Essen, schlafen, Sex anbieten – und dazwischen stetiger Psychoterror

Emiliya wurde als 20-Jährige Opfer von Menschenhandel und in der Schweiz zur Prostitution gezwungen. Chronik eines verpfuschten Lebens.

Emiliya musste täglich 18 Stunden überall da arbeiten, wo Männer für Geld Sex haben wollten. Foto: Fabienne Andreoli

Emiliya musste täglich 18 Stunden überall da arbeiten, wo Männer für Geld Sex haben wollten. Foto: Fabienne Andreoli

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Eigentlich erzählen ihre Hände die Geschichte. Sie trommeln gegen die Schläfen, wenn die Erinnerung im Kopf pocht. Sie bedecken das Gesicht, wenn die Tränen aufsteigen. Sie fächeln nach Luft, wenn der Atem knapp wird. Und sie umklammern den Kugelschreiber, wenn der Halt fehlt. Diese Hände haben Männer befriedigt. Hunderte Männer. Jahrelang. Unfreiwillig. Es sind Emiliyas* Hände.

Emiliya ist in Bulgarien aufgewachsen, wohlbehütet in einer Roma-Familie. Sie ist das jüngste von drei Kindern, der Vater nimmt Gelegenheitsjobs an, die Mutter besorgt den Haushalt, denn arbeiten, das ist für die Frauen nicht vorgesehen. Auch für Emiliya nicht. Das Mädchen besucht die Schule nur bis zur vierten Klasse. Danach hilft es der Mutter zu Hause – und hofft, dass der Vater all die Männer auf Brautschau ablehnt, deren Eltern bei ihm vorstellig werden. «Ich war mit dreizehn Jahren noch nicht bereit dafür, von einem fremden Mann mitgenommen zu werden», sagt Emiliya und richtet ihre Hände wie einen Schutzwall senkrecht vor sich auf.

Sie hat nie davon gehört, dass Menschen lügen

Die Familie hat kaum Geld, es reicht nicht immer für das Essen. Mit achtzehn Jahren findet Emiliya einen Job in einer Kleiderfabrik. Sie verdient 100 Euro pro Monat und entdeckt draussen, weg von der Kontrolle der Eltern, die Liebe. Es ist kompliziert in bulgarischen Roma-Gemeinschaften, das mit der Jungfräulichkeit und dem ersten Freund; sie setzt mehrmals an, um zu erklären, warum sie ihn kurzzeitig geheiratet hat und irgendwie aber auch nicht. Ihr erster Freund jedenfalls, der hat einen Cousin. Und der verspricht Emiliya viel Geld, wenn sie mit ihm ins Ausland geht und dort «einfache Arbeit» verrichtet. Wenn sie dann zurückkehre, könne sie ein komfortables Leben mit ihrem Freund führen. Sie ist jetzt zwanzig.

«Ich war so dumm», sagt sie. Und schlägt sich mit der flachen Hand gegen die Stirn. Oft genug hat sie es später gehört: «Du bist so dumm. Du bist nichts wert.» Doch es gibt Gründe, warum sie keine Fragen stellt: Sie vertraut dem Freund, dessen Cousin ihr das verlockende Angebot macht. Und sie vertraut grundsätzlich allen Menschen, denn zu Hause in den beengten vier Wänden ihrer Familie hat sie nie davon gehört, dass Menschen lügen und böse sein können.

Der Psychoterror des Zuhälters

Mit dem Bus fahren die beiden los. Erste Station: die Slowakei. Dort trifft sie in einer Wohnung auf eine alte Schulfreundin. Diese führt sie in «die einfache Arbeit» ein. In einem kleinen Bordell muss sie mit Männern aufs Zimmer gehen. «Die ersten Kunden werde ich nie vergessen. Zwei alte Männer. Es war furchtbar.» Und jetzt stösst sie die Hände mit einer angewiderten Geste von sich, wie sie es damals gemacht hat. Die Männer habe das nicht gestört.

«Alles in Ordnung, ich bin im Ausland», muss sie den Eltern am Telefon sagen. Die glauben der Tochter nicht, schalten die bulgarische Polizei ein und erfahren: Der Cousin, Emiliyas Zuhälter, wird bereits von Interpol gesucht.

