Eine starke Stimme meldet sich zurück

Die Autorin Mariella Mehr, eine Jenische, ist nach 20 Jahren in Italien in die Schweiz zurückgekehrt.

Seit kurzem zurück in der Schweiz: Die Roma-Schriftstellerin Mariella Mehr. Foto: Keystone (9. Mai 1997)

Seit kurzem zurück in der Schweiz: Die Roma-Schriftstellerin Mariella Mehr. Foto: Keystone (9. Mai 1997)

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Die Stimme am Telefon ist tief und klingt etwas heiser. Mariella Mehrs rauer Alt ist ebenso unverwechselbar wie die elementare, oft verstörende Wucht ­ihrer Sprache. Seit rund vier Monaten ist sie wieder in der Schweiz, nachdem sie 20 Jahre lang in der Toskana gelebt hat. In Zürich und Umgebung sucht die 67-Jährige eine Wohnung, die gross genug sein muss für ihre 2500 Bücher umfassende Bibliothek. Die Zeichen stehen auf Aufbruch. Trotz einer stärker gewordenen Sehschwäche, die auf eine Falschbehandlung in ihrer Kindheit zurückgeht, fühlt sie sich in ihrer Arbeit dank Hörbüchern und einem Sprachcomputer nicht eingeschränkt. In Italien sei sie in den vergangenen zwei Jahrzehnten heimisch geworden, erzählt sie, auch als Lyrikerin fand sie Beachtung, einzelne Werke wurden ins Italienische übersetzt. Vor einigen Wochen ist ein zweisprachiger Gedichtband von ihr erschienen unter dem Titel «Nachrichten vom Tod».

Warum also kehrt sie in die Schweiz zurück, aus der sie sich anfangs der 1990er-Jahre verabschiedet hatte? Sie brauche, sagt sie, für ihre literarischen Projekte die deutschsprachige Umgebung: «Ich fing an, italienisch zu träumen und zu denken, entsprechend veränderte sich auch meine Sprache. Diese Entwicklung gab den Ausschlag für meine Rückkehr.» Seit einigen Jahren arbeitet sie an einem ­Roman, den sie 2016 abschliessen möchte. Im Zentrum steht eine Frau, die sich als Reaktion auf traumatische Erlebnisse in vier Personen aufgespalten hat: «Alle vier haben dieselbe Geschichte, aber alle vier haben dafür eine andere Sprache.»

Schreckliche Erfahrungen

In der Schweiz ist es in den vergangenen Jahren ruhig geworden um Mariella Mehr. Gut zehn Jahre sind vergangen seit ihrer letzten Buchpublikation, die meisten ihrer Werke sind vergriffen, nur im Zytglogge-Verlag sind ihre frühen Werke vom Debüt «Steinzeit» (1981) bis zu «Rückblitze» (1990) noch lieferbar. Immerhin wurde auf Initiative der Kollegin Melinda Nadj Abonji und in Zusammenarbeit mit SRF 2 Kultur dieses Jahr ein Hörbuch des 2002 erschienenen Romans «Angeklagt» herausgegeben, im Februar 2015 kommt eine Bühnenfassung im Gaskessel Bern zur Aufführung. Die Stadt Bern hat ihr gerade das Stipendium «Weiterschreiben» zuerkannt.

Mit «Angeklagt» hatte Mariella Mehr eine in dieser Radikalität in der Schweizer ­Literatur einzigartige Gewalt-Trilogie abgeschlossen, zu der auch die Werke «Daskind» (1995) und «Brandzauber» (1998) gehören. Der ­Roman basiert auf Medienberichten und Recherchen der Autorin über eine in der Schweiz zu lebenslänglicher Haft verurteilte Frau. Diese literarische Tour de Force ist nicht zu trennen von ihren ­eigenen, schrecklichen Erfahrungen: Als Kind wurde Mariella Mehr, als Jenische 1947 in Zürich geboren, ein Opfer des Hilfswerks «Kinder der Landstrasse».

Der Mutter entrissen, wuchs sie in Heimen auf und war mit ihrem kleinen Sohn Mitte der 1960er-Jahre in Hindel­bank inhaftiert. Weil die Behörden ihren Schreibwunsch nicht ernst nahmen, notierte Mehr 1995, habe man ihr unabsichtlich genug Zeit gegeben, «denken zu lernen und aus meinen belächelten Schreibversuchen eine Waffe zu schmieden, die sich gegen alles richtet, was den Menschen am Menschsein hindern will».

Journalismus oder Literatur

In den 1970er-Jahren war Mehr als politisch engagierte Journalistin bekannt geworden; sie war auch eine Mitgründerin der Radgenossenschaft, der Dachorganisation der Jenischen. Sie habe sich entscheiden müssen zwischen Journalismus und Literatur: «Es gibt Autoren, die das beides ­verbinden können, aber bei mir funkten sich beide Bereiche gegenseitig drein.» Heute bezeichnet sie sich als eine Roma-Schriftstellerin, das Stigma des um sein Überleben schreibenden Opfers habe sie längst abgelegt.

Momentan ist sie als Prosaautorin ohne Verlag. In der Prosa sei sie an das Thema Gewalt gebunden, bekennt Mehr, «das gehört zu meinem Leben». In der Lyrik jedoch hat sie dieselben Themen poetisch zu bändigen versucht. Rund 150 unveröffentlichte Gedichte harren der Überarbeitung, ausgewählte Stücke möchte sie für eine CD einlesen und mit Roma-Musik verbinden. Sie sei eine «verspätete ­Expressionistin», sagt Mehr lachend.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.01.2015, 17:23 Uhr

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