Gut im Gamen, aber von Klötzlispielen keine Ahnung

Die WHO findet: Smartphones für Kinder unter zwei Jahren sind tabu. Simone Brunner von der Pro Juventute ist anderer Meinung, weiss aber um die Gefahren von Tablets und Co.

Viele Kinder lernen heute früh, mit digitalen Medien umzugehen. Gleichzeitig fehlt es ihnen teilweise an «analogen» Fähigkeiten.

Viele Kinder lernen heute früh, mit digitalen Medien umzugehen. Gleichzeitig fehlt es ihnen teilweise an «analogen» Fähigkeiten.

(Bild: Keystone)

Frau Brunner, die WHO hat erstmals Richtlinien für die Bildschirmzeit von unter 5-Jährigen erlassen. Für unter 1-Jährige wird empfohlen: keine Bildschirmzeit. Für 2- bis 5-Jährige gilt: maximal eine Stunde pro Tag. Finden Sie das sinnvoll?
Wir sagen Eltern jeweils, dass es kein allgemeingültiges Rezept gibt. Jedes Kind reagiert anders. Es gibt Kinder, die bereits im Alter von weniger als drei Jahren ohne Probleme eine Stunde fernsehen können, andere Kinder werden bereits nach zehn Minuten extrem nervös.

Auch ohne konkrete Zeitangaben, gibt es trotzdem Faustregeln?
Wir berufen uns auf die sogenannte 3er-Regel – 3-6-9-12 – des französischen Kinderpsychiaters Serge Tisseron. Bis ein Kind drei Jahre alt ist, sollte es sein Zeit- und Raumgefühl entwickeln können, es soll lernen zu tasten, zu riechen, zu schmecken. Diese Fähigkeiten können Kinder nicht über den Bildschirm lernen.

Was sind für Sie die grössten Tabus?
Medien im Schlafzimmer sind ein grosses Thema. Gerade bei Kindern sollte gelten: Smartphones und Tablets bleiben draussen. Studien, etwa die Mike-Studie 2017, zeigen, dass Kinder und Jugendliche Schlafstörungen entwickeln können, wenn sie vor dem Zubettgehen mit dem Smartphone spielen. Eine Offlinezone, in der niemand ein Smartphone vor sich hat, kann auch der Esstisch oder der Spielplatz sein, und zwar für Eltern und Kinder. Bei kleineren Kindern ist es zudem wichtig, dass man sie nie unbeaufsichtigt digitale Geräte benutzen lässt.

Gibt es bereits erste Auswirkungen, dass Kinder etwa später haptische Fähigkeiten entwickeln, weil sie zu viel am Bildschirm hängen?
Aus Kindergärten hören wir immer wieder, dass Kinder teilweise extrem versiert sind in der Anwendung digitaler Medien, zum Beispiel Gamen, jedoch kaum wissen, wie sie mit Bauklötzen spielen oder mit einem Stift etwas malen sollen. Die Bildschirm- beziehungsweise analoge Spielzeit hängt dabei stark mit der Erziehung zusammen. Haben die Eltern Zeit, sich mit dem Kind zu beschäftigen und mit dem Kind zu spielen? Auch der sozioökonomische Hintergrund spielt hier oftmals eine Rolle. Sind die haptischen Fähigkeiten bei einem Kind unterentwickelt, startet es oftmals mit einem «Rückstand» in die Kindergarten- oder schulische Laufbahn. Trotzdem: Dramatisieren sollte man das Phänomen nicht. Schon vor Smartphones gab es Fernseher. Der hat auch nicht allen geschadet.

Was halten Sie davon, dass Silicon-Valley-Eltern ihre Kinder zunehmend komplett von Bildschirmen fernhalten wollen?
Ich finde nicht, dass man Kinder komplett davon fernhalten sollte. Das ist aber oft die einfachere Lösung als individuelle Zwischenlösungen. Gerade Gamen kann in Familien gar ein Hauptstreitpunkt sein. Es braucht viel Energie und viele Gespräche, um sich auf einen sinnvollen Konsum zu einigen. Aber es lohnt sich. Denn Kinder an digitale Medien heranzuführen, ist wichtig.

Wieso?
Weil ihnen das später in der Schule, in der Arbeitswelt nützen wird. Aber Potenzial und Gefahren digitaler Medien liegen nah beieinander.

Wie setzt man am besten Grenzen?
Am besten zusammen mit dem Kind. Kinder wissen nämlich erstaunlich gut, was ihnen guttut und was nicht. Zusammen festgelegt, sind Abmachungen zudem verbindlicher. Hilfreich ist auch, wenn Kinder ein Medientagebuch führen.

Was tun, wenn das Kind tobt, sobald man ihm das Tablet wegnimmt?
«Töibele» gehört dazu – Bildschirme haben gerade bei Kleinkindern eine grosse Anziehungskraft. Man sollte dem Kind erklären, wieso es das Tablet oder Smartphone weglegen soll und was man als Nächstes vorhat – im Wald spielen gehen, zu Mittag essen. Verbalisieren ist sehr wichtig, anstatt einfach zu sagen, es solle aufhören zu toben.

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