18 Stunden pro Tag parat für die Kunden: Fenster eines deutschen Bordells. Foto: Keystone

Emiliya ist hin- und hergerissen. Noch nie hat sie so viel Geld gesehen. 50 Euro erhält sie pro Kunde. Noch nie hat sie so viel Essen bekommen. Es gibt jeden Tag warme Mahlzeiten in der Wohnung. Aber sie will das nicht: mit all diesen Männern all diese Dinge machen. Sie hat nicht gelernt, Nein zu sagen, und als sie es trotzdem macht, wird alles noch schlimmer. Der Cousin zwingt sie jetzt mit roher Gewalt dazu, verprügelt sie, vergewaltigt sie, erniedrigt sie.

«Er kontrollierte meine Gedanken»

Das Geld muss Emiliya dem Zuhälter jede Nacht unter das Kopfkissen schieben. Direkt annehmen will er es nicht, das verbiete ihm der Glaube, sagt er, denn Emiliyas Arbeit sei «eine Sünde». Am Morgen schlägt er sie. «Warum hast du nicht mehr verdient?»

Dann fahren sie mit dem Bus weiter. Zweite Station: Deutschland. Escort, Saunaclub, Bordell, Sexkino: Emiliya muss jetzt täglich 18 Stunden überall da arbeiten, wo Männer für Geld Sex haben wollen – ohne einen Cent Lohn. Essen, schlafen, arbeiten. Dazwischen pausenloser Psychoterror. «Er klammerte sich an meine Seele. Er liess mir kaum Luft zum Atmen. Er kontrollierte meine Gedanken, jede Minute», sagt sie.

In Köln schläft sie in einer Wohnung im gleichen Bett wie andere Zuhälter mit ihren Mädchen. «Das war alles so krank», sagt sie und kritzelt mit der rechten Hand hastige Kreise auf ihren Notizblock. Drei, vier Stunden Schlaf pro Nacht, nie allein sein.

Die Liebe des Stammfreiers

Von Deutschland geht es mit dem Bus weiter. Dritte Station: die Schweiz. Hier muss Emiliya monatelang in grossen Bordellen arbeiten. Sie rühmen sich im Internet mit guten Arbeitsbedingungen für die Frauen. Aber niemanden interessiert, wie es ihr geht, woher sie kommt, ob sie die Arbeit freiwillig macht. Stattdessen wird ihr Geld abgenommen, wo es nur geht. Fünf Minuten Verspätung zum Schichtbeginn kosten 50 Franken. Für eine Matratze auf dem Boden in einem Massenschlag mit zwanzig Frauen bezahlt Emiliya 50 Franken – pro Nacht. Für die Verweigerung eines Freiers oder einer Sexpraktik gibt es 200 Franken Busse.

Faktisch ist es ein Zwang, alles zu machen und jeden zu bedienen. Zudem versetzt sie der Zuhälter mit permanenten telefonischen Drohungen in Todesangst. Er ist wieder in Deutschland, kommt aber oft in die Schweiz, um das Geld taschenweise abzuholen. Er führt täglich genau Buch, nimmt alles mit, nicht einmal für eine Jacke lässt er im Winter etwas da.

Emiliya ist 22 Jahre alt, als sich ein Schweizer Stammkunde in sie verliebt. Auch sie hat mit der Zeit Gefühle für den mehrere Jahrzehnte älteren Mann. Der Zuhälter zwingt sie, dem Mann eine hohe fünfstellige Summe abzuschwatzen. Da entscheidet sie sich, ihrem neuen Freund alles zu erzählen. Dieser bringt sie zur FIZ, der Fachstelle Frauenhandel und Frauenmigration in Zürich. Dort wird sie beraten und sicher untergebracht. Sie stabilisiert sich etwas und zeigt den Zuhälter an. Sie ist nicht sein einziges Opfer; er ist Teil eines internationalen Netzwerks.

Zurück kann sie nicht. Ihr Zuhälter lebt wieder im gleichen Ort wie ihre Familie.

Das war vor elf Jahren. Seither ist viel geschehen. Der einstige Stammkunde hat sie geheiratet (sie erinnert sich an die Schwäne auf dem See). Er hat sie ­betrogen (mit anderen Frauen aus dem Bordell). Er hat sie zurück in die Prostitution gedrängt (weil er nach der Trennung Geld für die Miete verlangte). Er hat sich scheiden lassen (um seine Pensionskasse zu entlasten).

Nach der Trennung ist Emiliya in ein tiefes Loch gefallen, war erschöpft und depressiv. Zwei Jahre lang habe sie kaum geschlafen und gegessen. «Ich wog noch 42 Kilo und fühlte mich wie ein Zombie», sagt sie und faltet die Hände. ­Medikamente und eine Therapie haben ihr geholfen.

