Derbe Witze und viel Alkohol – rein in den Frauen-Polterabend

Wenn Frauen ihre beste Freundin vor der Hochzeit hochleben lassen, brechen oft alle Dämme. Und so geht das.

Junggesellinnenabschied im Bunny-Kostüm: Eine junge Frau feiert mit ihren Freundinnen an der Zürcher Seepromenade. Foto: Doris Fanconi

Junggesellinnenabschied im Bunny-Kostüm: Eine junge Frau feiert mit ihren Freundinnen an der Zürcher Seepromenade. Foto: Doris Fanconi

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Es ist ein warmer Juniabend, ich habe ein Cüpli in der Hand, und mein Strohhalm ist geformt wie ein Penis. Neben mir schlürfen sieben weitere Frauen ähnliche Drinks, wir sitzen um einen Küchentisch herum, lackieren Nägel, ziehen Lidstriche, tauschen Lippenstifte. Geschrei, Lachen, dreckige Witze, der Lärm ist ohrenbetäubend.

Mein 32-jähriges Ich ist eigentlich nicht mehr der Typ für trashige Partys, und normalerweise fände ich es auch ein bisschen albern, mich über Strohhalme in Form von Geschlechtsorganen zu freuen. Doch dieser Abend ist anders, und das ist irgendwie auch gut. Meine Schulfreundin Susanne, die in Wahrheit anders heisst, heiratet in sechs Wochen. Sie trägt einen Plastik-Blumenkranz und ein T-Shirt mit dem pink Schriftzug «Bride to be». Wir anderen tragen Schwarz. Und rosa Kartonbrillen. Und auf den Armen goldene Abziehtattoos mit dem Schriftzug «Team Bride». Das hier ist ein Junggesellinnenabschied.

Statt uns von dem wüsten Trend abzuheben, sind wir mit dabei.

Es ist inzwischen mein fünfter. Seit ein paar Jahren geht es an meinen Sommerwochenenden fast ausschliesslich ums Heiraten oder eben um all das, was in unserem Kulturkreis dazugehört. Ist die Braut eine gute Freundin, ist ihre Hochzeit für mich eine Doppelveranstaltung: Ein paar Wochen vor dem eigentlichen Termin versammelt die Trauzeugin die engsten Freundinnen, um die künftige Ehefrau aus dem Ledigenstand zu verabschieden.

Video – hier gehts wild zu und her:

Trailer zum Kinofilm «Rough Night»

Für Susanne haben wir ein Wochenende in Prag organisiert. Irgendwann nach Mitternacht verlassen wir in schwarz-goldener Montur unsere Ferienwohnung – und sind nicht allein. Gruppen wie wir, Männer und Frauen, grölen durch die Gassen, alle haben in ihrer Mitte eine künftige Braut oder einen Bräutigam und arbeiten sich durch die Beizen. Natürlich haben wir Weggetränke mitgenommen, um unsere Strohhalme in Szene zu setzen, Susanne durfte ihr Bride-T-Shirt zwar zu Hause lassen, aber bei den Plastikblumen sind wir hart geblieben. In den Bars begegnet uns kein einziger Tscheche, dafür schäkern wir mit Junggesellen aus Italien, Frankreich und Deutschland. Prag ist einer der beliebtesten Orte für westeuropäische Junggesellenabschiede. Und statt uns von dem wüsten Trend abzuheben, sind wir ganz vorne mit dabei.

Frauen aus allen Milieus

Es ist schwer zu erklären. Der Polterabend, einst Paradebeispiel für peinliches testosterongesteuertes Verhalten, ist keine männliche Spezialität mehr. Frauen quer durch alle Milieus pflegen das Ritual mittlerweile genauso inbrünstig. Warum? Müssen Frauen Männern einfach jede Dummheit nachmachen?

