«Die Frau, die zwölfmal aussagen musste, war jedes Mal verzweifelt»

Juristin Lina Rasheed berät Opfer von Menschenhandel. Sie erzählt vom kürzlich verhandelten Prozess in Biel, dem bisher grössten in der Schweiz.

Aussagen oder nicht? Lina Rasheed kann Opfern nur die Optionen aufzeigen – entscheiden müssen sie selber. Bild: Reto Oeschger

Aussagen oder nicht? Lina Rasheed kann Opfern nur die Optionen aufzeigen – entscheiden müssen sie selber. Bild: Reto Oeschger

Frau Rasheed, in Biel ist Mitte Juli eine Thailänderin wegen Menschenhandels in 75 Fällen verurteilt worden. Sie haben sechs der Opfer beraten. Wie haben diese auf das Urteil reagiert?
Ich habe sechs Frauen und Transmenschen beraten, meine Kolleginnen weitere dreizehn Personen. Sie alle müssen das Urteil erst verarbeiten, es hat sie sehr aufgewühlt. Positiv reagiert haben sie auf das Strafmass, das mit zehneinhalb Jahren viel höher ausgefallen ist, als sie es erwartet haben. Und sie sind froh, dass die geforderten Genugtuungssummen akzeptiert wurden.

Die Frauen und Transmenschen wurden in Schweizer Bordellen sexuell ausgebeutet. Was hat das mit ihnen gemacht?
Die Ausbeutung hat bei fast allen zu einem schweren physischen und psychischen Trauma geführt. Dieses äussert sich in Schlaflosigkeit, Albträumen, Flashbacks, bis hin zu Suizidgedanken oder sogar Suizidversuchen. Sie haben Angst – um sich selbst, aber auch um ihre Familien in Thailand. Dazu kommen Verzweiflung, Scham und Schuldgefühle, weil sie über so lange Zeit fremdbestimmt waren und weil sie ihre Familien durch ihre Aussagen in Gefahr gebracht haben. Sie fragen sich, was sie anders hätten machen müssen. Und was nun, da sie mit der Polizei kooperiert haben, passieren wird.

Ändert der Abschluss des Verfahrens an diesen physischen und psychischen Schmerzen etwas?
Ihre Ängste sind aktueller denn je. Wir müssen die Opfer nach wie vor stabilisieren. Die meisten von ihnen begleite ich seit Oktober 2014, als in mehreren Kantonen eine Polizeiaktion in Bordellen durchgeführt wurde. Viele leben, viele überleben, irgendwie. Sie sind ja Menschen, es bleibt ihnen nichts anderes übrig. Aber gerade der Gerichtsprozess hat viele Erinnerungen wachgerufen, die sie zu verdrängen versuchen. Eine oft beobachtete Strategie, um mit dem Erlebten fertig zu werden. Egal, wie stabil die Frauen vor dem Prozess waren: Jetzt befürchten sie endgültig Konsequenzen.

Was befürchten die Frauen?
Dass die Täterin sich an ihnen oder ihren Familien rächen wird. Sie stand zuoberst auf der Hierarchiestufe, das hat auch das Gericht anerkannt. Entsprechend gross ist ihr Einfluss in der Heimat – auch wenn sie hier in der Schweiz im Gefängnis sitzt.

Besteht diese Gefahr wirklich?
Das ist entscheidend. Die Gefahr ist real. Es passiert immer wieder, dass Täter Opfer erneut in ihre Gewalt bringen, auch deren Kinder werden entführt und misshandelt.

Fünf der sechs Opfer, die Sie beraten haben, beteiligten sich als Privatklägerinnen am Strafverfahren. Warum haben sie sich trotz aller Ängste dazu entschlossen?
Sie erhoffen sich durch die Aussagen einen gewissen Schutz seitens der Behörden. Tatsächlich haben sie gewisse Rechte, wenn sie kooperieren – so dürfen sie etwa für mindestens sechs Monate in einem Schutzhaus wohnen. Andere Frauen hatten das Gefühl, der Täterin sowieso ausgeliefert zu sein – egal, ob sie aussagen oder nicht. Oft genannt wurde auch der Wunsch, die Täterin zu stoppen. Niemand soll mehr erleben müssen, was sie erlebt haben.

