Grindelwald

Erlösung in der Eigernordwand

Ihre Unberechenbarkeit zwinge auch ihn ans Limit, sagt Topbergsteiger Roger Schaeli über die unvergängliche Kraft der Eigernordwand – und stört sich nicht daran, wenn Extremalpinismus kritisch diskutiert wird.

Extreme Nervenanspannung: Bergsteiger Roger Schaeli in der Harlin-Route der Eigernordwand, die vor allem sein Sicherheitsmanagement forderte, damit er und sein Seilpartner dem Steinschlag entkamen.

Extreme Nervenanspannung: Bergsteiger Roger Schaeli in der Harlin-Route der Eigernordwand, die vor allem sein Sicherheitsmanagement forderte, damit er und sein Seilpartner dem Steinschlag entkamen. Bild: Frank Kretschmann

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Herr Schaeli, Sie sind in der gefährlichen und schwierigen Harlin-Route der Eigernordwand drei Tage am Limit geklettert. Wie fühlt man sich, wenn man auf dem Gipfel steht und es noch einmal gut gegangen ist?
Roger Schaeli: Das grossartige Gefühl, einen Traum verwirklicht zu haben, stellte sich erst einen Tag später ein, als wir uns nach einer Biwaknacht auf dem Gipfelgrat über die Südwand abgeseilt hatten. Aber: Klettern am Limit bedeutet nicht, mit dem Todesrisiko zu spielen und auf Glück zu hoffen, um durchzukommen.

Auch in der berüchtigten Eigernordwand nicht?
Nein. Man darf es gerade nicht aufs Glück ankommen lassen. Mein Seilpartner Robert Jasper ist 10 Jahr älter als ich, Familienvater und sehr auf Sicherheit bedacht. Ich bin jünger, dynamischer, draufgängerischer. Das war eine ideale Kombination. Die Kunst ist es, körperliche Leistungsfähigkeit, psychische Belastbarkeit und ausgefeiltes Risikomanagement auf höchstem Niveau zu kombinieren. Das ist es, was die Eigernordwand fordert.

Wie muss man sich Ihren psychischen Stress auf der Harlin-Route vorstellen?
Wir wussten: Ab 15 Uhr scheint die Sonne ins Gipfeleisfeld, ab 16 Uhr kommen die ersten Steine, ab 17 Uhr fällt Steinregen. Das hiess für uns: Wir mussten am frühen Nachmittag an einem geschützten Biwakplatz oder in einer überhängenden Wandpartie sein, damit wir nicht getroffen würden. Möglich war das nur, wenn es uns am Morgen gelingen würde, mehrere schwierige Seillängen schnell zu klettern. Jeder Zeitverlust – was bei schwieriger Kletterei schnell passiert – brachte uns in existenzielle Gefahr. Dieses Bewusstsein war der grosse Psychostress.

Wie reagierten Sie – indem Sie schneller und riskanter kletterten, um aus der Gefahrenzone zu kommen?
Das darf man eben nicht. Wir zwangen uns, gute Standplätze zu bauen, um uns gegenseitig zu sichern. Aber das brauchte extrem Nerven.

Wann zum Beispiel?
Am dritten Tag etwa, nach der Nacht im Todesbiwak, hing ich in meinem Klettergurt, unter mir der Abgrund, über mir Robert, der unter äusserster Anspannung eine schwierige Stelle kletterte. Ich sicherte ihn, wusste aber: Wenn er stürzt, fällt er mit den Steigeisen auf meine Brust. Diese Situation dauerte über eine Stunde. Man hat Zeit nachzudenken. Das auszuhalten, war sehr hart.