Wenn ich nicht gerade selbst Teil des Ganzen bin, suche auch ich das Weite, wenn mir Frauengruppen mit Bauch­laden und Tüllröckchen begegnen. Und vom Nervfaktor mal abgesehen: Die Ehe ist schon lange kein Gefängnis mehr, in dem ausuferndes Feiern verboten wäre. Abgesehen davon, seien wir ehrlich, verzichten die meisten der Um-die-30-Jährigen doch freiwillig auf durchtanzte Nächte, ob mit oder ohne Trauschein, schliesslich ist es mit dem Liebsten auf dem Sofa einfach so gemütlich. Pflegen wir also ein leeres, irgendwie verlogenes Ritual – und machen uns noch dazu zum Affen?

Tagsüber terrorisieren die Grüppchen die Shoppingmeile, abends geht es weiter in den Restaurants und Clubs.

Wahrscheinlich hätte ich es nicht auf fünf Junggesellinnenabschiede gebracht, wenn das wirklich alles wäre. Zunächst einmal steckt in so einem Abend durchaus ein Stück Emanzipationsgeschichte. Männer begehen diesen Brauch schon ziemlich lange: Unter den Labels «Stag Night» (Hirsch-Nacht), «Bachelor Party» (Junggesellen-Party) oder «Bucks Night» (Rammler-Nacht) feierten sie in Grossbritannien und den USA schon Anfang des 20. Jahrhunderts rauschende Feste, um ein letztes Mal die Freiheit eines unverheirateten Mannes auszukosten. Bräute durften damals höchstens eine «Bridal Shower» veranstalten, eine Art brave Frauenzusammenkunft bei Kaffee und Kuchen inklusive Mutter und Schwiegermutter.

Freiheiten, die man noch ein letztes Mal auskosten muss? Hatten sie praktisch nicht. Das änderte sich erst mit der Frauenbewegung und der sexuellen Befreiung in den Siebzigern: Endlich begannen auch Frauen, vor der Hochzeit noch mal richtig einen draufzumachen. «Hen Night» heissen solche Abende in Grossbritannien, «Bachelorette Party» in den USA. Und via Hollywood verbreitet sich der Trend seither immer weiter: Auf den Blockbuster «Hangover» über vier Männer in Las Vegas folgten die weiblichen Varianten «Bridesmaids» und, gerade diese Woche in den Kinos gestartet, «Rough Night».

Wer jüngst einen Samstag in der Stadt verbracht hat, kennt das Spektakel: Horden von alkoholisierten Frauen, an Kleidung oder Accessoires als Gruppe zu erkennen, belagern da die Fussgängerzonen, in ihrer Mitte die künftige Braut, die je nach Grausamkeit ihrer Freundinnen einen Bauchladen, einen Schleier oder ein Marienkäferkostüm tragen muss.

Von Tango bis Lapdance

Tagsüber terrorisieren die Grüppchen die Einkaufsstrassen und verticken ihren Bauchladen-Inhalt, abends geht es weiter in den Restaurants und Clubs. Dort treffen sie dann auf ihre männlichen Äquivalente: Horden von alkoholisierten Männern, in ihrer Mitte ein künftiger Bräutigam, der je nach Grausamkeit seiner Kumpels einen Bauchladen, ein Hasenkostüm oder eine Penis­attrappe tragen muss.

Es gibt auch elegantere Varianten: Ich bin schon Bier trinkend über den Bodensee gepaddelt, habe per Boot einen Fluss erkundet oder musste mich in den Bergen durch Schluchten kämpfen. Eine Freundin hat bei einem Junggesellinnenabschied Porzellan bemalt, eine andere einen Tangokurs gemacht. Und in Prag macht uns Lena mit kreisenden Hüften vor, was sie bei ihrem letzten Frauen-Polterabend gelernt hat: Lapdance.