Die allerwenigsten der 75 Opfer haben mit den Behörden kooperiert. Das zeigt: Es gibt auch viele Gründe, die gegen eine Aussage sprechen.
Es ist ein Abwägen. Für jede einzelne Person. Die Angst, sich oder die Familie durch die Aussage zu gefährden, ist gross. Den Strafverfolgungsbehörden zu erzählen, was man erlebt hat, immer wieder, in allen Einzelheiten, braucht zudem unglaublich viel Kraft und Mut. Meine Klientinnen mussten zum Teil bis zu zwölfmal aussagen. Das ist nur schwer auszuhalten. Sie haben das Verfahren als extrem zermürbend erlebt.

Kommt es zu Retraumatisierungen?
Ganz sicher. Sie müssen wiederholt erzählen, was sie erlebt haben. Das führt dazu, dass sie die Verletzungen immer wieder von neuem erleiden. Physisch und psychisch. Eine Rolle spielt auch ihre Angst vor Beamten – so nett sie auch sein mögen. Es sind wieder Polizisten. Vor diesen hatten sie sich zuvor immer verstecken müssen. Einvernahmen wirken insgesamt äusserst destabilisierend.

Woher nehmen die Personen, die aussagen, ihre Kraft?
Sie ist einfach da, sie haben sie in sich. Man muss aber auch sagen: Die Opfer sind nicht immer gleich entschlossen. Die Frau, die zwölfmal aussagen musste, war jedes Mal verzweifelt. Sie hatte von allen die grössten Befürchtungen. Da brauchte es viel Unterstützung von uns. Was man ebenfalls sagen muss: Nicht alle, die sich gegen eine Aussage entscheiden, sind automatisch schwach. Sie haben sich zum Teil auch einfach dagegen entschieden. Jeder Mensch hat andere Lebensumstände, eine andere Lebensstrategie, andere Prioritäten.

Wie meinen Sie das?
Es ist eine Rechnung, die jede einzelne Person für sich macht. Wir als Beraterinnen können ihnen nur die verschiedenen Möglichkeiten und die daraus resultierenden Konsequenzen aufzeigen – ehrlich und fair. Entscheiden müssen sie allein.

Sind die Entscheide für Sie manchmal schwierig zu ertragen?
In gewissen Fällen schon. Doch ich muss sie akzeptieren und respektieren, so schlimme Folgen sie auch haben mögen. Die Selbstbestimmung der Betroffenen beginnt bei mir. Ich lege ihnen die Optionen dar, sie entscheiden – ein erneutes Machtgefälle darf es nicht geben.

Noch mehr Kraft, stelle ich mir vor, braucht der Gang vor Gericht. Zwei der von Ihnen betreuten Frauen haben sich auch dafür entschieden.
Schon Monate vorher konnten die beiden nicht mehr schlafen. Viele Telefonate waren nötig, um sie zu beruhigen, sie waren extrem nervös. Wir haben immer wieder besprochen, wie sie zum Gericht kommen, was dort von ihnen erwartet wird. Als der Prozess verschoben wurde, brach eine grosse Unruhe aus – auch bei den anderen Betroffenen. Alle waren noch nervöser, noch instabiler.

Wie lief es vor Gericht?
Wir haben mit Verkleidungen dafür gesorgt, dass die Frauen auf dem Weg ins Gericht nicht erkannt werden. Sie trugen Kapuzenjacken, Hüte, Sonnenbrillen und Mundschutz. Das hat ein bisschen geholfen gegen die Angst. Für ihre Aussagen im Prozess, der unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfand, haben sie die Verkleidung abgenommen, da fühlten sie sich sicher. Aber ihre Nervosität war auch dann noch spürbar, weil sie wussten, dass die Täterin von einem anderen Raum aus zuschaut.