Können Sie eigentlich schlafen in der Wand – oder kommen in der Nacht plötzlich Angst oder Bedenken?
Nein, an beiden Abenden unterwegs war ich zufrieden mit dem, was uns am Tag gelungen war, und so erschöpft, dass ich ziemlich gut schlief. Anstrengend ist nicht nur das Klettern, sondern auch die Konzentration nie abfallen zu lassen. Die Tour kann auch scheitern, wenn ich einen Rucksack mit wichtigem Material schlampig aufhänge und der dann die Wand runterfällt. Sich mit der Angst auseinanderzusetzen, gehört zur Vorbereitung, und harte Nächte gibt es kurz vor der Tour. Haben wir wirklich alles bedacht? In die Wand einzusteigen, fühlt sich wie eine Erlösung an.

Sie klettern seit 14 Jahren in der Eigernordwand. Ist die Wand leichter oder schwieriger geworden?
Schwer zu sagen. Der klassische Heckmair-Aufstieg ist heute derart abgeklettert und von brüchigem Stein befreit, dass er für jeden einigermassen ambitionierten Bergsteiger ein realistisches Ziel geworden ist. Sind mehrere Tage stabiles Wetter angesagt, reisen Alpinisten aus der halben Welt an. Die Begehungen haben sicher zugenommen. So gesehen ist die Eigernordwand vielleicht machbarer geworden.

Vielleicht?
Ja, denn die Wand kann ihr Gesicht radikal ändern. Die vermeintlich einfach gewordene Heckmair-Route kann, wenn sich die Verhältnisse ändern, selbst Spitzenalpinisten an den Anschlag bringen. Ich war letzten Frühling in der Wand und musste in der gleichen Passage, die ich kürzlich locker kletterte, mehr riskieren denn je, um überhaupt hochzukommen. Diese Unberechenbarkeit macht die Eigernordwand einzigartig – neben der Tatsache, dass immer öffentliches Interesse weckt, was in ihr passiert, weil sie so nahe an der Zivilisation steht.

Wer – wie Sie jetzt – in der Eigernordwand eine spektakuläre Grosstat vollbringt, sorgt für Aufmerksamkeit. Kontrolliert jemand, ob Sie die Harlin-Route wirklich frei geklettert sind?
Nein – aber mir ist bewusst, dass ich mich heute mit solchen Fragen beschäftigen muss.

Der österreichische Höhenbergsteiger Christian Stangl zum Beispiel hat kürzlich zugeben müssen, dass sein angebliches Gipfelbild vom K2 getürkt war.
Solche Ereignisse zwingen uns zur Einsicht, dass auch Bergsteiger nicht vor Versuchungen gefeit sind, wenn es um Geld geht. Ich glaube, Ehrlichkeit ist eine Frage der Erziehung. Was unseren Exploit auf der Harlin-Route betrifft: In der kleinen Welt der Spitzenalpinisten, in der ich mich bewege, kennt und beobachtet jeder jeden so genau, dass man präzis weiss, was der andere kann. Lügen sind kaum möglich.

Wie hart ist eigentlich der Konkurrenzkampf unter den Schweizer Topalpinisten?
Ich muss zugeben, dass ich mir das etwas romantischer vorgestellt habe. Jahrelang habe ich mich nicht um Medienpräsenz gekümmert, seit gut einem Jahr ist das Interesse aber gewachsen.

Das kommt auch davon, weil Sie selber diesen Sommer in Grönland jeden Tag aus der 1400-Meter-Wand bloggten, die Sie als Erster kletterten.
Ja, das hat in Europa sicher noch niemand gemacht. Aber das war auch ein zusätzlicher Stress. Trotzdem: Ich habe gemerkt, dass es weniger einfach ist, als Alpinist Sponsoren zu finden, als man vielleicht denkt. Und dass die Konkurrenz um die Medienaufmerksamkeit und der Neid, wenn man sie erhält, doch ziemlich gross sind. Denn das Feld ist in der Schweiz sehr eng, vor allem, weil es kein Bergsteigermagazin gibt. Und der knappe Platz in den Tageszeitungen ist bei den drei, vier Spitzenalpinisten, die wir in der Schweiz jetzt sind, sehr schnell weg.

