Essen unter Tränen

Die Berlinerin Margot Wölk wurde als Vorkosterin Hitlers zwangsrekrutiert. Nun erzählt sie erstmals ihre Geschichte.

Hat sich ihr Schicksal nicht selber ausgesucht: Margot Wölk.

Hat sich ihr Schicksal nicht selber ausgesucht: Margot Wölk.

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Vorkoster sitzen an der Tafel der Könige und Päpste, aber nur unsichtbar, als Versuchskaninchen am Katzentisch. Sie bekommen das beste Essen der Welt, aber jeder Bissen kann tödlich, jedes Abendmahl das letzte sein. Im antiken Rom, als Giftmorde zur politischen Folklore gehörten, waren die Prägustatoren und Mundschenke daher in aller Regel Sklaven. Inzwischen ist der lebensgefährliche Beruf so gut wie ausgestorben. Nur vereinzelt halten sich Despoten noch Vorkoster; wenn Präsident Obama mit einem zum Staatsbesuch nach Paris kommt, geht es mehr um Geschmacks- als um Giftproben. Die grossen Diktatoren des letzten Jahrhunderts dagegen konnten nicht auf klassische Prägustatoren verzichten.

Heute Abend (22.45 Uhr) zeigt der deutsche Sender RBB eine Fernsehdokumentation über «Hitlers Vorkosterin», die 96-jährige Margot Wölk. Sie hatte sich ihr Schicksal nicht selber ausgesucht. Nachdem ihre Berliner Wohnung 1941 ausgebombt und ihr Mann eingezogen worden war, floh die damals 24-Jährige zu ihren Schwiegereltern ins ostpreussische Gross Partsch, ganz in der Nähe des Führerbunkers Wolfsschanze. Dort wurde sie zwangsverpflichtet, erst als Küchenhelferin, im Frühjahr 1943 dann, als Hitlers Angst vor Giftanschlägen innerer und äusserer Feinde wuchs, zusammen mit 14 Schicksalsgenossinnen auch als Vorkosterin. Die Speisen waren tadellos, «immer ganz feine Sachen, toll zubereitet und streng vegetarisch», aber geniessen konnten die Frauen sie nicht. «Wir wussten ganz genau, dass die Briten ihn vergiften wollten und dass wir die Vorkosterinnen waren. Manchen liefen schon beim Essen die Tränen runter.»

Frugales Gemüse

Der Vegetarier Hitler ass bei seinen späten Nachtmahlen stets nur frugales Gemüse: Karotten, Spargel, Blumenkohl, Leipziger Allerlei; die fetten Braten sicherten sich seine Generäle und Günstlinge. Jedes Salatblatt wurde umgedreht und geprüft und erst nach 45 Minuten für die Führertafel freigegeben. Der Lohn war mit 200 Reichsmark fürstlich, aber es blieb ein Himmelfahrtskommando. Die Vorkosterinnen wurden «eingesperrt wie die wilden Tiere»; einmal wurde Wölk nachts von einem SS-Offizier vergewaltigt.

Als die Lage nach dem Attentat vom 20. Juli immer unhaltbarer wurde, wagte Wölk im Herbst 1944 die Flucht. In Berlin versteckte sie ein Arzt in seiner Wohnung, aber nach dem Untergang fiel sie Rotarmisten in die Hände, die sie 14 Tage lang brutal vergewaltigten. Die anderen Vorkosterinnen traf ein noch härteres Schicksal: Alle wurden von russischen Soldaten erschossen.

Fast 70 Jahre konnte und wollte Wölk nicht über ihre traumatisierenden Erfahrungen reden; erst an ihrem 95. Geburtstag brach sie ihr Schweigen. Jetzt erzählte sie erstmals vor der Kamera von ihren komischen und schrecklichen Erlebnissen, ihren Schuld- und Schamgefühlen und Albträumen: «Ich wollte vergessen, aber natürlich kann man nicht vergessen.» Achim Hippels Film «Hitlers Vorkosterin» gehört nicht zu jenen spektakulär-spekulativen Guido-Knopp-Dokus, in denen Hitlers Sekretärinnen, Ärzte und Kammerdiener die letzten Geheimnisse des Dritten Reiches ausplaudern: Eine zierliche alte Frau erzählt nüchtern, unprätentiös und mit grimmigem Humor aus ihrem Leben. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.09.2014, 18:25 Uhr

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