Die Schmatzinsel

6000 Einwohner, aber 3799 Eheschliessungen im Jahr: Das Glück hat viele Gesichter auf der dänischen Insel Ærø. Zu Besuch in der Hochzeitsfabrik.

Überraschungsheirat auf Ærø: Ein Hochzeitspaar mit Kind versteckt sich vor seiner Familie. Foto: Alexander Wolfe (NYT, Redux, Laif)

Überraschungsheirat auf Ærø: Ein Hochzeitspaar mit Kind versteckt sich vor seiner Familie. Foto: Alexander Wolfe (NYT, Redux, Laif)

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Dreizehn Jahre lang verlobt, das sei doch «eine vernünftige Zeit», sagt der Bräutigam aus dem britischen Brighton. Seine Braut sitzt daneben, sie strahlt, er auch. Mark und Philippa Hudson, er 60 und sie 49 Jahre alt, haben geheiratet. Endlich. Vor allem aber heimlich. Sie sind durchgebrannt, auf eine kleine Insel namens Ærø. In Dänemark.

Es gibt verschiedene Geschichten darüber, wie Ærø zur Hochzeitsinsel wurde. Zunächst einmal geht Heiraten in Dänemark einfacher und schneller als im Rest Europas. Ausserdem sieht Ærø so aus, als sei es nur für Verliebte ins Meer gesetzt worden: Die alten Häuser sind in Marzipanfarben gestrichen, am Sandstrand stehen kleine Badehütten aufgereiht, auf den Blumenwiesen dahinter grasen Kälber.

Kein Wunder also, dass der Hochzeitstourismus hier boomt. 2016 hat das Standesamt im kleinen Ort Ærøskøbing 3799 Ehen geschlossen, doppelt so viele wie noch vor zwei Jahren, dreissigmal so viele wie vor zehn Jahren. Und die wenigsten der Brautleute sind dänisch. In Ærøskøbing leben nur etwa 900Menschen, 6000 sind es auf der ganzen Insel.

In einer kleinen Blase

Hochzeitsplanerin Louise Moloney sagt: «Hier auf Ærø ist man wie in einer kleinen Blase.» Ihre Agentur Danish Island Weddings war die Erste, manche sagen, sie habe das Hochzeitsgeschäft erst auf die Insel geholt. Moloney hatte im Ausland gelebt, bis sie vor zehn Jahren zurückkam. Es war nicht viel los in Ærøskøbing. Finanzkrise, leere Sommerhäuser und Läden. Das alte Haus in der Ortsmitte, Den Gamle Købmandsgaard, haben sie und ihr Mann dann gekauft und dort ein Trauzimmer und eine Hochzeitssuite eingerichtet. Im Erdgeschoss: eine Whiskybrennerei und ein Café, das auch Hochzeitskuchen backt.

Für Mark Hudson, den Bräutigam, gibt es Walnuss-Mokka-Torte, wie immer zu seinem Geburtstag. Der Brite, blonde Haare, schulterlang, der Anzug dunkelblau-rot kariert, wird an seinem Hochzeitstag 60 Jahre alt. Vielleicht war es diese drohende 60, die ihn im Januar vor den Computer trieb. Im Internet hat er nach Orten für stressfreie Hochzeiten gesucht. Las Vegas in den USA war zu kitschig, Gretna Green in Schottland zu naheliegend. Bei Louise Moloney haben er und Philippa dann das Hochzeits­paket «Altes Handelsgericht» für knapp 1000 Euro gebucht: Torte, Strauss, ­Frisur, Fotograf kosten extra.

Die Hochzeitspaare, die nach Ærø kommen, sind tatsächlich alle irgendwie auf der Flucht: vor dem Stress mit den Verwandten

Inzwischen hat Hochzeitsplanerin Moloney Konkurrenz bekommen, ihr Nachbar ist jetzt auch im Geschäft. Der Jurist Leslie Rabuchin hat die Agentur Global Express Weddings vor sechs ­Jahren gegründet. Damals habe er dem Bürgermeister gesagt, man müsse das Heiraten schnell und einfach machen, das könne lukrativ werden. Das Standesamt in Ærøskøbing verlangt keine ­Geburtsurkunde, keine Melde- oder ­Ledigkeitsbescheinigung. Ein Termin ­innerhalb von drei Wochen ist kein ­Problem, oft geht es sogar schneller. 36 Stunden, das ist Moloneys Rekord.

Die Hochzeitspaare, die nach Ærø kommen, sind tatsächlich alle irgendwie auf der Flucht: vor dem Stress mit den Verwandten, wie Mark und Philippa Hudson. Oder vor dem Stress mit den Dokumenten, wie Kirsten Hellstern aus Ludwigsburg. Die frühere Opernsängerin wollte eigentlich im eigenen Garten feiern, ihr Traum scheiterte aber an der deutschen Bürokratie. Hellstern ist gebürtige Amerikanerin, zweimal verheiratet. Ihre erste Scheidung in Kalifornien ist 20 Jahre her, die Dokumente sind in den Archiven versunken. Trotzdem wollte das Amt in Deutschland Ehe- und Scheidungspapiere, übersetzt und beglaubigt aus den USA. «Die Standesbeamtin hat dann Dänemark vorgeschlagen», sagt Kirsten Hellstern.