Das zwingt Sie, mit gewagteren Touren das Schicksal herauszufordern, damit man Sie über die enge Bergsteigerszene hinaus wahrnimmt.
Die Gefahr besteht zweifellos. Meine Erfahrung zeigt aber: Sobald ich an einem Berg schwierig klettere, werde ich so klein und demütig, dass ich keine Sekunde an Schlagzeilen und Sponsoren denke. Man ist extrem exponiert, und das kann nur gut gehen, wenn man in jedem Augenblick sämtliche Energie auf sich konzentriert. Das zu können, ist die Frucht jahrelangen Trainings, persönlicher Entwicklung und Entbehrung.

Entbehrung?
Um unabhängig zu bleiben, schränke ich mich materiell auf ein absolutes Minimum ein, sodass ich auch dann auf die Karte Alpinismus setzen kann, wenn ich keine weiteren Sponsoren finden sollte. Ich bin überzeugt, dass ich meine Grenzen noch nicht erreicht habe, und ich will sie, wenn ich gesund bleibe, weiterhin ausloten. Das ist mein Traum, den will ich leben.

Und weitergeben. Der Schweizer Alpen-Club (SAC) bietet zehn jungen Bergsteigern in einem Kurs die Möglichkeit, sich zu Extremalpinisten weiterzubilden, und Sie sind einer der beiden Lehrer. Ist Ihnen wohl dabei, Jugendliche auf die Risikoschiene zu führen?
Diese Ausbildung wird auch unter Bergsteigern kontrovers diskutiert, und ich werde oft kritisch darauf angesprochen. Das ist gut so.

Echt?
Alpinismus soll kontrovers diskutiert werden, das ist seine gesellschaftliche Rolle. Ich persönlich stehe hinter diesem Kurs, solange kein Unfall passiert. Man muss sehen: Die jungen Kletterer würden ohnehin Extremtouren machen. Jeder von ihnen will etwa in die Eigernordwand – aber im Unterschied zu uns früher haben sie jetzt Coachs, bei denen sie vor schwierigen Touren Rat holen können. Wir damals gingen einfach los, mit wenig Informationen – und beanspruchten oft das Glück. Abgesehen davon: Die Schweiz ist das zentrale Alpenland. Dass der klassische Alpinismus, die Königsdisziplin des Bergsports, nun etwas mehr Bedeutung erhält, halte ich für gerechtfertigt.

Die Outdoorbranche boomt, Klettern ist ein Trendsport – Profialpinisten wie Ihnen müssten eigentlich rosige Zeiten bevorstehen.
Ich staune manchmal, dass man in der Schweiz das Gefühl hat, weil ein Ueli Steck einen gewissen Bekanntheitsgrad erreicht hat, geniesse der Alpinismus bei uns einen hohen Stellenwert. Wenn ich mit meinen Kollegen aus Frankreich, Italien, Süddeutschland, Spanien, England oder osteuropäischen Ländern vergleiche, muss ich sagen: Dort sind Profialpinisten Helden im Vergleich zur Schweiz.

Warum?
Ich habe den Eindruck, der klassische Alpinismus steht in einem Spannungsverhältnis zu unserer Kultur. Unser Land ist erstklassig organisiert, wir haben einen extrem hohen Lebensstandard, eine unglaubliche Infrastruktur, wir sind perfekt versichert. Klassisches Bergsteigen bedeutet dagegen: Risikobereitschaft, Selbstverantwortung, Belastungsfähigkeit, Verzicht. Es dauerte sehr lange, bis ich bei Verwandten und Bekannten als Profialpinist akzeptiert war. Es wird oft nicht verstanden, warum ich mich in Gefahr bringe, weil ich den Traum habe, als Kletterer Dinge zu leisten, die vor mir noch niemand schaffte.

Stört Sie das?
Nein. Ich bin glücklich, dass ich hier lebe und meinen Weg gehen kann.

juerg.steiner@bernerzeitung.ch (Berner Zeitung)

Erstellt: 24.10.2010, 15:25 Uhr

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