«Immer neuen Nachschub»

Von all dem ist heute nichts mehr zu sehen. Emiliyas grüne Augen funkeln, das ebenholzfarbene Haar glänzt gesund. Nur ihre Gesichtszüge lassen ein bewegtes Leben erahnen. Doch Emiliya kämpft noch immer. Gegen die Einsamkeit und die Perspektivlosigkeit. Nach Bulgarien zurück kann sie nicht. Ihr Zuhälter hat dort wegen ihrer Aussagen eine kurze Haftstrafe verbüsst, lebt jetzt aber wieder im gleichen Ort wie ihre Familie. Die heute 33-Jährige hat deshalb eine Härtefallbewilligung erhalten; sie darf in der Schweiz bleiben.

Doch hier hat sie ausser ihrer FIZ-Beraterin kaum Menschen, denen sie vertraut. Und sie findet keine Arbeit, seit Jahren bewirbt sie sich erfolglos. «Ich bin niemand. Ich habe keine Lehre, nicht einmal die Schule abgeschlossen, schon gar keine Arbeitszeugnisse. Wie soll ich je einen guten Job finden? Das ist für viele von uns Frauen die Frage», sagt sie, die Handflächen ratlos nach oben gedreht. Nur «im Club» würden keine Arbeitszeugnisse verlangt. «Es ist die einzige Arbeit, die man kennt. Und man braucht ja Geld.»

Es ist der einzige Vorwurf, den sie ihren Eltern macht: dass sie nicht länger zur Schule gehen durfte. «Sie haben mich nicht auf das Leben vorbereitet», sagt Emiliya. Wenn sie heute mit ihrer Mutter telefoniert, merkt sie, dass es vielen jungen Frauen in ihrer Heimat noch immer so ergeht: keine Schule, Armut, grosse Versprechen. «Meine Geschichte wiederholt sich tausendfach. Es gibt immer neuen Nachschub. Und niemand interessiert sich dafür.»

* Name geändert

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 08.10.2018, 10:06 Uhr

Ein neuer Leitfaden soll Opfer von Menschenhandel besser schützen

Emiliyas Geschichte ist kein Einzelfall. Bulgarien ist gemäss dem Eidgenössischen Justiz- und Polizeidepartement eines der wichtigsten Herkunftsländer von Menschenhandelsopfern in der Schweiz. Für die hiesigen Behörden ist es häufig schwierig, betroffene Frauen zu erkennen. Das soll sich ändern: Im Rahmen eines dreijährigen Kooperationsprojekts zwischen der Schweiz und Bulgarien ist ein detaillierter Leitfaden entstanden, wie Opfer besser identifiziert und geschützt werden können. Er richtet sich in beiden Ländern an Fachleute, die mit Betroffenen in Kontakt kommen – etwa an Mitarbeiter von Polizei, Migrationsbehörden, Staatsanwaltschaften oder von Spitälern. Im Leitfaden finden sich umfassende Informationen zum adäquaten Umgang mit Opfern, aber auch zu deren Rechten und Rückkehroptionen.

Das Projekt wird aus dem EU-Osterweiterungsbeitrag der Schweiz finanziert. Die Gesamtleitung oblag der bulgarischen NGO Animus; auf Schweizer Seite beteiligt waren die Fachstelle Frauenhandel und Frauenmigration FIZ, das Bundesamt für Polizei, die Koordinationsstelle gegen Menschenhandel und Menschenschmuggel sowie die Internationale Organisation für Migration in Bern. In Bulgarien haben zudem auch mehrere Ministerien mitgearbeitet. Der neue Leitfaden soll nicht nur den Schutz für Bulgarinnen verbessern, sondern auch auf Opfer aus anderen Ländern anwendbar sein – und damit einen generellen Beitrag zur Eindämmung des Menschenhandels leisten. (rbi)

Artikel zum Thema

Schweiz bietet zur Prostitution gezwungenen Frauen kaum Schutz

Immer mehr Opfer von Frauenhandel sind Asylsuchende. So hat in der Berner Altstadt die Zahl der nigerianischen Prostituierten stark zugenommen. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blogs

Der Poller Liebe Sirona,

Geldblog Kurzer Anlagehorizont steigert die Risiken

Die Welt in Bildern

Grösste Wallfahrt der Welt: Eine Frau ruht sich während der jährlichen Pilgerfahrt zu Ehren der Jungfrau von Guadalupe in Mexico City aus. (11. Dezember 2018)
(Bild: Carlos Jasso) Mehr...