Einigen hilft der Glaube. Andere können gut mit der Krankheit umgehen, ohne gläubig zu sein.

Mit welchem Vorurteil über Krebs wollen Sie aufräumen?
Krebs entsteht nicht, weil man die falsche psychische Haltung oder zu viel Stress hat. Wenn es um das Verhalten geht, so kann ich nur sagen: Hören Sie um Himmels willen mit dem Rauchen auf! Das ist wirklich wichtig. Krebs ist eine körperliche Krankheit; es sind Zellen, die sich unkontrolliert vermehren. Das hat nichts mit negativem Denken zu tun! Krebs ist keine seelische Krankheit. Wer dieser Meinung ist, bürdet den Betroffenen zusätzlich die Schuld an ihrer Krankheit auf.

Gibt es Studien dazu?
Ja. Und die zeigen: Depressive Menschen erkranken später nicht häufiger an Krebs. Es gibt keine «Krebspersönlichkeit».

«Solange man gesund ist, befasst man sich lieber nicht mit dem Thema Krebs. Erkrankt man, wird man plötzlich hellhörig.»Prof. Dr. med. Pestalozzi, Onkologe

Wie steht es in der Schweiz um das Bewusstsein um Krebs?
Das Thema ist sowohl in der Bevölkerung als auch der Politik sehr wohl präsent. Die Schweiz hat eine nationale Krebsstrategie formuliert. Das Parlament hat kürzlich ein Gesetz für den Aufbau eines nationalen Krebsregisters erlassen. Die Schweizerische Arbeitsgemeinschaft für Klinische Krebsforschung (SAKK) führt seit Jahrzehnten klinische Studien mit Krebspatienten durch.

Aber ist der Krebs nicht erst ein Thema, wenn er da ist, und bis dann eher tabu?
Da ist etwas Wahres dran. Solange man gesund ist, befasst man sich lieber nicht mit dem Thema Krebs. Erkrankt man, wird man plötzlich hellhörig. Die Krankheit ist überall gegenwärtig; im Fernsehen, im Radio, in den Medien, sogar in der Werbung. Es ist gut, wenn das Thema in der Öffentlichkeit präsent ist.

Richtig offen darüber reden mögen die Leute aber doch nicht, höre ich heraus.
Über Krebs zu reden, ist immer noch ein gewisses Tabu. Stirbt beispielsweise jemand beim Wandern, steht etwa in der Todesanzeige: Verstorben in den geliebten Bergen. Stirbt jemand an Krebs, steht vielleicht etwas vom Kampf gegen eine heimtückische Krankheit, oder es wird um Spenden für die Krebsliga gebeten.


Männer erkranken mit Abstand am häufigsten an Prostatakrebs, Frauen an Brustkrebs. Mehr Zahlen finden Sie hier.


Ist es ein Problem, dass die Leute nur ungern über Krebs sprechen?
Ja. Jeder spricht am Stammtisch über Herzkrankheiten, aber über Krebs? Nein. Die Gesellschaft muss lernen, den Betroffenen mit mehr Sachlichkeit und Respekt zu begegnen. Oft wird einfach gestarrt oder ausgerufen: Schau, die hat keine Haare. Sie hat bestimmt Krebs. Solche Sensationsgier ist für Betroffene schmerzhaft. Es ist wichtig, an Krebs Erkrankte nicht zu stigmatisieren. Krebs ist eine Krankheit wie jede andere.

Soll man Personen, die an Krebs leiden, offen darauf ansprechen?
Das lässt sich nicht allgemein beantworten. Es gibt Patienten, die erleichtert sind, über ihre Diagnose sprechen zu können, andere lehnen das ab. Krebskranke möchten normal behandelt werden. Es sind Menschen wie Sie und ich. Sie wollen nicht abgeschrieben oder geächtet werden.

Wie begegne ich diesen Menschen korrekt?
Auf Augenhöhe, genauso, wie man Menschen mit einer Geh- oder Sehbehinderung begegnen sollte. Auf Augenhöhe! Sprechen Sie nicht über Menschen, sondern mit ihnen.

«Das Verhältnis zwischen Ärzten und Patienten hat sich geändert. Ärzte sind nicht mehr ‹Götter in Weiss›.»Prof. Dr. med. Pestalozzi, Onkologe

Wird denn in der Schweiz genug getan für die Krebsprävention?
In der Schweiz werden drei Dickdarmspiegelungen, sogenannte Koloskopien, von den Krankenkassen übernommen, jeweils mit 50, 60 und 70 Jahren. Diese Vorsorgeuntersuchung ist sehr wirksam, wird aber zu wenig genutzt. Ebenfalls sehr empfehlenswert ist der Abstrich bei Frauen zur Frühdiagnose von Gebärmutterhalskrebs. Die Impfung junger Frauen sorgt dafür, dass es gar nicht erst zur Erkrankung kommt.

Es gibt aber auch umstrittenere Massnahmen, wie etwa die Mammografie.
Genau. Dort gibt es das Problem der «falsch-positiven» Befunde. Wird bei einer Frau eine Veränderung im Brustgewebe festgestellt, handelt es sich in neunzig Prozent der Fälle nicht um Krebs. Solche «falsch-positiven» Befunde sind für die Frauen eine unnötige Belastung. Deshalb wird die Vorsorge-Mammografie kontrovers diskutiert. Jede Frau muss im Gespräch mit ihrem Arzt entscheiden, ob sie diese Untersuchung durchführen lassen will.

Hat sich das Verhältnis zwischen Ärzten und Patienten grundlegend verändert? Kann der Patient heute mehr mitbestimmen?
Das Verhältnis hat sich in der Tat geändert. Ärzte sind nicht mehr «Götter in Weiss». Es geht darum, gemeinsam mit dem Patienten die diagnostischen und therapeutischen Ziele und Massnahmen festzulegen. Manchmal muss man Betroffene damit konfrontieren, dass eine Heilung nicht mehr möglich sein wird oder dass eine in den Medien angepriesene neue «Wundertherapie» in ihrem Fall nicht zur Anwendung kommen kann. Ich appelliere da auch an die Medien, keine undifferenzierten und übertriebenen Hoffnungen zu schüren. (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 06.02.2019, 17:55 Uhr

Prof. Dr. med. Bernhard Pestalozzi


Bild: USZ

Prof. Dr. med. Bernhard Pestalozzi ist Leitender Arzt Onkologie und stellvertretender Direktor an der Klinik für Medizinische Onkologie und Hämatologie des Universitätsspitals Zürich. Er arbeitet seit rund 30 Jahren auf seinem Fachgebiet.

«Ich bin und ich werde»


Die Internationale Vereinigung gegen Krebs UICC hat eine mehrjährige Kampagne lanciert: «I am and I will», «Ich bin und ich werde». Es geht darum, das Bewusstsein für Krebs weltweit zu schärfen, über die Krankheit zu sprechen und sich zu engagieren. Hier finden Sie mehr Informationen dazu.

Schweizer Krebsliga


Mitte Januar startete die Krebsliga Schweiz eine Kampagne, die den Fokus auf die Bedeutung von Sport legt. Mehr Informationen dazu finden Sie hier.

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