Der Schiedsrichter im Krisengebiet Schule

Der Notfallpsychologe Michael Freudiger arbeitete in Ruanda mit Opfern und Tätern des Völkermords. Heute vermittelt er an Schweizer Schulen im Konfliktfall zwischen Lehrern und Eltern.

«Für die Betroffenen in den Schulen ist auch eine scheinbar kleine Krise eine grosse Krise», sagte Michael Freudiger. Foto: Urs Jaudas

«Für die Betroffenen in den Schulen ist auch eine scheinbar kleine Krise eine grosse Krise», sagte Michael Freudiger. Foto: Urs Jaudas

Lynn Scheurer@Ciao_Lynn

Acht Krisen liegen auf Michael Freudigers Pult. Ein rotes Mäppchen für jedes Krisengebiet; es sind Schulen, die alleine nicht mehr weiterkommen. Freudiger hilft, wenn Konflikte zwischen ­Eltern und Lehrern verfahren sind. Dem 44-jährigen Psychologen bei der Arbeit zuzusehen, ist nicht möglich: Schulen wollen bei einer Krise keine Gäste.

Also erzählt Freudiger, ein grosser Mann mit kleinen, freundlichen Augen, in seinem Büro in Winterthur von einem typischen Fall an einer Deutschschweizer Schule. Ein Knabe Ende vierter, Anfang fünfter Klasse wurde von den anderen Kindern ausgegrenzt. «Er war daran nicht ganz unschuldig», sagt Freudiger, «er hat provoziert.» Michael Freudiger erzählt in ruhigem Tonfall, macht beim Sprechen oft längere Pausen, scheint die Wörter in seinem Kopf zu sortieren. Von seinem hellen Büro aus hört man draussen Kinder schreien. Beim Fussballspielen hatte es besonders oft Streit zwischen dem Knaben und den anderen Kindern gegeben; Rempeleien, Schlägereien. Nach jeder Pause musste der Lehrer eine halbe Stunde lang klären, was vorgefallen war. Für die Eltern der anderen Kinder war klar: Den Knaben sollte man ins Heim schicken. Manche verboten ihren Kindern, mit ihm zu spielen. Als er die Jacke eines anderen Kinds verschmutzte, forderten die geschädigten Eltern Geld von seinen Eltern. Die Situation war verfahren. Der Schulleiter handelte erst, als er merkte, dass der Klassenlehrer kurz davor war, zu kündigen. Ein Elternabend wurde einberufen und Michael Freudiger herbeigerufen. Und der sagte den Eltern etwas, das sie nicht gerne hörten: «Ihre Kinder sind an ­dieser Situation nicht unschuldig.»

Zweite Chance

Freudiger stellte folgende Regel auf: Stört der Knabe beim Fussballspiel in der Pause, erhält er eine Rote Karte, muss das Spielfeld verlassen – und erhält am nächsten Tag eine neue Chance. Für die anderen Kinder galt dasselbe. Die Mitschüler hätten damit eine konkrete Möglichkeit, auf störendes Verhalten zu reagieren. «Das Verhalten muss für die Strafe entscheidend sein, nicht die Person.» Danach sei ein Ruck durch die Klasse gegangen. Zwar sei der Junge auch heute nicht der Beliebteste, aber er habe Anschluss gefunden. «Die Kinder lenkten schneller ein als die Eltern.»

Vergessen und vergeben können. Dieses Thema war bei Michael Freudigers früherer Arbeit omnipräsent. Nach Einsätzen in Tansania und Pakistan arbeitete er mehrere Monate lang in Ruanda. Der Genozid war seit 15 Jahren vorbei, aber immer noch spürbar. Zu der Zeit wurden viele Täter aus dem Gefängnis entlassen und zogen zurück in die Dörfer, in denen auch ihre Opfer wohnten. Freudiger schulte lokale Psychologen und Freiwillige darin, mit den traumatisierten Menschen umzugehen, um ihnen ein friedliches Zusammenleben zu ermöglichen. Die Zeit in Ruanda habe ihn am stärksten belastet, sagt Freudiger. «Das Misstrauen ist 24 Stunden pro Tag präsent.» In der Bar, wo der Kellner das Bier vor dem Gast öffnet, um zu ­zeigen, dass es nicht vergiftet ist. An der Bushaltestelle, wo die Wartenden sich zuerst versichern, dass der andere kein Messer trägt.

Er mag Menschen, denen nicht alles gelingt

Aber Freudiger war geübt im Umgang mit schwierigen Situationen und Menschen. Nach seinem Psychologiestudium hatte er mit Drogensüchtigen ge­arbeitet. «Es gab damals einfach keine ­anderen Stellen», sagt er und lacht. Er machte die Arbeit dann sieben Jahre lang und merkte, dass er Menschen mag, denen nicht alles gelingt.

Psychologie studiert hatte Freudiger auch, weil er nicht Lehrer werden wollte wie seine Eltern und Brüder. Über Umwege ist er nun doch in der Schule gelandet. Und dort ist die Nachfrage nach ­einem neutralen Vermittler gross. Konflikte sind keine Seltenheit. Oft sind es Mobbingfälle in der Klasse, die zu Streit zwischen Eltern und Lehrern führen. Eine Zürcher Lehrerin hat Freudiger bei einem solchen Fall an ihrer Schule erlebt. «Durch seine neutrale Position kann er sich mehr erlauben als die Schulleitung und die Lehrer, er hat keinen Ruf zu verlieren», sagt sie. Freudiger hatte die Moderation eines Elternabends übernommen und die Eltern direkt mit Namen angesprochen, nachgefragt: «Was erzählen Sie Ihrem Kind vom heutigen Abend?» Er sei «völlig ruhig» geblieben, als eine der Mütter schreiend Schule und Lehrer beschimpfte.

Gerade in Schulen mit vielen gebildeten Eltern komme es oft zu Konflikten, sagt Freudiger ohne eine Spur wertenden Tonfalls. «Das ist die negative Seite der Involviertheit: Eltern möchten mitreden, schreiben Mails, die zu Missverständnissen im Dorf führen, reden vor ihren Kindern schlecht über Lehrer und andere Eltern oder nehmen sich wegen eines kaputten Velos einen Anwalt.» Aus der Ruhe scheint ihn das alles nicht zu bringen. Meist könne er beide Seiten ­eines Konflikts verstehen, sagt er. Und ihm sei klar: «Für die Betroffenen ist auch eine scheinbar kleine Krise eine grosse Krise.»

80 Deutschschweizer und vor allem Zürcher Schulen vertrauen auf ihn und sein Team. Sie haben bei seiner Firma einen Supportvertrag, bezahlt wird das aus dem allgemeinen Schulbudget. Im Gegenzug erhalten die Schulen günstigere psychologische Unterstützung in einer akuten Krisensituation – etwa beim Tod eines Schülers oder Lehrers – oder bei anhaltenden Konflikten. Jemand aus seinem 19-köpfigen Team ist rund um die Uhr auf Abruf bereit, oft ist es Michael Freudiger selbst. Das stört ihn nicht. In Afrika habe er gelernt, dass es «keine Arbeitszeiten gibt, nur Lebenszeit», sagt er. Diese Gelassenheit bringt Freudiger heute in Schweizer Schulzimmer – und ist sich bewusst, dass auch er nicht alle Situationen lösen kann.

DerBund.ch/Newsnet

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