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Ich will kein Kind

Ein Gespräch über das Kinderkriegen. Oder Nichtkinderkriegen.

Nicht immer süss: Ein Kleinkind schreit. Foto: Andri Pol

Nicht immer süss: Ein Kleinkind schreit. Foto: Andri Pol

Laura de Weck@tagesanzeiger

Leonie: Willst du ein Foto von meinem Kleinen sehen?

Julia: Ja...

Leonie: Süss, oder?

Julia: Süss.

Leonie: Schau mal, die Füsse, so süss, oder?

Julia: Süss.

Leonie: Und guck, wie süss er da schläft.

Julia: Süss.

Leonie: Und schau da, da hat er so gelacht.

Julia: Süss.

Leonie: Er ist voll süss, oder?

Julia: Klar...

Leonie: Und ihr?

Julia: Was wir?

Leonie: Na ihr?

Julia: Was meinst du, wir?

Leonie: Wollt ihr nicht?

Julia: Was?

Leonie: Ein süsses Kind?

Julia: Nein.

Leonie: Nein?

Julia: Nein.

Leonie: Ah... Ehm... Oh, sorry.

Julia: Wie sorry?

Leonie: Kannst du nicht?

Julia: Was?

Leonie: Ein Kind?

Julia: Ich denke schon.

Leonie: Kann er nicht?

Julia: Doch.

Leonie: Heutzutage kann man sich helfen lassen, Hormontherapie, oder...

Julia: Nein, ich will keine Kinder.

Leonie: Echt jetzt?

Julia: Ja.

Leonie: Ist es wegen der Karriere?

Julia: Nein.

Leonie: Oder ist dein Freund nicht der Richtige? Wenn wirklich der Richtige kommt, dann...

Julia: Nein!

Leonie: Hattest du keine gute Kindheit...?

Julia: Was?

Leonie: Oder ist es wegen des Klimas?

Julia: Nein, Karriere, Kerl, Kindheit, Klima, das alles hat doch nichts mit Kinderwunsch zu tun!

Leonie: Aber nicht, dass du es dann bereust...

Julia: Ich kann doch jetzt nicht etwas tun, was ich nicht will, nur weil ich es später vielleicht bereue?

Leonie: Aber, wenn es dann doch kommt?

Julia: Das Kind?

Leonie: Der Wunsch?

Julia: Bisher kam er nicht.

Leonie: Aber wenn du dann alt bist...

Julia: Dann was?

Leonie: Ist es nicht irgendwie...Irgendwie...

Julia: Irgendwie was? Komisch? Traurig? Egoistisch? Gestört? Unnormal? Bemitleidenswert? Stimmt mit der was nicht? Will sie es sich vielleicht nicht eingestehen? Oder was? Bitte hört auf, Frauen, die keine Kinder wollen oder haben, so anzusehen, als seien sie be­dauernswert. Als wären sie nicht ganz. Als wären sie nicht wirklich weiblich. Als hätten sie ihren Sinn auf dieser Welt nicht erfüllt. Als wäre etwas nicht ganz richtig mit ihrer Beziehung, mit ihrer Liebes­fähigkeit. Warum werde ich ständig gefragt, ob ich ein Kind will, und mein Freund hat diese Frage noch nie gehört? Warum werde ich dauernd nach der Funktionsfähigkeit meiner Eierstöcke, der Anzahl meiner Eier, meiner Art der Ver­hütung gefragt? Warum erhalte ich die ganze Zeit Ratschläge, mir stattdessen einen Hund, ein Haus oder ein Hobby zuzulegen, weil ich ohne Kind ja unendlich viel Zeit für mich hätte, so unendlich viel Zeit zum Ausruhen, zum Aus- und Durchschlafen, so unendlich viel Zeit, mich ausserhalb des Spiel­platzes zu verabreden, so unendlich viel Zeit zu telefonieren, ohne «Oh, sorry, die Kleine schreit, ich ruf dich gleich zurück» zu sagen. Und immer bleibt die Frage im Raum, warum jemand mit so unendlich viel Zeit es nicht öfter zum Besuch seiner Patenkinder schafft. Warum ist es so schwierig, zu verstehen, dass all das, was euch erfüllt, mich nicht erfüllt. Warum seht ihr mein Glück, mein Leben in Gefahr? Leute, bei mir ist alles komplett in Ordnung. Ich bin glücklich, ich bin beschäftigt. Ich habe nicht unendlich viel Zeit. Es geht mir gut. Ich habe einfach diesen Mutterwunsch nicht. Ich will einfach keine Kinder. Ich finde sie einfach nicht so süss!

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