Frauen, wo ist euer Stolz?

7 von 10 Bräuten in der Schweiz nehmen den Namen des Gatten an, jede fünfte Frau hat kein eigenes Einkommen, der Anteil an Chefinnen sinkt wieder. Eine Betrachtung zum Internationalen Frauentag.

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Kinder lernen früh, dass es zwei Sorten Menschen gibt. Ihre Eltern weisen sie darauf hin, indem sie sagen: «Sag der Frau Danke.» Oder: «Frag den Mann, ob du den Hund streicheln darfst.» Irgendwann wird ihnen auch erklärt, dass Mädchen und Buben zwar unterschiedlich, aber dennoch ebenbürtig seien.

Genauso früh lernen Kinder, dass sie heissen wie ihr Vater. Und die überwältigende Mehrheit ihrer Gspäändli auch. Denn obschon sie das seit 2013 nicht mehr müssten, nehmen immer noch 73 Prozent der Frauen bei der Heirat den Namen ihres Gatten an – heiratet eine Schweizerin einen Schweizer, sind es 80 Prozent. Kinder können daraus nur schliessen: Papi ist wichtiger als Mami.

Mami erklärt es anders. Damit, dass es sich um eine schöne Tradition handle. Und dass es sie stolz mache, den Namen von Papi zu tragen.

Weiblicher Stolz ist mitunter eine seltsame Angelegenheit. Gerade wenn es um die Gleichberechtigung geht. Da sind viele Frauen verblüffend flexibel und verstehen sie nicht als Haltung, sondern als einen bunten Strauss von Möglichkeiten, aus dem sie wählen können, was ihnen gerade passt.

Verstockte Appenzeller!

Jetzt zum Beispiel ist es gerade chic, ein feministisches Bewusstsein an den Tag zu legen. Ein Massenphänomen wie #MeToo – da will man mit dabei sein, man empört sich gerne im Kollektiv. Tatsächlich geht es bei #MeToo um eine Geringschätzung und Abwertung des Weiblichen – die wiederum sehr viel mit dem Annehmen des Männernamens zu tun hat. Diese Sicht ist allerdings nicht populär, sie störte vielmehr das Bild der benachteiligten Frau, die sich selbst im Westen einer maskulin dominierten Welt nicht erwehren kann.

Wie vor einem Jahr, als mit «Die göttliche Ordnung» das 1971 eingeführte Frauenstimmrecht im Kino thematisiert wurde. Wie war das weibliche Publikum entrüstet ob der verstockten Appenzeller! Und noch mehr ob der Tatsache, dass Männer ihren Gattinen damals verbieten konnten, ausserhäusig einer beruflichen Tätigkeit nachzugehen! Wie hinterwäldlerisch die Schweiz doch war!

Dass Frauen seit der Revision des Eherechts 1988 keine Erlaubnis mehr brauchen, um eigenes Geld zu verdienen, hat 30 Jahre später indes nicht dazu geführt, dass sie enthusiastisch davon Gebrauch machen würden. Die Zahlen sind eindeutig: Ein Fünftel der Frauen in der Schweiz verfügt über kein eigenes Einkommen. Und sie beteiligen sich nur gerade bei 20 Prozent aller Paare mit mehr als der Hälfte am Haushaltseinkommen, bei Paaren mit Kindern sind es 10 Prozent. Anders gesagt: Geld zu verdienen, ist Männersache. Immer noch.

Schuld sind immer die anderen: Der Staat. Die Strukturen. Die Wirtschaft. Nur nicht die Frauen selbst.

Als das Bundesgericht vor drei Wochen die Klage der Schaffhauser Kindergärtnerinnen auf gleichen Lohn wie die Primarlehrerinnen abgelehnt hatte, besuchte das Nachrichtenmagazin «10 vor 10» eine Klasse angehender Kindergärtnerinnen und wollte wissen, was sie vom Urteil hielten. Es gehe ihnen nicht ums Geld, sagten die jungen Frauen treuherzig in die Kamera, sondern um die Freude an der Arbeit. Nur der einzige Mann, der die Ausbildung absolviert, fand das mit der schlechteren Entlöhnung gar nicht in Ordnung. Es war bezeichnend.

Denn so sympathisch es wirkt, das berufliche Engagement nicht von der Höhe des Honorars abhängig zu machen: Leisten können sich diese Haltung nur Frauen. Weil der weibliche Lebensentwurf auch 2018 immer noch nicht vorsieht, bis zur Pensionierung Verantwortung für das eigene finanzielle Fortkommen zu übernehmen.

Nur in Holland arbeiten mehr Frauen Teilzeit

Während jungen Männern mit 20 bereits klar ist, dass sie fortan 45 Jahre werden arbeiten müssen, weil das nämlich niemand anders für sie übernimmt, sehen das junge Frauen weitaus entspannter: die Ausbildung fertig machen, ein bisschen arbeiten, Kinder bekommen, pausieren, wieder ein bisschen Teilzeit arbeiten. In keinem anderen OECD-Land ausser Holland sind so viele Frauen in kleinen Pensen berufstätig wie in der Schweiz: 45 Prozent. In der Türkei beträgt ihr Anteil 19 Prozent, in den USA 17 Prozent, in Portugal 13 Prozent. Der OECD-Durchschnitt liegt bei 26 Prozent.

