Der Bibeldeuter

Der Theologe Othmar Keel hat die Auslegung der Bibel revolutioniert. Heute forscht und sammelt der 77-jährige Freiburger für ein eigenes Bibel- und Orientmuseum.

«Wir Keels sind keine Dogmatiker», sagt Othmar Keel. Foto: Charly Rappo (Arkive.ch)

«Wir Keels sind keine Dogmatiker», sagt Othmar Keel. Foto: Charly Rappo (Arkive.ch)

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Othmar Keel wohnt in einem bescheidenen Haus in Freiburg. Zwei seiner vier Enkel sind zu Besuch. Doch im beschaulichen Dasein als Grossvater geht der Wissenschaftler nicht auf. Sein Reich liegt im Soussol, wo sich statt einer Garage zwei Büroräume befinden. Wer wie er die Büchergestelle mit lauter eigenen und von ihm initiierten Werken füllt, schreibt lebenslang, auch mit 77 Jahren noch. Wobei der Experte für altorientalische Kleinkunst eigentlich mehr am Bild hängt als am Wort.

Seit er 1964/65 mit der Vespa den ganzen Orient abfuhr, Ägypten, den Libanon, Syrien, Jordanien, den Irak und den Iran, ist die altorientalische Ikonografie seine Passion. Seine Amulette, Skarabäen oder Geldstücke füllen ein kleines Museum in der Universität Freiburg, wo er bis 2002 als Professor für Alttestamentliche Exegese und biblische Umwelt lehrte.

Ein typischer Keel

Der Traum des «Skarabäen-Manns», wie man ihn nennt, im Tour Henri, einem mittelalterlichen Wehrturm neben der Universität, ein grosses Museum zu eröff­nen, wird wohl Utopie bleiben. Immerhin konnte er soeben sein aus der Wissenschaft herausgewachsenes Bibel- und Orientmuseum erweitern, auf 17 Vit­rinen, die Figurinen, Reliefs, Skarabäen, Amulette, Rollsiegel und Münzen zeigen. An der Einweihung im Oktober gab sich selbst Bundesrätin Simonetta Sommaruga die Ehre. Sie ist Keels Nichte, die Tochter seiner Schwester Marie-Therese – «mein Göttikind. Von Haus aus schwer katholisch, ist sie aus der Kirche ausgetreten.»

Othmar Keels älterer Bruder war Daniel Keel, der verstorbene Diogenes-Verleger. Der Alttestamentler stellt sich gern in die Familientradition: «Wir Keels sind gegen alle scharfen Abgrenzungen, wir sind prinzipientreu, aber keine Dogmatiker.» Bruder Daniel habe NZZ und «Blick» gelesen und die tradierten Kategorien der E- und der ­U-Literatur zum Beispiel mit Krimis unterlaufen. Auch sein Urgrossvater, der Landammann und Nationalrat Johann Josef Keel, habe politisch ausgleichend gewirkt. Um die Radikalen nicht zu verärgern, habe er dafür plädiert, dass die Uni Freiburg nicht als «Institut Catholique», sondern als staatliche Universität errichtet werde.

Sich selber sieht der dreifache Ehrendoktor als interdisziplinären, grenzüberschreitenden Menschen, frei von Dogmatismus. Was in der römisch-katholischen Kirche bisweilen eher irritiert als ergötzt. Von Dritten musste Keel erfahren, dass die Schweizer Bischöfe von ihm sagten, er sei wohl ein guter Religionsgeschichtler, aber kein Theologe. Was man Keel zufolge gar nicht trennen kann. Die Bischöfe sahen es wohl nicht sehr gerne, dass er «die Auslegung der Heiligen Schriften Israels revolutionierte», wie es im Communiqué hiess, als er 2005 den Marcel-Benoist-Preis ­erhielt, als erster Theologe notabene.

