Die beste Therapie als Ziel

Der Streit um die Psychotherapie spitzt sich zu. Dabei gehen beinahe die Patienten vergessen.

Psychotherapeuten ohne Medizinstudium dürfen nicht selbstständig über die Grundversicherung abrechnen. Foto: iStock

Psychotherapeuten ohne Medizinstudium dürfen nicht selbstständig über die Grundversicherung abrechnen. Foto: iStock

Simone Rau@simonerau

Wer Psychotherapeutin werden will, studiert Medizin oder Psychologie. Anschliessend folgt eine Weiterbildung in Psychotherapie. Erst dann dürfen Ärztinnen und Psychologinnen Patientinnen behandeln, die an psychischen Störungen mit Krankheitswert leiden. Die Methoden sind dabei gleich – egal, was die Grundausbildung war. Es gibt nur eine Psychotherapie.

Gleiche Leistungen und eine ebenbürtige Ausbildung bringen gleiche Rechte mit sich, würde man meinen. Doch dem ist nicht so. Während ärztliche Psychotherapeuten – aufgrund ihres Facharzttitels Psychiater genannt – eine Praxis eröffnen und selbstständig zuhanden der Grundversicherung abrechnen dürfen, ist das den psychologischen Psychotherapeuten nicht erlaubt. Eine Praxis eröffnen dürfen sie zwar, doch die Kassen zahlen ihre Therapien nicht. Oder nur dann, wenn sie sich von einem Psychiater anstellen lassen und in dessen Praxis tätig sind. Der Psychiater verordnet die Therapie und beaufsichtigt sie.

Viele Psychologen empfinden dieses Delegationsmodell als mühsam. Und als unwürdig. Sie wollen, dass sämtliche Ärzte Psychotherapien verordnen können – etwa auch Hausärzte. Und dass sie nicht länger bei Psychiatern angestellt sein müssen, um Geld von den Kassen zu bekommen. In einer im März eingereichten Petition mit fast 100'000 Unterschriften verlangen sie vom Bundesrat mehr Kompetenzen in Form eines Anordnungsmodells.

Mehr Wahlfreiheit für Patientinnen

Das hat die Psychiater alarmiert – so sehr, dass sie den seit langem schwelenden Konflikt in die Öffentlichkeit tragen. Erich Seifritz, Präsident der Vereinigung Psychiatrischer Chefärztinnen und Chefärzte, warnt in der aktuellen «Ärztezeitung» und in einem NZZ-Gastkommentar mit harschen Worten vor der Forderung der Psychologen. Sie sei eine «grosse Gefahr für die psychiatrisch-psychotherapeutische Versorgung in der Schweiz». So drohe etwa eine «Kostenexplosion durch Mengenausweitung» – gemeint sind steigende Patientenzahlen, wenn mehr Ärzte Therapien verordnen könnten. Zudem würde die Behandlungsqualität durch das neue System leiden, weil die Kontrolle durch den Psychiater fehle.

Das klingt so, als wären eidgenössisch anerkannte Psychologen weder ­bemüht noch fähig, qualitativ hochstehende Therapien durchzuführen – und diese angemessen zu kontrollieren. Und als würden sich Psychiater heute mit nichts anderem als Qualitätssicherung beschäftigen.

Bleiben die Patientenzahlen. Erstens müsste die Therapie noch immer ärztlich angeordnet werden. Zweitens: Mag sein, dass die Zahlen steigen ­würden. Doch wäre das zwingend schlecht? Man könnte es statt aus Kostensicht aus Patientensicht betrachten – diese geht in der Diskussion beinahe unter. Je früher ein Hausarzt, eine Frauenärztin, ein Kinderarzt merkt, dass jemand Hilfe benötigt, desto besser für den Betroffenen. Setzt eine Therapie erst spät ein, ist sie aufwendiger – und damit auch für die Allgemeinheit teurer. Es drohen hohe Folgekosten wie etwa ein Klinikaufenthalt. Möglicherweise wäre das neue Modell also nur kurzfristig teurer.

Mehr selbstständig über die Grundversicherung abrechnende Psychotherapeuten bedeuten für die Patienten zudem mehr Wahlfreiheit. Daran kann nichts falsch sein. Denn dann verliefe der Graben nicht mehr zwischen den Berufen, sondern so: gute Psychiater und Psychologen hier, schlechte Psychiater und Psychologen da.

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