Grauenhaft

Diese Wörter und Sätze verursachen einen Krampf in der Kopfhaut. Wer sie verwendet, hat verloren.

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Auslegeordnung

Erinnerungen an die RS überfallen einen wie Albträume, und zum Albtraumhaftesten gehört die Erinnerung an die Auslegeordnung: eine feuchte Böschung irgendwo zwischen den Käffern Moudon und Ursy, auf der man irgendwelchen Krempel auszubreiten hat, zur Prüfung, ob alles noch vorhanden sei: Pistolenmagazin, Gamellendeckel, Gasmaskenfilter, Mannsputzzeug. (Dieses Wort ist von einer Doofheit, die fast schon wieder ins Originelle überkippt.) Die Auslegeordnung im übertragenen Sinn beschwören vor allem Politiker bei «Arena»-Auftritten. «Zuerst ist jetzt einmal eine Auslegeordnung nötig», das passt immer, wer wollte da etwas dagegen sagen? Genau deshalb ist das Wort ein Symptom rhetorischer Kurzatmigkeit und intellektueller Tagesschläfrigkeit. Eine Auslegeordnung zu machen, heisst, alles zu benennen und nichts zu bewerten, geschweige denn zu entscheiden. Ausserdem ist es in der Politik (und im Leben) vergeblich, Ordnung schaffen zu wollen, denn stets bläst der Wirbelwind der Unvorhersehbarkeit das ganze Zeug wieder durcheinander. So einen richtigen Taifun, der das Mannsputzzeug (et toute l’armée) hinweggefegt hätte, habe ich mir damals auch gewünscht.
Sandro Benini

Schmunzeln

Gibt es ein blöderes Wort für einen so vergnügten Zustand? Leute, die von sich sagen, sie hätten schmunzeln müssen, stellt man sich verklemmt vor, ältlich mit Strickjacke und Pantoffeln, im Hintergrund steht eine Wohnwand, in der Küche ein Helvetas-Kalender. Eine Wanduhr tickt, es riecht nach Lauch und Käse. Wer schmunzelt, strahlt eine unerträgliche Zufriedenheit aus, eine gute Dauerlaune aus Mangel an Fantasie. Lachen kann laut sein, vergnügt, bitter, aggressiv, gross, befreiend, selbstironisch. Und man lächelt fein, versonnen, diskret, gibt subtil zu verstehen, dass man die Anspielung verstanden hat. Wer aber schmunzelt, womöglich auf den Stockzähnen, um diese idiotische Redewendung auch noch zu nennen, sollte getreten werden.
Jean-Martin Büttner

Nüggeli, Müüli, Gugugu

Arme Babys! Da hören sie im Bauch die Stimme der Mutter im Normalmodus, gewöhnen sich an das Timbre – aber kaum auf der Welt, schlägt vielen von ihnen ein mit Hochfrequenzstimme vorgetragener Dada-Content entgegen: Gugugu und Mimimi. Dabei raten Wissenschaftler, auch im Gespräch mit Kindern im Baby- und Krabbelalter normale Sätze zu verwenden, um die Sprachentwicklung zu fördern. Nun sehen Babys tatsächlich ein bisschen nach Gugugu aus – dass da die Emotionen Salto schlagen, ist nachvollziehbar. Doch ­gewisse Mütter gebrauchen die Babysprache auch dann noch, wenn der Nachwuchs im Kindergarten- oder Schulalter ist. Da wird das Trottinettli gesucht und das Müüli geputzt oder sogar mit Saccharin-Stimme mitgelispelt: «Defan, Duhe andiehen.» Gehts noch schlimmer? Nein. Oder doch: Pärchen, die sich im öffentlichen Raum ungeniert mit Müsli oder Viechli angiixen. Da hauts einem das Nüggeli raus.
Philippe Zweifel