Wie wichtig waren die Aussagen dieser Personen für das Gericht?
Absolut zentral. Menschenhandel ist ein schwerwiegendes Verbrechen, das im Versteckten vor sich geht. Entsprechend schwierig ist es für die Strafverfolgungsbehörden, Täter aufzuspüren und zur Rechenschaft zu ziehen. Indizien sind da, Beweise nur selten. Das Gericht muss also unbedingt hören, was mit den Opfern passiert ist. Von diesen selbst.

Sehen sie sich selber auch als Opfer?
Nur die wenigsten. Das Bewusstsein, dass ihnen Leid widerfahren ist, entwickelt sich erst mit der Zeit. Die Frauen spüren zwar, dass sie ausgebeutet und missbraucht wurden, reden selber davon, «wie ein Tier gehalten» oder «wie ein Gegenstand von A nach B transportiert» worden zu sein, aber dass sie das zu einem Opfer macht und in welchem Ausmass, wissen sie nicht. Viele sind der festen Überzeugung, sich in Würde in ihr Schicksal ergeben zu müssen.

Welche Haltung haben Sie persönlich zum Opferbegriff?
Ich versuche, wenn möglich andere Begriffe zu verwenden. Die Opfer sind nicht nur Opfer. Sie sind in erster Linie Menschen. Sie sind Frauen, Mütter, Schwestern, Töchter, Freundinnen. Sie haben eine gewisse Resilienz. Sie können die Einvernahmen aushalten, auch weil sie Unterstützung annehmen können, von uns wie auch von den Straf­verfolgungsbehörden.

Wie schützen Sie die Frauen ausserhalb des Gerichtssaals – auch nach Abschluss des Prozesses?
Wir treffen diverse Vorkehrungen. Vor allem instruieren wir die Frauen, wie sie sich selber schützen können und müssen. So sollen sie niemandem ihre Wohnadresse angeben, die eine amtliche Schutzadresse vom Kanton ist. Wir geben ihnen Notfallnummern für den Fall, dass irgendetwas passiert. Und wir stellen einen genauen Handlungsplan auf, den wir mit ihnen üben. Auch auf den sozialen Medien müssen die Frauen sehr vorsichtig sein.

Kam es schon zu Zwischenfällen?
Im aktuellen Fall nicht, in früheren Fällen schon. Mehrere Personen gaben Informationen von sich preis, ohne es zu merken. In einem Fall war eine Person von ihrem Menschenhändler dermassen instruiert, dass sie diesen nach dem Prozess von sich aus anrief – weil sie glaubte, sie hätte sonst ein Problem. Das Machtgefälle war total verinnerlicht.

Was können die Behörden tun, um die Betroffenen zu schützen?
Am wichtigsten ist der aufenthaltsrechtliche Schutz. Die Polizei, die Staatsanwaltschaften und die Gerichte stehen in der Mitverantwortung – nicht nur spezialisierte Opferberatungsstellen wie wir. Es kann nicht sein, dass Opfern das Gefühl vermittelt wird, nur so lange Schutz gewährt zu bekommen, wie man sie im Strafverfahren braucht.

Ist das das Gefühl, das den Betroffenen vermittelt wird?
Eigentlich schon, ja. Nach dem Prozess werden sie nicht mehr gebraucht. Dann stellen wir ein Härtefallgesuch. Diese Gesuche werden kantonal unterschiedlich gehandhabt, was zu einer Ungleichbehandlung der Opfer führt. Sie werden aber mehrheitlich bewilligt.

Wie sieht das Leben der sechs Personen heute aus?
Drei leben in der Schweiz, zwei in Thailand. Zum Teil arbeiten sie, zum Teil suchen sie Arbeit. In die Prostitution ist niemand zurückgekehrt. Psychisch sind sie stabil bis sehr instabil. Von der sechsten Person ist mir die derzeitige Situation nicht bekannt.

Was, denken Sie, konnten Sie diesen Menschen mit auf den Weg geben?
Ich habe ihr Selbstbewusstsein gestärkt. Ihr Vertrauen in sich selbst. Weil ich sie mit Respekt und Würde behandle. Sie wissen nun, dass sie als Menschen Rechte haben und eine Stimme.

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