Der Fantasie der Trauzeuginnen sind keine Grenzen gesetzt. Doch es gibt ein paar Merkmale, die fast jeden Junggesellinnenabschied kennzeichnen – egal, wie sehr man versucht, sich vom Trash-Image des Klassikers abzuheben: Zu angenehm darf es für die Braut nicht sein, ein wenig Exzess ist gut, und etwas deftig darf es schon zugehen. Das Porzellanmalen etwa fand unter gehörigem Alkoholeinfluss statt, und nach der Bodensee-Paddeltour hatte die Trauzeugin noch eine Dildo-Fee bestellt, die uns ihre Sexspielzeug-Palette vorstellte.

Eigentlich müsste man diesen Quatsch sein lassen.

Die Nacht in Prag ist, so gesehen, ein Erfolg. «James Dean» heisst der erste Nachtclub, wir kommen umsonst rein, weil drinnen Männerüberschuss herrscht. Die Getränke sind billig, die Musik ist tanzbar, und der Nachschub an flirtwilligen Junggesellen praktisch endlos. Es ist sieben Uhr abends und taghell, als wir durch die Altstadtgassen nach Hause lärmen. Ich verdränge in dieser Nacht einfach, wie sehr die Prager unter dem Junggesellen-Tourismus leiden müssen. Oder dass sich Bar- und Restaurantbetreiber anderswo nicht mehr anders zu helfen wissen, als betrunkenen Horden wie uns den Zutritt zu verweigern. «Aus einem letzten Aufbäumen vor der Ehe ist eine Olympiade der Peinlichkeiten, der Aggression und der Zerstörungswut geworden», heisst es in einem Manifest von 15 Wirten aus dem deutschen Regensburg, die Junggesellen­abschiede nicht mehr dulden.

Das ist nicht schön. Und eigentlich müsste man diesen Quatsch sein lassen. Trotzdem: Ein Junggesellinnenabschied hat nun mal seinen ganz eigenen Charme (sofern sich der schlechte Geschmack in Grenzen hält). Wie oft gelingt es schon, die über die Welt verteilten Freundinnen am selben Ort zur selben Zeit zu versammeln? Ohne den Druck eines Hochzeitsrituals wohl nie. Junggesellinnenabschiede können deshalb wunderbare Freundschafts-Updates sein.

Am nächsten Tag wieder im Hier und Jetzt: Nach einem langen Frühstück lassen wir uns durch Prag treiben, essen tschechische Spezialitäten, mühen uns die Burg hinauf und stolpern in ein Salsa-Festival unter freiem Himmel. Vereint in glücklicher Übermüdung bedauern wir die Männergruppen, die ihre Bräutigame im Kostüm über die Karlsbrücke jagen, wie einen Hund am Halsband führen oder sie zwingen, in Unterhose Salsa zu tanzen. Alles müssen wir den Jungs wirklich nicht nachmachen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.07.2017, 20:04 Uhr

«Rough Night»

Scarlett Johansson poltert mit

Der Junggesellinnenabschied ist derzeit auch in den Kinos ein Thema: Eine aufstrebende Politikerin, gespielt von Scarlett Johansson, tobt sich exzessiv mit vier Freundinnen (Kate McKinnon, Ilana Glazer, Jillian Bell, Zoë Kravitz) aus – am Ende der Sause liegt ein Stripper tot in der Wohnung. Die Leiche muss nun schleunigst weggeschafft werden. Über die Nacht reitet frau sich immer tiefer in
den Schlamassel.

Vor 20 Jahren spielte die Komödie «Very Bad Things» dasselbe Szenario mit fünf Männern und einer versehentlich an einem Kleiderhaken aufgespiessten Stripperin durch. Im «verweiblichten» Abklatsch der Regisseurin und Drehbuchautorin Lucia Aniello (TV-Serie «Broad City») manövriert sich nicht nur die Freundesclique in eine ausweglose Situation, sondern auch das Drehbuch, das sich einfach nicht traut, richtig schwarzhumorig zu sein. (ase)

In Zürich zu sehen in den Kinos Arena, Abaton und Corso.

Trailer «Rough Night»

Trailer «Very Bad Things»

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