Buben haben ein Image-Problem

Mädchen laufen Jungs den Rang als beliebteres Geschlecht ab. Trotzdem: Viele Mütter sind toleranter mit ihren Söhnen als mit ihren Töchtern.

Er wird immer Mamas Liebling sein – oder doch nicht?

Er wird immer Mamas Liebling sein – oder doch nicht? Bild: Getty Images

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Im Italienischen heissen sie nicht Muttersöhnchen, sondern viel schöner: «Mammoni». Erwachsene Männer, die Mamas Augenstern sind, sich von dieser bedienen lassen, die Wäsche machen, bekochen, die Wohnung aufräumen. Der Junge arbeitet doch so viel, sagen die Mütter mit diesem zärtlich-stolzen Blick, den sie für ihren Sohn reserviert haben, und essen soll er auch recht, damit er nicht vom Fleisch fällt. Dem Sohn ist das nicht peinlich. Er lässt sich diese Fürsorge gerne gefallen. Er mag das. Und seine Mutter mag es auch.

Beim Mammismo handelt es sich mitnichten um ein italienisches Phänomen. Und vor allem handelt es sich nicht um eines aus einer vergangenen Zeit, als Eltern sich noch unbedingt Söhne wünschten, weil Töchter nur ein hungriges Maul mehr am Tisch waren, das Geld kostete, aber weder als Stammhalter taugte noch als Erbe. Mammoni gibt es heute genauso wie damals und damit auch Mütter, die mit ihren Söhnen grosszügiger umgehen als mit ihren Töchtern. Oder sich etwas darauf einbilden, ausschliesslich Söhne zu haben – wie jene Amerikanerinnen, die sich «boy moms» nennen und erklären, diese Tatsache erfülle sie mit einem ganz besonderen Stolz. Vor Stolz platzende «daugther moms» sucht man vergeblich.

Dasselbe Verhalten wird unterschiedlich bewertet

2010 machte das populäre britische Online-Forum Netmoms eine Umfrage und wollte wissen, ob das, was keine Mutter zugibt, eventuell eben doch zutrifft: dass sie ihren Sohn im Vergleich zu ihrer Tochter bevorzugt behandelt. 2500 Mütter nahmen teil, und die überwältigende Mehrheit erklärte im Schutz der Anonymität frei von der Leber weg: Wir lassen unseren Söhnen Dinge durchgehen, die wir unseren Töchtern niemals durchgehen lassen würden. Wir verhätscheln sie. Ja, wir geben es zu: Wir bevorzugen sie.

Die Umfrage bestätigte zudem, was Studien seit Jahren aufzeigen: dass auch das Vokabular vieler Mütter durch das Geschlecht des Kindes beeinflusst ist, indem sie dasselbe Verhalten unterschiedlich bewerten. Bei Mädchen nennen sie etwa Sturheit «anstrengend», bei Buben sprechen sie von «Entschlossenheit». Es ist das, was Frauen nur zu gut kennen, wenn sie im Büro wegen des Beharrens auf einem Standpunkt als zickig gelten, Männer hingegen als durchsetzungsfähig.

Das Resultat der Netmums-­Umfrage war so bestürzend, dass die Gründerin betreten erklärte, nicht mit dieser Eindeutigkeit gerechnet zu haben, und ihre Leserinnen aufforderte, doch künftig besser auf eine gleichberechtigte Erziehung zu achten.

In Zeiten von #MeToo und der Allgegenwärtigkeit von erregt diskutierten Themen wie Sexismus, Gleichberechtigung und Quoten mutet dieses Bevorzugen von Söhnen tatsächlich seltsam an, genauso wie dieser merkwürdige Stolz auf sie, in der westlichen Welt erst recht. Dieselben Frauen, die die Gleichberechtigung für selbstverständlich halten und für sich in Anspruch nehmen, die dagegen protestieren, dass es für ihre Töchter nur T-Shirts mit rosa Glitzer und Prinzessinnen-Aufdrucken gibt, oder es sich energisch verbitten, im Beruf anders behandelt zu werden als die männlichen Kollegen, tappen bei der Erziehung in die Geschlechterfalle.

