Der Penis als Pädagoge

In der Kuppelsendung «Naked Attraction» lassen sich Kandidatinnen und Kandidaten nackt beurteilen. Das ist nicht so schlimm, wie es klingt.

Dating mal umgekehrt: Bei Minute vier fahren die Vorderseiten der Boxen hoch bis auf Bauchnabelhöhe. Foto: RTL2

Dating mal umgekehrt: Bei Minute vier fahren die Vorderseiten der Boxen hoch bis auf Bauchnabelhöhe. Foto: RTL2

Lynn Scheurer@Ciao_Lynn

Brüste, Penisse, Pos, Schamlippen: Diese Sendung beginnt mit sehr nahen Aufnahmen. Dann tritt Moderatorin Milka auf, einigen noch bekannt aus Viva-Zeiten. Sie trägt einen langen Blazer. Neben ihr Single-Frau Holly aus Hamburg, ebenfalls angezogen. «Das Wichtigste», sagt Holly, «ist für mich das Zwischenmenschliche. Ja klar, hier ist das ein bisschen doof.»

Hier, das ist im Studio der RTL2-Sendung «Naked Attraction». Doof, weil das Zwischenmenschliche nicht vorkommen wird. Die Kandidaten bewerben sich bei Holly nicht mit Humor oder Charme, sondern mit ihren nackten Körpern. Was für ein blödes Konzept, denkt man sich. Und schaut weiter.

Was für ein blödes Konzept, denkt man sich. Und schaut weiter.

In geschlossenen Boxen stehen sechs nackte Männer. Bei Minute vier fahren die Vorderseiten der Boxen dann hoch bis auf Bauchnabelhöhe. Milka und Holly lachen und gehen zur lila Box, wo zwei stämmige Beine und ein rasierter Penis warten. Milka: «Was gefällt dir an ihm?», Holly: «Es sind auf jeden Fall männliche Beine.» Zur nächsten Box, Milka: «Jetzt haben wir hier einen eher . . . kurzen Penis». Holly: «Ausprobieren kann man immer.» Der Mann lässt sein Glied hin und her baumeln. Das bringt die beiden Frauen zum Lachen. Dann kommt Werbung. Als Nächstes werden Pos, Oberkörper, Gesichter und ganz am Schluss die Stimme enthüllt.

Dann stehen aber nur noch zwei Männer da, Holly hat in jeder Runde jemanden gehen lassen: «Du bist leider von der Körpergrösse etwas zu klein für mich.» Wer abgewählt wurde, sagt, was wohl ein RTL2-Produzent vor­gekaut hat: «Das war eine total spannende Erfahrung.» Zum Schluss sieht man die Männer dann angezogen und erfährt ihren Beruf. Das fühlt sich seltsam an.

Zum Schluss sieht man die Männer dann angezogen und erfährt ihren Beruf. Das fühlt sich seltsam an.

Laut RTL2 soll aber genau diese Umkehrung der normalen Reihenfolge, das viel zu frühe Auftreten der Nacktheit, die Anspannung zwischen den Geschlechtern vertreiben. «Dating war noch nie so kompliziert wie heute», mit dieser Behauptung beginnt die Sendung jeweils montags um 22.15 Uhr. Schuld ist: das Internet, die grosse Auswahl und die Kleider, die vortäuschen und kaschieren. Wer ist heutzutage schon so blöd und entscheidet sich, bevor er das Produkt genau begutachtet hat?

Nun kann man sagen, dass diese Beurteilung von nackten Körpern geschmacklos sei. Dass RTL2 die Kandidaten nicht vor sich selber schütze und sie wohl auch noch schlecht bezahle. Dass Menschen auf Haut und Haare reduziert würden. Und: Die Chance, sich in jemanden zu verlieben, steigt nicht, nur weil man erst dessen Penis oder Po studiert hat. Dieses Vorgehen macht den Dating-Prozess nicht einfacher. Denn hat Mann oder Frau in der Sendung einen Kandidaten ausgewählt, folgt ein Date, bei dem man sich wünscht, die beiden würden sich wieder ausziehen und über Pos und Taillen philosophieren. Da gäbe es wenigsten Gemeinsamkeiten.

Selbstbewusst, trotz Rasurpickeln

Trotzdem: Die Sendung hat etwas Gutes. Sie zeigt, wie nackte Menschen aussehen. Klein, gross, dick, dünn, rasiert, behaart, von etwa 20 bis etwa 50 Jahre alt. Angesichts operierter Porno- und gefilterter Instagram-«Stars» möchte man die Kuppelshow beinahe zu einem humanistischen Statement verklären. Schaut her: So sind wir! Selbst­bewusst, trotz Cellulite und Rasurpickeln. RTL2 ist sich dessen bewusst, kann sich als progressiv verkaufen und gleichzeitig die Schaulust des Zuschauers befriedigen.

Angesichts operierter Porno- und gefilterter Instagram-«Stars» möchte man die Kuppelshow beinahe zu einem humanistischen Statement verklären. 

Aufregen sollte man sich über «Naked Attraction» nicht, denn die Nacktheit ist so simpel und platt, dass ihr Reiz schnell verfliegt. Wie in der Sauna oder beim FKK-Strand. Spätestens bei Folge vier hat man das Gefühl, jede Variante von Hodensäcken und Schamlippen gesehen zu haben – und die Sendung wird langweilig. Aber immerhin hat sie unseren verdorbenen Augen gezeigt, wie der Schreiner, die Kassierin und der Informatiker aussehen. Und letztlich auch wir selbst.

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