Der Mann, der niemals stirbt

Hintergrund

Am Mittwoch startete in Walenstadt das Tell-Musical. Und sowohl in Altdorf als auch in Interlaken gibts diesen Sommer Tellspiele. Für eine Gestalt, die nie gelebt haben soll, ist unser aller Wilhelm Tell recht lebendig.

Freiheitstell, Naturmann, Tyrannentöter: Tell – und sein Walterli – als Statue in Bürglen UR.

Freiheitstell, Naturmann, Tyrannentöter: Tell – und sein Walterli – als Statue in Bürglen UR.

(Bild: Keystone Urs Flüeler)

Thomas Widmer@ThomasWidmer1

Bemerkenswert, wie diese Geschichte prickelt und moussiert. Sie ist ja doch 700 Jahre alt – und beschränkt sich auf eine knappe Handlung über zwei, drei rasante Tage: Gesslers Hut auf der Stange, Tells Verweigerung, der Apfelschuss, Tells Gefangennahme, die Flucht vom Boot, das Attentat auf Gessler.

Und ist die Geschichte wahr? Oder ist sie erfunden?

Wilhelm Tell hat auf jeden Fall ungebrochene Präsenz im Lande. Derzeit ist er besonders gegenwärtig: Die Tellspiele in Interlaken sind im Gang, die in Altdorf starten bald. Und seit gestern läuft in Walenstadt ein Tell-Musical. Tell ist offensichtlich ein virulenter Stoff.

Auf dem Musicalplakat sehen wir ihn, wie wir ihn zu kennen glauben: bärtig, Heuerkapuze über dem Kopf, die Armbrust geschultert.

Umstrittene Armbrust

Just an der Armbrust scheiden sich die Geister. Ist eine Armbrust im ärmlichen Urnerland des ausgehenden 13. Jahrhunderts realistisch? Nie im Leben hätte ein Simpelbauer wie Tell eine derart exquisite Waffe besessen, hört man ab und zu.

Fachhistoriker kontern: Die Armbrust werde in vielen Kriegsberichten erwähnt, sie sei zu Tells Zeiten, gegen 1290 also, auch in der Urschweiz angekommen. Da hatte sie bereits eine Modernisierung durchlaufen, Spanner und Spannmechanismus wurden nun in Deutschland oder Italien aus Metall gefertigt. Ja, die Armbrust war Importgut, war teuer, war Statussymbol. Doch als hablicher freier Bauer hätte Tell eine solche Waffe besitzen können. Und sicher hätte er sie stolz herumgetragen.

«Am Beginn steht ein leibhaftiger Wilhelm Tell»

Gerade weil Tell eine Ikone ist, eine auf wenige Züge reduzierte Figur, werden diese Züge hartnäckig hinterfragt. Vielleicht das beste Tell-Buch stammt vom (verstorbenen) Waadtländer Historiker Jean-François Bergier; dem Bergier, unter dem eine Historikerkommission die Rolle der Schweiz im Zweiten Weltkrieg untersuchte.

Bergiers Methode in «Wilhelm Tell. Realität und Mythos» von 1988: Ding um Ding, Begebenheit um Begebenheit prüft er und sucht unwahr von wahr zu scheiden. Das Hinzugefügte vom Kern. Bergiers Fazit: «Ich bin zu der Überzeugung gelangt, dass es sich bei Wilhelm Tell schwerlich um ein reines Fantasiegebilde handeln kann.» Und: «Am Beginn steht, in meinen Augen gibt es da gar keinen Zweifel, ein leibhaftiger Wilhelm Tell.»

Die Tellos im Graubünden und Familie Tellon in Unterwalden

Freilich steht dieser Tell fast nackt da, nachdem ihn Bergier aller Falschheiten entkleidet hat. Der Vorname? Ein Allerweltsname par excellence, er kam wohl erst Ende des 15. Jahrhunderts dazu. Der Nachname? Eine Familie Tell figuriert im Urner Urkundenbestand nicht.

Das muss freilich nicht heissen, dass es Herrn und Frau Tell nicht gab. Immerhin lebten in Graubünden die Tello und in Unterwalden die Tellon. In Tells Gesellschaft wurde nur das Nötigste aufgezeichnet, Schenkungen etwa. Und politische Vorgänge samt den zugehörigen Amtsträgern. Solche Namen sind es, die wir heute kennen. Wir wissen etwa vom Grossbauern Burkhard Schüpfer aus dem Schächental, der in Tells Jahrzehnten als Landammann das Sagen hatte. Oder von den Clans der Gruoba und Izzelin, die sich blutig befehdeten. Reihenweise metzelten sich die Männer beider Seiten wie in einer sizilianischen Vendetta nieder. Als Schlichter musste 1257 Graf Rudolf von Habsburg einschreiten, der spätere römisch-deutsche König. Die Ordnungshüter, die er in Uronia (Uri) zurückliess, waren eine Generation später als Besatzer verhasst. Womit wir wieder bei Tell wären – und beim Habsburger-Repräsentanten Gessler.

Ein dänisches Märchen?

