Das Gericht tagt hinter verschlossenen Türen

Die Gerichtsberichterstattung im Fall Kachelmann ist zur Skandalstory verkommen. Das ist Ausdruck des Zeitgeists und einer Justiz, die sich der Öffentlichkeit entzieht.

Informationssperre: Weil das Landgericht Mannheim keine Details zum Fall Kachelmann veröffentlicht, kaufen manche Medien exklusive Zeugenaussagen.

Informationssperre: Weil das Landgericht Mannheim keine Details zum Fall Kachelmann veröffentlicht, kaufen manche Medien exklusive Zeugenaussagen. Bild: Vario Images

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Die Unterhaltung ist lausig; das Drehbuch zäh; die Entertainer lahmen. Längst haben die Medien der Gerichts-Show in Mannheim den Rücken gekehrt, um nach eigenem Gusto zu ermitteln. Hier peppen sie die Story mit eine Zeugin auf, die exklusiv gegen viel Bares aussagt. Dort bauen sie einen Nebendarsteller zum Helden oder zur Niete auf. Das eine Blatt solidarisiert sich mit dem angeklagten Jörg Kachelmann, das andere mit seinem mutmasslich vergewaltigten Opfer. Und damit die Sache in Schwung bleibt, fährt man sich auch gegenseitig an den Karren: «Bunte» gegen «Frankfurter Allgemeine Zeitung», «Spiegel»-Gerichtsreporterin Gisela Friedrichsen gegen «Bild»-Mitarbeiterin Alice Schwarzer.

Tiefpunkt der Gerichtsberichterstattung? Ja, schon. Aber auch Notwehr der Medienschaffenden. Nur die saftige, zügig abgehandelte Story findet heute noch Interesse. Nur für menschliche Abgründe und Tragödien schaufeln die Redaktionen Platz frei im Blatt – und dies gleich seitenweise und über Monate hinweg. Schliesslich möchte die Leserschaft – wie beim Fussballmatch – dem Ausgang entgegenfiebern und Sieg oder Niederlage des eigenen Favoriten bejubeln oder verfluchen.

Irrungen, Wirrungen

Nun war die Gerichtsberichterstattung schon immer Spiegelbild der Gesellschaft. Vor 1968 erwiesen sich die meisten Prozessbeobachter als stramme Vertreter von Law and Order. Ausführlich zitierten sie den Staatsanwalt; die Urteile der Richter waren über jeden Verdacht erhaben – der Angeklagte und seine Sicht der Dinge kaum eine Zeile wert.

In den Achtzigerjahren wurden die Medienbänke von bunten Figuren gestürmt und die Gerichtssäle zum Schlachtfeld der politischen Meinung. Die meisten Journalistinnen und Journalisten wollten Kumpel der damaligen Helden sein, ob sie nun Walter Stürm, Harald Naegeli oder Marco Camenisch hiessen. Die Gerichtsberichte verwandelten sich in kaum verhüllte, flammende Bekennerschreiben, sofern die Zeitung dies zuliess, oder wenigstens in augenzwinkernde Sympathiebeweise.

In den Neunzigerjahren erlebte die Gerichtsberichterstattung eine weitere Wende. Ein Viertel aller Prozesse waren inzwischen Betäubungsdelikte, die sich glichen wie ein Ei dem andern. Jetzt galt es, die Rosinen im öde gewordenen Gerichtsalltag zu finden. Jetzt war es nicht mehr der juristisch interessante Fall, der zählte. Jetzt war es die interessante Geschichte, die gute Story, die sich zum spannenden Lesestück, zum Volkstheater aufmotzen liess. Mal amüsiert, mal gerührt, präsentierten die Berichterstatter die Irrungen und Wirrungen der vom Schicksal arg gebeutelten Angeklagten ihrer Leserschaft: Seht her, so bunt geht es in unserer Welt zu und her.

Inzwischen sind auch die kleinen Fische passé. Heute interessieren nur noch die spektakulären Fälle mit ihrem Mix aus Sex, Gewalt und Geld. Dann freilich fallen die Medien gleich zu Hunderten in die Justizpaläste ein, schwingen kriegerisch Mikrofonstangen und Kamerastative und betrachten die Richter als Lieferanten von Skandalstorys mit Unterhaltungswert.

