Ein Furz auf der Landkarte

Es gibt keinen aus­geprägten Zürcher Patriotismus, vergleichbar etwa mit jenem der Berner. Eine Stadtgeschichte.

Grosser Spielplatz für die Kleinen: Kinder in einem Flugzeug auf der Besucherterrasse am Flughafen Zürich.

Grosser Spielplatz für die Kleinen: Kinder in einem Flugzeug auf der Besucherterrasse am Flughafen Zürich.

(Bild: Keystone Christian Beutler)

Miklos Gimes

«Die Berner», sagt mein Freund Sacha, «haben diesen defensiven Zug, fast ihr Markenzeichen, die gespielte Bescheidenheit, stilles Leiden als Kult.» Wir schauen im Internet eine Szene mit Pedro Lenz und dem in Bern stadtbekannten Journalisten Alex Sury vom «Bund», sie reden über Gott und die Welt, werfen sich die Bälle zu, «ich bin auch auf den alten Wankdorf gegangen, als 3000 Zuschauer kamen», sagt Pedro Lenz, er werde doch nicht den Club wechseln, nur weil YB gerade schlecht spiele.

«Dieser Dialekt», sagt Sacha, «hörst du? Pass auf, jetzt erzählt er gleich, wie er als junger Giel an den Mätsch gegangen ist, an der Hand seines Onkels. Nichts dagegen, aber dieses seltsame Beharren auf Wörtern aus einer anderen Zeit, als wir alle noch glücklich waren, als das alte Wankdorf noch stand, als es noch keinen Dichtestress gab: So schaffen sie ihre Mythen. Ich frage mich», sagt Sacha, «ob wir das auch haben in Zürich, solche Mythen.»

«Sicher», sage ich, «das mit dem Wankdorf zum Beispiel erinnert mich an den Kult mit dem alten Hallen­stadion, als man auf den oberen ­Rängen noch kiffte, und jetzt ist eine Eventbude daraus geworden, mit Drehorgel und Pausenclowns.»

Zürcher Botschafter gesucht

«Ja, aber die Berner», sagt mein Freund Sacha, und ich pflichte ihm bei, «haben eine Vorstellung davon, wie sie wahrgenommen werden wollen. Ein bisschen Underdog, bescheiden, etwas nonkonformistisch, treu zu sich selber, und ihre Botschafter wirken irgendwie alle so, Kuno Lauener, Endo Anaconda, Pedro Lenz, Steffe La Cheffe, sogar ihre Secondos, der Müslüm.» Er macht eine Pause. «Ich frage mich, ob wir das überhaupt haben, Zürcher Botschafter, wer könnte das sein? Dieter Meier?»

«Oder Beat Schlatter?», sage ich, «Patrick Frey?» Wir werfen die Namen hin und her, von Roger Schawinski bis Vujo Gavric, aber während wir reden, wird uns bewusst, dass es das tatsächlich nicht gibt, einen aus­geprägten Zürcher Patriotismus. «Wenn die Leute sagen, dass sie sich in Zürich wohlfühlen, meinen sie ein Quartier, eine Siedlung, eine Szene», erklärt Sacha, «ihren Stamm.»

Der Apostel der Stadt

«In meiner Jugend gab es einen Barpianisten», erzähle ich Sacha, «der in seinen langen, verrauchten Nächten im Niederdorf und an der Langstrasse den Leuten gut zugehört hat – alle paar Jahre gab er ein Wörterbuch heraus, mit dem neusten Zürcher Slang.» Der Mann hiess Fritz Herdi, seine Sprachsammlung nannte sich «Limmatspritzer», das Buch war die Bibel der Stadt, und Fritz Herdi war ihr Apostel.

Vor ein paar Wochen ist er gestorben, er wurde über 90 Jahre alt. Kaum ein Medium hat sich an ihn ­erinnert. «Zürich hat es nicht mehr nötig, sich gegenüber dem Rest der Schweiz zu definieren», sage ich, «Zürich schaut ins Ausland.»

Am nächsten Tag warte ich auf die S-Bahn, ich höre einem jungen Deutschen und seiner Schweizer Kollegin zu, sie fahren zum Flughafen. Er könne nicht begreifen, sagt der Deutsche, warum so viele Flugzeuge in Kloten landeten. «Die Stadt ist zu klein für einen Flughafen dieser Grösse», sagt er mit Nachdruck, «viel zu klein. Ein Furz auf der Landkarte.»

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