Wähe

Eine klangliche Lieblosigkeit ist dieses Wort, ein lautmalerisches Meckern, ein vernichtendes Urteil über diese wunderbare Speise aus Teig, gemahlenen Haselnüssen, Früchten und Milch-Ei-Guss, die Mütter und Väter daheim über Jahre zubereitet ­haben, als würden sie die Zutaten aus dem Ärmel schütteln und die Tradition gleich dazu. In den katholischen Teilen der Schweiz war die Wähe ursprünglich eine Fastenspeise, in den protestantischen eine Freitagsspeise, und noch heute verkaufen deshalb manche Bäckereien Wähen ausschliesslich an Freitagen. Die Sprachgeschichte vermag nur wenig über den beleidigenden Wortklang der Wähe hinwegzutrösten: Entweder stammt Wäje vom mittelhochdeutschen Wort waehe ab, das etwas Kunstvolles meint, von wîhen, das etwas Geweihtes ­bezeichnet, oder gar von waejen, dem Wehen des Windes. Wirklich trösten tut nur der Fingerzeig in den Osten von St. Gallen und die beiden Appenzell, wo sie noch schlimmer reden: Dort isst man ­Fladen. Wäh.
Salome Müller

Schutzgatter

Meine Kindheit war ein einziger Scherbenhaufen. Das ist jetzt nicht metaphorisch gemeint, sondern ganz wörtlich. Was immer ich als Kind an Gläsern oder anderen Zerbrechlichkeiten in die Finger ­bekam: Ich liess es fallen oder stiess es um. Alles im Umkreis einer Armlänge von mir wurde weg­geräumt, bevor ich es vom Tisch wischen konnte. Beim Spielen rammte ich die Glasvitrine mit dem edlen Porzellanservice, den sich meine Mutter zur Hochzeit gekauft hatte. Viele Scherben, viele böse Blicke. «Bisch es Schutzgatter!», schalten die Erwachsenen dann. Schutzgatter? Was für ein unsinniges Wort! Es musste etwas mit meiner zappeligen Art zu tun haben, so viel war mir klar, aber ich habe die Bedeutung dieses Mundartausdrucks nie verstanden. Mail an Dialektforscher Christian Schmid. Er schreibt: «Ein Schutzgatter ist ein Fallgitter, das man bei Gefahr, ohne lange zu überlegen, in einem Schuss herunterlässt.» Ein so bezeichneter Mensch ist also jemand, der oft dreinschiesst, ein Schussel eben. Nun gut. Wenigstens ist das geklärt. Gläser stosse ich noch heute um.
Tina Huber

Okee

Unter den Wörtern und Sprüchen auf dieser Seite ist das Wort okay oder kurz ok das Unverfänglichlichste. Der Ausdruck stammt aus dem amerikanischen Englisch und heisst «alles in Ordnung». Englisch wird es in etwa «oukei», Deutsch als «oke» ausgesprochen. Es gilt als das bekannteste Wort der Welt und wird in verschiedensten Sprachen umgangssprachlich gebraucht. Auch ich verwende es von klein auf – seit den späten 70er-Jahren – mehrmals täglich. So weit, so gut. Was ist also mein verdammtes Problem? Es ist die Aussprache! Seit einigen Jahren wird das o. k. alternativ ausgesprochen, und zwar als «okeeee» in Kombination mit einem albernen und affektierten Blick. Damit signalisieren meist junge, trendbewusste Bewohner und Bewohnerinnen von Metropolen wie Zürich (sogenannte Hipster) ihren Ausdruck des verwunderten, quittierenden oder bewertenden Überraschtseins. Die infantile Steigerungsform des Okeee ist übrigens das exaltierte «O mein Gott!» oder «Oh my God!!!». In beiden Fällen höre ich augenblicklich weg und wende meinen Blick angeekelt ab.
Michael Soukup

Wutbürger

Aufgetaucht ist das Kompositum 2010 im «Spiegel». Seither benennt der «Wutbürger» eine Realität: Zorn, der nicht an den Rändern der Gesellschaft kocht, sondern in deren Mitte. Dabei richtet sich die Wut des Bürgers nicht gegen Nachbars Kirschbaum oder frei laufende Hunde, sondern gegen Grundsätzliches: den Staat, die Politik, die Bürokratie, die Steuern, die Zuwanderung. Offen bleibt, ob der Zorn bürgerlich an der Wahlurne ausgelebt wird, wo man den Hooligans die Stimme gibt – oder schon auf der Strasse, am Bürgermarsch. Der Aufstieg des Wutbürgers wird durchaus beklatscht. Der «unbequeme Bürger» sei zurück, wehre sich gegen seine «Ausschaltung», streife seine «systemrelevante Lethargie» ab, schrieb der Philosoph ­Peter Sloterdijk. Dass der Wutbürger oft reaktionär und hilflos gegen Fremde und für die Rückkehr der Vergangenheit kämpft, lässt der Philosoph weg. Wutbürger ist ein unangenehmes Wort. Zum einen, weil es alle lächerlich zu machen sucht, die sich in der Gegenwart von Globalisierung, Digitalisierung und politischer Stümperei nicht mehr geborgen fühlen. Diese Millionen alle als täubelnde Wüteriche zu bezeichnen, wird sie nicht verschwinden lassen. Zugleich aber bezeichnet Wutbürger ein Phänomen, das in sich ­unschön ist: Wenn sich die Mitte radikalisiert und Schaum vorm Mund trägt, wenn Verbitterung und Verführbarkeit Massenphänomene werden, wird es gefährlich. David Hesse