Nur keine Aufpasser im Saal

Diese Boulevardisierung bleibt nicht ohne Wirkung auf das Ansehen unserer Gilde. Hauptamtliche Schweizer Gerichtsberichterstatter kann man inzwischen an einer Hand abzählen. Nachwuchs ist kaum in Sicht. Denn das strebsame Jungtalent lernt rasch: Mit Gerichtsreportagen macht es keine Karriere. Die Kollegen, die aus Bern, Bonn oder der Börse berichten, rangieren in der Redaktionshierarchie höher. Kein Wunder, sitzt Jahr für Jahr eine neue Riege junger California-Blondinen und smarter Jünglinge, häufig Volontäre, in den Medienbänken.

Doch Anfänger tun sich schwer damit, einen Fall in einen historischen oder analytischen Zusammenhang zu stellen. Schwierig zu fassende juristische Verästelungen, aufkommende Zweifel oder Unklarheiten kippen sie lieber gleich vom Bildschirm. Erstens stören sie den glatten Lauf der Story, zweitens sind sie gefürchtete Fehlerquellen, und wer will sich schon mit mangelndem juristischem Know-how blamieren? Da solch ausgedünnte Berichte immer nichtssagender werden, publizieren inzwischen viele Lokalzeitungen – kürzer und billiger – nur noch das reine Strafmass.

Hofberichterstattung

Vielen Richtern ists recht. Sie haben von der Gerichtsberichterstattung nie viel gehalten – und die jüngste Entwicklung bestätigt ihre Ansicht. Entweder sie wollen gar keine Aufpasser im Saal. Oder sie halten sich – besonders in kleineren Orten – einen Journalisten, auf den Verlass ist. Man kennt sich, und dies seit Jahren. Ist in der gleichen Partei. Trifft sich beim Reiten oder Jassen im Rössli.

Natürlich würden alle Beteiligten energisch bestreiten, dass solche Vertrautheit ihre Arbeit beeinflusst. Sicher. Sie zeichnet sich eher durch eine Art Grundströmung des Wohlwollens ab. Der Richter, die Richterin sehen ihre Anliegen vom Journalisten umsichtig behandelt. Dem kleinen Ego des Gerichtsreporters und der Gerichtsreporterin schmeichelt die richterliche Vertraulichkeit. Sie werden sich hüten, ihren Informanten durch eine kritische Gerichtsberichterstattung zu verärgern. Zumal sie sich längst an die Sitten und Unsitten des Hauses gewöhnt haben. Zum Beispiel an die Art und Weise, wie ihr Richter und Jasspartner nach dem Mittagessen seinen Kopf so kunstvoll in die Hand zu betten pflegt, dass er im bequem gepolsterten Richtersessel nur nachzudenken statt zu schlummern scheint.

Ohne einen einzigen Zeugen

Solch stille, alteingespielte Allianzen werden freilich immer seltener. Die meisten Gerichte heute empfinden Kontakte zu den Medien als unfein, ja, als unstandesgemässes Paktieren mit dem Feind. Zwar können sie ihr Auftauchen im Gerichtssaal nicht verbieten. Aber sie können ihnen die Arbeit erschweren. Zum Beispiel mit einer kargen Befragungstechnik. Ein Paradebeispiel solch richterlicher Abschreckungstaktik lieferte das Luzerner Kriminalgericht im Prozess gegen den sogenannten Todespfleger. Der Gerichtspräsident absolvierte die persönliche Befragung gewissermassen mit der Stoppuhr in der Hand. Nur gerade sein Geburtsdatum liess er den angeklagten Pfleger bestätigen. Und dass er auf dem Polizeiposten korrekt behandelt worden war. Auf diese Weise schaffte es der Präsident locker, 24 Tötungen und 3 Tötungsversuche in sechs Stunden durchzupeitschen.