So manches an Tell ist nicht historisch. Seine Skeptiker und Hasser haben ihn darob ganz abgelehnt. Die Quellenlage ist tatsächlich wirr und vag. Klar, im Weissen Buch von Sarnen, circa 1470, kommt Tell vor. Ein Tellenlied besingt ihn etwa zur selben Zeit. Hundert Jahre später kombiniert der Glarner Historiker Aegidius Tschudi verschiedene Urschweiz-Stoffe zur grossen Erzählung und lässt Tell mit den drei Eidgenossen vom Rütli konspirieren; der Walterli, Tells Sohn, ist bei Tschudi übrigens noch ein Kind unbestimmten Geschlechts. Aus den Jahrzehnten aber, als Tell gelebt hat, wenn er denn gelebt hat, ist nichts überliefert. Einige Zweifler zweifeln deshalb gleich integral. 1760 nennen zwei aufklärerisch gesinnte Berner die Tell-Geschichte ein «dänisches Märchen».

In Altdorf rast man ob der Berner Schrift, ein Henker überantwortet diese dem Feuer. Doch deren Autoren haben ein starkes Argument: Just das zentrale Handlungsstück, Tells Apfelschuss, ist ahistorisch. Es ist aus Europas Norden eingeführt, wo der Apfelschuss lange vor Tell so manche Erzählung inspiriert hat. Die Umstände variieren. Einmal heisst der Held Toko; er ist kein Bauer, sondern ein königlicher Krieger und schiesst statt mit der Armbrust mit einem Bogen. Ein andermal heisst der Held Heming und schiesst auf eine Nuss. Ein drittes Mal schiesst ein gewisser Eindridi auf eine Schachfigur.

Urnerland nur dank Steuern entdeckt

Wenn wir alles später Beigefügte abziehen, resultiert der rohe, plausible, vielleicht gelebt habende Tell. Historiker Bergier siedelt ihn in der Endzeit der Herrschaft des erwähnten Habsburger-Königs Rudolfs I. an, der 1291 stirbt.

Das Urnerland zählt damals um die 8000 Menschen. Die Mächtigen haben noch gar nicht so lange Kenntnis von der Existenz des Tals an der Reuss. Erst die Begehrlichkeit nach mehr Steuern hat sie auf die Urschweiz aufmerksam gemacht – und auf deren bescheidenen Wohlstand: Um 1100 entspannt sich ein Warentausch zwischen den alpinen Gebieten und dem Mittelland samt seinen wenigen Städten. Die Landleute produzieren allmählich mehr, als sie selber brauchen. Die Urner Bauern vergrössern ihre Herden. Den nötigen Weideplatz nehmen sie sich oft mit Gewalt, sie sind berüchtigte Alpenbesetzer.

Urner haben den Gotthardpass zur europäischen Handelsachse gemacht

Die heutige Kantonsgrenze zeugt davon, die mancherorts nicht auf den Wasserscheiden der Pässe verläuft; über die Surenen etwa stiessen die Urner weit hinab nach Engelberg vor, bis dort, wo der Boden abflacht und das Kloster nah ist.

Tells Welt ist voller Spannungen, Gewalt, Begehrlichkeit. Die Grossmächte regieren hinein in die Geschicke seines Ländchens, die Gutsherren wollen ihren Anteil am Produzierten, die Klöster ihre Abgaben. Gut zwei Generationen vor Tell haben die Urner eine Tat europäischen Zuschnittes vollbracht: Sie haben die Schöllenenschlucht mit einem Steg über der Reuss gebändigt und so den Gotthardpass zur europäischen Handelsachse gemacht. Nun können sie Vieh in die Lombardei liefern.

«Zwentzig und hundert Schritt»

Allerdings machen die Urner auch Fürsten und Könige auf sich aufmerksam, die sich den neuen besten Übergang nach Italien sichern wollen. Am Schluss sind es die Habsburger, die sich entscheidend im Reusstal festkrallen. In Flüelen installieren sie einen Reichszoll. Gessler dürfte einer ihrer Ministerialen, also ein Beamter gewesen sein.

Am Ende der rudolfschen Jahre eskaliert die Unzufriedenheit der Urner mit den Habsburgern und ihren Vertretern. In jener Zeit mag es gewesen sein, dass der Tell, ein angesehener Bauer, von Bürglen hinab gen Altdorf zog, wo der Hut Gesslers auf der Stange sass und ... zitieren wir doch das Tellenlied zu jenem Apfelschuss, den Gessler erzwingt: «Zwentzig und hundert Schritt di musst er stan/ ein Pfyl uff sinem Armbrust han,/ da was gar wenig schertzen./ Er sprach zu sinem liebsten Sun:/ Ich hoff, es sol uns wol ergon,/ hab Gott in dinem Hertzen.»

Die dickköpfigen Urner

Tells Geschichte ist vielleicht wahr, sicher aber wahrscheinlich. Und sie ist vielseitig nutzbar. Nach der Niederlage von Marignano 1515, dem Ende des eidgenössischen Grossmachttraums, dient sie dazu, hiesiges Selbstbewusstsein aufzupäppeln. Sie kursiert beim Bauernaufstand 1653 im Entlebuch und Emmental. Rousseaus Anhänger sehen Tell als patriotischen Naturmann. Die Jakobiner der Französischen Revolution bejubeln das Prinzip Tyrannenmord. Die amerikanische Unabhängigkeitsbewegung pflückt sich die Befreiungsstory heraus. Und Max Frisch verwandelt die Urner in unsrer Moderne in Dickköpfe, die dem Neuen abhold sind; Gesslers Tod ist in Frischs «Wilhelm Tell für die Schule» Folge eines Missverständnisses.

Doch nicht einmal die Methode, den Mythos umzudrehen, kann ihm etwas anhaben. So lebt Tell weiter – momentan in den Aufführungen dieses Sommers.

Tages-Anzeiger

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