«Ein Businesstreffen ist wie Prostitution»

Porträt

Gleich neben den Sandbergs und Mayers dieser Welt findet man jetzt auch Roya Mahboob, die den Frauen in Afghanistan eine Zukunft bietet. Nicht nur beruflich.

«Auch als ich die ganzen Websites und Datenbanken kreierte, wurde mein Name nie erwähnt. Der meines Stellvertreters schon»: Roya Mahboob in Kabul.

«Auch als ich die ganzen Websites und Datenbanken kreierte, wurde mein Name nie erwähnt. Der meines Stellvertreters schon»: Roya Mahboob in Kabul.

In einem Land, das es nicht gerne sieht, wenn Frauen auffallen, ist sie eine regelrechte Exzentrikerin. Mit ihrem locker gebundenen Kopftuch sieht die erst 25-jährige Roya Mahboob aus wie die «Madonna dei Fusi» von Leonardo da Vinci. Wenn sie spricht, könnte man meinen, sie sei schüchtern, ihre Arbeit beweist jedoch das genaue Gegenteil. Die erste afghanische IT-Unternehmerin katapultierte sich mit ihrem unerschütterlichen Optimismus nämlich auf die Liste der 100 einflussreichsten Persönlichkeiten, welche das «Time»-Magazin jedes Jahr herausgibt. An der Seite von Sheryl Sandberg und Marissa Mayer gehört die CEO der Afghan Citadel Software Company (ACSC) nunmehr zu den massgebenden Geek-Frauen dieser Welt. (Lesen Sie auch: «Der Silicon-Effekt»)

Homeoffice, um Männer zu meiden

Mahboob hat Grenzen überschritten, die für eine afghanische Frau von Geburt an unüberwindbar scheinen. Als sie ihr Unternehmen gründete, war sie die erste Frau der IT-Branche im von den Taliban gebeutelten Land. In ihrer Firma, die Software und Datenbanken für private Unternehmen, Ministerien und die Nato kreiert, arbeiten heute ausschliesslich Frauen. Anders als bei Yahoo-Chefin Marissa Mayer dürfen viele von Mahboobs Angestellten im Homeoffice agieren, damit sie das Haus nicht verlassen müssen und ihre konservativen Familien sie dennoch arbeiten lassen. Das Problem der Erwerbstätigkeit liegt in Afghanistan nämlich nicht nur darin, dass Frauen überhaupt einen Job haben, sondern vor allem darin, dass sie während der Arbeit eventuell Kontakt mit Männern haben könnten, weshalb viele gleich ganz darauf verzichten müssen. (Lesen Sie auch: «Das neue Gesicht»)

Als ob der Job als CEO von ACSC nicht genügen würde, baut Roya Mahboob zurzeit mit dem Afghan Development Project 40 Internetschulzimmer im ganzen Land, da der Aufenthalt in Internetcafés für junge Mädchen ihrer Ansicht nach zu unsicher ist. So ermöglicht sie über 160'000 Schülerinnen und Studentinnen, täglich mit der Welt zu kommunizieren. Sie erfahren, was ein Blog ist, wie man einen solchen schreibt und sich Gehör verschafft. Und nicht zuletzt lernen sie, auf eigenen Füssen zu stehen. (Lesen Sie auch: «Hitparade der Karriere-Tipps»)

Der afghanische Traum

Wie kommt ein afghanisches Mädchen dazu, eine IT-Firma zu gründen? Entdeckt hat sie ihre Leidenschaft, als sie noch im Iran lebte, wo die gebürtige Afghanin aufwuchs. Durch ihren Cousin lernte sie 2003 das Internet und den Computer kennen. Sie schämte sich. Dafür, dass sie nicht wusste, dass man mit der grossen weiten Welt kommunizieren kann, dafür, dass sie fortan in einem Land wohnen würde, das den Mädchen jene Freiheiten vorenthält, die sie im Iran geniessen durfte. Denn die Eltern der damals 15-Jährigen beschlossen, in ihr Heimatland zurückzukehren. Roya fühlte sich ausgeschlossen und isoliert. Sie weiss jetzt, dass die eigentliche Freiheit im World Wide Web liegt.

Anders als viele afghanische Mädchen hatte Roya Mahboob jedoch das Glück, moderne und offene Eltern zu haben, die ihr den Besuch von Kursen in Informatik und Kommunikationstechnologien erlaubten, welche afghanischen Frauen von UNO-Entwicklungsprogrammen angeboten werden. Bis dahin war ihr grösstes Handicap ihr nämlich nicht bewusst: Sie ist eine Frau. Als sie an der Universität von Herat anfing, als IT-Entwicklerin zu arbeiten, «dachten alle, ich sei eine Sekretärin. Auch als ich die ganzen Websites und Datenbanken kreierte, wurde mein Name nie erwähnt. Der meines Stellvertreters schon. Schliesslich war er ein Mann.» (Lesen Sie auch: «Sie sind schlau, ehrgeizig und attraktiv»)

«Vielleicht werden sie Roya eines Tages wehtun»

Wenn sie an Ausschreibungen teilnimmt, glaubt selten jemand auf Anhieb, dass sie die CEO ihres eigenen Unternehmens ist. Ja, sie sei schon des Öfteren diskriminiert worden, meist unterschwellig, gesteht sie. Doch es gibt auch harschere Töne: So drohen ihr regelmässig anonyme Anrufer mit physischer Gewalt, weil sie sich in deren Augen prostituiere. Ein Businesstreffen einer unverheirateten Frau mit einem Mann kann in ihren Augen nämlich nur eines bedeuten: Er bezahlt sie. Für Sex. Auch Royas Vater, Ahktar Mohammed Mahboob, wird beschuldigt, seine Tochter «nicht im Griff» zu haben. «Manchmal ist es schwer, und vielleicht werden sie Roya eines Tages wehtun. Doch ich kann weder sie noch mich selber ändern. Es ist ihre Zeit. Wir können den Fortschritt nicht aufhalten», dies seine fatalistische Schlussfolgerung gegenüber «Newsweek» letzten Herbst.

Trotz Drohgebärden sieht Roya Mahboob ihre Aufgabe darin, den Mädchen und Frauen in Afghanistan eine Zukunft zu bieten. «Ich muss weitermachen. Für meine Firma. Für mein Land.» Während wir im Westen uns fragen, wie viel wir für unseren Job geben sollen und Sheryl Sandberg die USA mit ihrem Buch «Lean In» durchquert, sitzt hier eine Frau, die sich für ihr Land weit aus dem Fenster lehnt. Weiter, als wir es uns je trauen würden.

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DerBund.ch/Newsnet

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