Das vorgelegte Tempo erlaubte keine Zeugeneinvernahmen. Keine Opferangehörigen sagten aus über das Verhalten des Angeklagten; keine Kolleginnen sprachen über die Arbeitsbedingungen im Betagtenheim. Kein Heimleiter erklärte, wie es in seinem Haus zu solchen Taten kommen konnte. Kein Psychiater, kein Arzt trat auf, und auch die Amtsstellen schwiegen. Damit wurde die beispiellose Tötungsserie zum ganz persönlichen, allein von Pfleger geschaffenen Problem. Und für die anwesende Presse zur Katastrophe. Sie hatte nichts in der Hand, um der Leserschaft zu erklären, wie Urteil und Strafmass zustande kamen – eigentlicher Sinn und Zweck jeder Gerichtsberichterstattung. Geschweige denn konnte sie jene Nachdenklichkeit schaffen, die deutlich macht, dass jedes Verbrechen vor allem eines ist: ein Unglück.

Lokale Gepflogenheiten

Die zufällige Gerichtsberichterstattung durch rasch wechselndes Medienpersonal bringt es mit sich, dass kaum noch Justizkritik stattfindet. Niemand weiss, ob eine Strafe verhältnis- oder unverhältnismässig ist. Niemand zeigt auf, wie wandelbar das Recht ist, welchen – zum Beispiel – geografischen Zufällen es gehorcht. Die Strafen in der französischen Schweiz sind, bei gleichen Vergehen, allgemein höher als in der deutschsprachigen. Auf dem Land werden Drogendelikte härter geahndet als in der Stadt. Im Wallis kommen Raser glimpflicher davon als im Aargau.

Auch die richterlichen Umgangsformen ändern von Kanton zu Kanton. Hier wird der Angeklagte gegrüsst; dort blättern die Richter und Richterinnen bei seinem Erscheinen stumm in den Akten. Hier darf der Angeklagte sitzen bleiben; dort muss er stramm Haltung annehmen. Hier spricht man ihn als mündigen Erwachsenen an, dort kanzelt ihn ein chronisch verdrossener Vorsitzender ab wie einen Rekruten. Hier befragt man ihn eingehend nach seiner Jugend und seinem Werdegang; dort lässt man ihn geradewegs von der Schulbank weg kriminell werden und stellt ihn damit als geborenen Verbrecher hin, der weder Verständnis noch Schonung verdient.

Jede Frage eine Zumutung

Inzwischen hat die Öffentlichkeitsscheu der Justiz eine neue Höchstmarke erreicht. An ahnungslose, sensationslüsterne oder dem Recht gegenüber gleichgültige Medien gewöhnt, verstärkt sich im Schweizer Richter die Überzeugung: Er ist niemandem Rechenschaft schuldig, am wenigsten den Schreiberlingen. Hoch bezahlt und unabwählbar, thront er, abgeschottet vom Lärm der Welt, als gottähnlich unfehlbares Wesen hoch über den Wolken. Kritik fasst er als Majestätsbeleidigung auf, Fragen als Zumutung. Erfrecht sich ein Journalist, telefonische Auskunft über ein bevorstehendes Verfahren zu verlangen, ist der Zuständige leider am Telefon. Eine Stunde später ist er noch immer am Telefon und zwei Stunden später schon ausser Haus. Wers am nächsten Tag probiert, erfährt, dass der Referent eben in die Ferien gefahren ist.

Mancherorts muss auch die einfachste Frage schriftlich formuliert werden. Ob der Brief beantwortet wird, ist unsicher. Und wenn er beantwortet wird, dann nur, um mitzuteilen, dass er nicht beantwortet werden kann. So weit, so schlecht. Noch schlechter ist, wenn das Gericht für diese Nichtbeantwortung 250 Franken verlangt. In diesem Fall ging es um die Frage der «NZZ am Sonntag» an ein Berner Gericht zur Gefährlichkeit eines Täters. Der «Tages-Anzeiger» musste kürzlich sogar 6300 Franken dafür bezahlen, weil er sich erdreistete, Einblick in zwei Hirschmann-Entscheide zu verlangen. Das soll die Gilde lehren, der Justiz auf die Finger schauen zu wollen. Nur – wer tut es sonst?

Margrit Sprecher ist mehrfach preisgekrönte Schweizer Journalistin, Autorin und Jurorin journalistischer Preise. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.02.2011, 10:47 Uhr

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Die Autorin

Margrit Sprecher ist mehrfach preisgekrönte Schweizer Journalistin, Gerichtsberichterstatterin, Autorin und Jurorin journalistischer Preise.

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