Bezahlbare Wohnung

In Zeiten wie heute, in Städten wie Zürich, ist der Slogan ein politischer Kassenschlager. Und er ist wie alle politischen Kassenschlager: entweder verlogen oder unsäglich banal oder beides gleichzeitig. Bezahlbare Wohnungen für alle! Tönt gut. Etwa wie: «Butter aufs Brot für alle!» oder «Tramfahren zum Nulltarif!» oder «Atemluft für alle!». Die Absurdität des Slogans haben ein paar der Urheber gleich selber illustriert. «Auch Gutverdiener haben Anrecht auf eine zahlbare Wohnung», sagt Gabriela Rothenfluh, SP-Co-Präsidentin in Zürich. Und ihr Genosse gab noch einen drauf: Auch der Tennisstar Roger Federer sollte doch Anrecht auf eine städtische Wohnung haben. Und was kommt noch? Rolex für alle?
Edgar Schuler

Beste Grüsse

Beste Grüsse? Von wegen! Selten wohnt einem Ausdruck ein derart krasser Heuchelfaktor inne. (Getoppt wird das nur noch von den «allerbesten Grüssen» mit ihrem logisch wie grammatikalisch unsäglichen Super-Superlativ.) Da sind mir die «freundlichen Grüsse», bei denen der Verfasser sich auf höfliche Distanz begibt, um einiges lieber, ebenso der schlichte «Gruss» und sogar das minimalistische «MfG». Denn entweder bin ich dem Menschen am andern Ende des Briefes oder E-Mails professionell verbunden – dann hat das dick auftragende «Beste» dort nichts zu suchen. Oder ich adressiere einen privaten Bekannten. Und dem werde ich doch keine knochentrockenen Grüsse servieren, schon gar keine angeblich besten! Ein stürmisches «Herzlichst!» ist hier angebracht, wahlweise ein immer noch warmes «Herzlich» oder gleich ein «Ich umarme dich». Das finden Sie überschwänglich? Meinetwegen. Aber wo sonst lässt sich so effektiv gute Laune versprühen wie in den kleinen Momenten des Alltags? Der ist schon ausreichend trüb – und drum ist das Beste für einmal definitiv nicht gut genug.
Paulina Szczesniak

Ich mache nur meinen Job

Ein Fernsehkrimi, ein ruppiges Verhör, der Beschuldigte verwahrt sich gegen den Ton und bekommt vom Kommissar zu hören: «Ich mache nur meinen Job.» Meist wird der Satz widerspruchslos akzeptiert. Drückt er nicht das unsere Arbeitswelt, ja unseren Umgang miteinander bestimmende Prinzip aus? Es ist das Prinzip falsch verstandener Professionalität. Ihm huldigt der Richter, der nach Strafgesetzbuch verurteilt, ohne sich den Angeklagten genauer anzuschauen. Der Fussballer, der dem Gegner die Knochen zusammentritt. Der Schlepper, der seinen Auftrag erfüllt, egal wie viele dabei draufgehen: Sie alle machen nur ihren Job. (Letztlich tat das auch der Lagerleiter im KZ.) Wer seinen Beruf aber als Aufgabe versteht und ihn mit Leidenschaft ausübt, der ist nicht nur Profi, sondern auch Mensch. Der sieht im Kunden und Gegner ein Gegenüber mit Bedürfnissen. Und er kennt höhere Gesetze und Werte als die eng verstandener Professionalität. Solche der Menschlichkeit. «Ich ­mache nur meinen Job» verlangt als Antwort: «Ja, dann machen Sie ihn auch richtig!»
Martin Ebel

Erstellt: 22.03.2018, 06:32 Uhr

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