Der Jugendbarometer der Credit Suisse zeigt seit Jahren auf, dass sich an dieser doch ziemlich prinzessinnenhaften Einstellung der jungen Frauen nichts geändert hat. Finanzielle Verantwortung zu übernehmen, ist nicht Teil ihres emanzipatorischen Gedankenguts; sie verstehen die Gleichberechtigung vielmehr so, dass ihnen diese die Freiheit gibt, sich für oder gegen die Ausübung eines Berufs entscheiden zu können. Eine Freiheit, die darauf fusst, dass jemand anders zahlt. Und so lernen Kinder allem Gerede von Gleichberechtigung zum Trotz nicht nur, dass Mami heisst wie Papi, sondern auch, dass Papi fürs Geld zuständig ist und Mami fürs Znünitäschli.

Sonderstatus Mutter

Und schuld daran sind immer die anderen. Der Staat. Die Gesellschaft. Die Strukturen. Die Wirtschaft. Der Kapitalismus. Die Firmen. Das Patriarchat. Die Diskriminierung – nur nicht die Frauen selbst. Denn so vehement sie sich verbitten, auf ihre Biologie reduziert zu werden oder aufgrund dieser als weniger wert zu gelten, so bereitwillig führen sie diese insbesondere ab dem Moment ins Feld, in dem sie Mutter geworden sind.

Dann fordern sie eine Art Sonderstatus ein, weil sie es nun schwerer hätten – ganz so, wie wenn sie grundsätzlich alleinerziehend wären, und ganz so, wie wenn die Kinder einer plötzlichen, schweren Krankheit gleich über sie gekommen wären und keine Zeit geblieben sei, das neue Leben gemeinsam mit dem Partner zu planen. Und so ist mit einem Mal nicht mehr von Gleichberechtigung die Rede, sondern etwa von «frauenfreundlichen» Arbeitszeiten. Womit die Frauen eigenhändig das Klischee zementieren, wonach es eine exklusiv weibliche Aufgabe sei, sich um familiäre Belange zu kümmern.

Anstrengende Arbeitswelt

Vielleicht glauben das viele von ihnen tatsächlich. Und vielleicht ist es vielen insgeheim auch ganz recht so, weil ihnen die Aussicht, ein Leben lang finanziell Verantwortung tragen zu müssen und in einer immer anspruchsvolleren Arbeitswelt Vollzeit berufstätig zu sein, als nicht sehr verlockend erscheint. Vielleicht gar: als zu anstrengend.

Trotzdem schimpfen sie gerne – dass es wieder keine Frau in der TV-Diskussionssendung hatte. Oder auf dem Politpodium. Dass der weibliche Anteil in Führungsfunktionen, im Parlament und im Bundesrat, in Verwaltungsräten und Geschäftsleitungen, ja, überall dort, wo es wichtig ist, viel zu klein sei.

Gleiche Rechte, gleiche Pflichten

Nur: Wo soll man sie denn hernehmen, all diese Frauen, wenn sich der weibliche Stolz nicht selten darin erschöpft, den Namen des Gatten zu tragen? Und sich die Mehrheit von ihnen dazu entscheidet, spätestens als Mutter vorübergehend aus dem Beruf auszusteigen, um dann höchstens in einem Teilzeitpensum wieder einzusteigen?

Das, was man im Fernsehen, auf den Podien, in der Wirtschaft sieht, spiegelt die gesellschaftliche Realität wider – in der die Frauen die Gleichberechtigung zu oft für eine Einbahnstrasse halten. Indem sie von Männern ganz selbstverständlich verlangen, moderne Väter zu sein, die nachts aufstehen und Windeln wechseln, während sie als moderne Mütter nicht bereit sind, ihren Teil der finanziellen Verantwortung wahrzunehmen. Gleichberechtigung bedeutet nicht nur gleiche Rechte. Sie bedeutet auch gleiche Pflichten. Und sie erfordert vor allem Konsequenz.

Ansonsten ist sie bloss Attitüde.


20 Zeitungen aus aller Welt haben zum Internationalen Frauentag Unternehmerinnen porträtiert. Eine Auswahl der Porträts finden Sie unter folgendem Link.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.03.2018, 22:57 Uhr

Frauenschwund in den Chefetagen

Der Tag der Frau beginnt mit einer schlechten Nachricht: Die zaghaften Fortschritte beim Einzug der Frauen in Schweizer Chefetagen sind bereits wieder zunichte. Zumindest bei den 118 grössten Firmen, die der alljährliche Bericht des Kadervermittlers Guido Schilling unter die Lupe nimmt. Bei diesen Firmen ist der Anteil der Frauen in Geschäftsleitungen 2017 von 8 auf 7 Prozent gesunken. Es ist der erste Rückgang seit 2009. Markant tiefer ist laut dem Report der Anteil an neuen weiblichen Geschäftsleitungsmitgliedern: Er sank von 21 Prozent im Vorjahr auf 8 Prozent. Bei den KMU stagniert die Zahl der weiblichen Führungskräfte. Wie das Beratungsunternehmen Ernst & Young gestern mitteilte, sind ein Fünftel der Geschäftsleitungsmitglieder von 700 nicht börsenkotierten Firmen Frauen. Vor zwei Jahren waren es noch 17,5 Prozent. (fko/bl)

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