Das kleinste Kino Dänemarks

Viele Ærø-Paare haben verschiedene Nationalitäten und leben in einem anderen Land. Auf der Insel müssen sie nur unterschreiben, dass sie noch nie verheiratet waren – oder ihre Scheidungspapiere mitbringen. Für Kirsten Hellstern aber reichten die von der zweiten Scheidung, damals in Deutschland.

Mark und Philippa Hudson schreiten über den knarrenden Holzboden ins Trauzimmer. Die jüngere Schwester von Louise Moloney, Yuki Badino, hat die Hochzeit geplant, die Agentur ist längst ein Familienunternehmen. Mit einer Hand reicht sie der Braut ein Taschentuch, mit der anderen filmt sie alles auf deren Handy. Die einzigen Hochzeitsgäste: sie und die Fotografin, die gleichzeitig die Trauzeugen sind. Bei Champagner und Torte erzählt Philippa Hudson dann vom Kleid, das so oft umgenäht werden musste, vom BH, den die Freundin ihr geliehen hat, von ihrem Job als Schauspielerin – Blut hustende Zombies seien ihre Spezialität.

Glace statt Hochzeitsessen

Louise Moloney schickt die Paare nach der Trauung gerne durch Ærøskøbing, zu Klaus, der selbst gemachte Glace verkauft, zu Gunnar ins Café gegenüber, zu Adam, der in seinem Hotel das wohl kleinste Kino Dänemarks betreibt. Das Standesamt arbeitet mit etwa 20 Agenturen zusammen, drei sitzen auf der Insel, die meisten anderen in Deutschland. Von dort kommt auch der Grossteil der Paare. Manche Agenturen bringen sie busseweise hierher, Hinfahrt, Übernachtung, Trauung und zurück. Sind die Menschen hier nie genervt vom täglichen Hochzeitsrummel? «Nein», sagt Susanna Greve, «das ist unglaublich viel Einkommen für so eine schläfrige Insel.» Die Britin lebt seit 43 Jahren hier. Ihre Pension im denkmalgeschützten Altbau gehört zu den besten Adressen im Ort.

Es sei schon vorgekommen, sagt die Standesbeamtin Tina Eriksen, dass Paare am nächsten Tag anriefen und alles zurücknehmen wollten. Das geht natürlich nicht, auch nicht auf Ærø. Heiraten sei nicht wie Shoppen im Internet. «Wir wollen ernst genommen werden», sagt sie. «Wir wollen, dass sich die Paare hier besonders fühlen.» Sie erzählt von Menschen, die Gläser zertreten und über mitgebrachte Teppiche schreiten, von schwerhörigen Bräutigamen, von singenden Bräutigamen, von afrikanischen Trommeln. Von mit Henna verzierten Bräuten und exotischen Kleidern. Von Männern, denen sie nicht die Hand geben darf, weil ihr Glaube das verbietet.

Freigebig mit Trauscheinen

Es gebe auch Paare, erzählt die Standesbeamtin, die nach Ærø kämen, weil ­niemand von der Ehe wissen darf. Homosexuelle etwa, deren Beziehung in der Heimat verboten ist. Es gebe Paare, bei denen der Mann deutlich älter sei als die Braut. «In manchen Kulturen ist das nicht seltsam», sagt Eriksen. «Wir urteilen nicht.» Solange die Dokumente stimmten und beide einverstanden seien, würden sie auch verheiratet. Bei Paaren mit verdächtigen Papieren aber ruft das Amt die Polizei. Wer in Dänemark heiraten will, muss legal einreisen können, braucht einen Pass und eventuell ein Visum. Die Dänen sind ohnehin eher streng, wenn es um Papiere geht. Für den Familiennachzug nach Dänemark gibt es so viele Regeln, dass er fast unmöglich erscheint. Ehepartner müssen älter sein als 24 Jahre. Sie müssen nachweisen, dass sie stärker an Dänemark gebunden sind als an jedes andere Land, einen Dänischtest ablegen und finanziell unabhängig sein. Paradox, dass die Dänen andererseits so freigebig sind mit Trauscheinen für ausländische Paare. Sie erleichtern es ihnen, zusammenzuleben – nur nicht in Dänemark.

Michael Goecken findet, wer heiraten wolle, sollte heiraten können, ohne ­«juristischen Kampf». Der Niederländer kommt gerade von seiner Märchenhochzeit am Strand zurück. Seine Frau hält Bildabzüge in den Händen: hellblauer Himmel, dunkelblaues Strandhäuschen, das Meer. Maria Rafalorich stammt aus Kasachstan, hat eine Aufenthaltsgenehmigung für Tschechien. In Prag hat sie ihren Mann kennen gelernt, gemeinsam sind sie nach Spanien gezogen. Dort muss sie bald ihr Visum verlängern lassen. Für die Hochzeit dort hätte sie Papiere aus Kasachstan gebraucht. «Nicht unmöglich», sagt der Bräutigam, «aber ein langer Prozess.» Dass es in Dänemark schneller gegangen sei, mache alles einfacher, sagen sie im Innenhof des alten Handelsgerichts. Ein paar Meter weiter leeren Mark und Pip Hudson gerade den Champagner und erzählen der Fotografin, wie sie sich vor 18 Jahren kennen gelernt haben. Klar, sie ist ja immerhin ihre Trauzeugin.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.09.2017, 06:45 Uhr

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