Gemeint ist seine ikonografische Methode, die es erlaubt, von den Bildern und Symbolen der altorientalischen Umwelt her die Sprachbilder des Alten Testaments aufzuschlüsseln, etwa die erotische Bildwelt des Hohelieds. Keel nahm historische «Bohrungen zu einzelnen Motiven» wie Vogel Strauss, Gazelle oder Seerosen vor. Damit gelang es ihm, theologische Deutungen von Texten zu geben, die vorher nicht erklärt werden konnten. 1992 verfasste er die erste Religionsgeschichte Israels, die allein auf ­religionsgeschichtlichen und nicht auf kanonisch-biblischen Quellen beruht und heute als Standardwerk gilt. Inzwischen hat seine «Freiburger Schule» an den Universitäten Bern, Zürich, Atlanta, Helsinki, Stellenbosch, Tel Aviv und Jeru­salem Fuss gefasst.

Der Alttestamentler erinnert sich, dass er schon im Gymnasium, gleichsam als feministischer Theologe avant la lettre, einen Aufsatz über das patriarchale Konstrukt eines rein männlichen Gottes verfasst hatte. «Wenn Gott aber den Menschen wirklich nach seinem Bilde als Mann und Frau erschaffen hat, dann müsste es doch auch in der Trinität eine weiblich-mütterliche Person geben», erklärt er. Viel später machte Keel in seiner Ausstellung «Gott weiblich» anschaulich, wie die Sakralkunst im Kontrast zur Theologie die Maria zur Quasi-Göttin erhob und oft ohne Kind darstellte. Mit Statuen und Bildern von Aschera konnte er zeigen, dass die kana­näische Göttin bis ins 7. Jahrhundert vor Christus die Partnerin des jüdi­schen Gottes Jahwe war. Doch die patriarchale Theologie warf Aschera vom Thron und aus dem Tempel. Dabei würde laut Keel die heidnisch-kananäische Religion mit ihrer Sensibilität für die Natur und ihrem unbefangenen Verhältnis zur Erotik den patriarchalen Reli­gionen so guttun.

Othmar Keel mahnt immer wieder an, dass die israelitische Religion aus der kananäischen hervorgegangen ist, wie das Christentum aus dem Judentum. So wie aber das Christentum sich in ­erbittertem Streit, mit fürchterlichen Konsequenzen, von seiner Mutter, dem Judentum, trennte, so hatte sich auch das Judentum im 6./7. vorchristlichen Jahrhundert von seinem kananäischen Ursprung gewaltsam gelöst. Um diese Brüche zu heilen, betreibt der Alttestamentler «vertikale Ökumene»: «Sie sieht die verschiedenen Folgereligionen als Generationen, als Stockwerke eines Turms.»

Auftritte gegen die SVP

Auch der Clash mit dem Islam liesse sich laut Othmar Keel mittels der vertikalen Ökumene abfedern: «Der Islam ist aus dem Judentum entstanden. Was hat er denn Eigenes gegenüber dem Judentum?» Doch solche vertikale Ökumene würde laut Keel «viel Aufgeklärtheit und Emanzipation von Dogmatismus» verlangen und wohl selbst die gemässigten Schweizer Muslime abschrecken; dies, weil sie auf eine Relativierung des reli­giösen Systems hinausliefe.

Just wegen der frauenfeindlichen und homophoben Züge im Islam hat sich Keel anfänglich gegen das Islam-Zent­rum an der Theologischen Fakultät in Freiburg gewehrt. Er befürchtete, dass dadurch die dortigen konservativen Kräfte gestärkt werden könnten. Jetzt aber, angesichts der SVP-Initiative gegen das Islam-Zentrum, macht sich Keel in den Medien stark dafür. «Man muss die Gesprächswilligen integrieren und darf nicht dem Zentralrat in die Hände arbeiten.» Auch daran zeigt sich, dass sich die Theologie, so wie Keel sie versteht, nicht im Elfenbeinturm verschanzen darf.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.02.2015, 18:50 Uhr

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