Denn Buben erhalten tatsächlich mehr Zuwendung, sagt auch Pasqualina Perrig-Chiello, emeritierte Berner Professorin für Entwicklungspsychologie. Als Erklärung müsse man gar nicht den Ödipus-Komplex bemühen, obschon es natürlich stimme, dass die Mutter für den kleinen Buben die erste Liebe sei. Es liege vielmehr daran, «dass die Buben diese grössere Zuwendung brauchen».

Männliche Säuglinge sterben häufiger als weibliche

Buben sind bedürftiger als Mädchen, weil sie eben gerade nicht das starke Geschlecht sind. Männliche Säuglinge sterben häufiger, es gibt mehr männliche Frühgeburten und überhaupt mehr Komplikationen mit männlichen Ungeborenen, männliche Babys werden länger gestillt. Sie fordern die Mutter mehr, sind anstrengender, auch weil sie wegen ihrer aggressiveren Art mehr Aufmerksamkeit brauchen.

Es sei, sagt Pasqualina Perrig-Chiello, wie mit dem Huhn und dem Ei. «Man kann das nicht eindeutig und abschliessend begründen. Es ist eine Wechselwirkung: Vermutlich spürt die Mutter die Verletzlichkeit des Buben, und der Bub nimmt diese zusätzliche Aufmerksamkeit dankbar an.» Gleichzeitig seien die Söhne anhänglicher und klammerten sich mehr an die Mütter, was diese wiederum dankbar aufnehmen würden – «erst recht, wenn die Töchter mit zunehmendem Alter ihr gegenüber eine Anti-Haltung an den Tag legen und ihr damit das Leben schwer machen».

Töchter grenzen sich spätestens als Teenager ab, ihre Pubertät ist oft heftig, die Ablehnung der Mutter total; Mädchen sind nicht nur früher autonom, sie wollen diese Selbstständigkeit auch leben. Der Gedanke, sich nach dem Ausziehen die Wäsche machen zu lassen, empfänden sie als Affront. Söhne nicht. Sie haben diesen energischen Ablösungsprozess nicht nötig, die Mutter ist keine Konkurrenz, niemand, mit dem sie sich messen wollen, weshalb die Beziehung keinen solch grossen Bruch erfährt. Und so kann es passieren, dass das Mutter-Sohn-Verhältnis sich nicht entwickelt, nie richtig erwachsen wird, auch dann nicht, wenn aus den Buben-Babys längst über 30-jährige Männer geworden sind. Mammoni eben.

Aus emotionaler Sicht sind Söhne dankbarer, weil sie sich länger umsorgen lassen, und damit den Müttern länger dieses Gefühl des Gebrauchtwerdens vermitteln, das diese oft so glücklicht macht.

Trotzdem laufen die Mädchen den Buben gerade den Rang ab, was die Beliebtheit der Geschlechter angeht. Auch wenn Eltern in der westlichen Welt auf die Frage, welches Geschlecht sie sich für das ungeborene Kind wünschten, stets beteuern, das sei ihnen egal (Hauptsache, gesund!), dann stimmt das nicht. Nicht, weil sie Söhne bevorzugten und sich das aus Gründen der politischen Korrektheit nicht zu sagen trauten. Sondern weil westliche Paare Töchter vorziehen.

Mädchen gelten als das Geschlecht der Zukunft

Das lässt sich sogar zahlenmässig belegen. Zum einen bekamen Paare, deren Erstgeborenes weiblich war, noch bis vor rund 15 Jahren mehr Kinder als Paare, deren Erstgeborenes männlich war – in der Hoffnung, das minderwertige Mädchen mit einem wertvollen Buben ausgleichen zu können. Dieser Effekt ist komplett verschwunden.

Zum anderen bestätigen genau das die gross angelegten amerikanischen Gallup-Befragungen, die seit 1941 unter anderem untersuchen, welches Geschlecht Eltern favorisieren. Bis ungefähr ins Jahr 2008 waren das, wenn auch mit abnehmender Deutlichkeit, die Buben. Dann drehte der Wind zugunsten der Mädchen. Und noch Konkreteres vermelden die US-Fruchtbarkeitskliniken, in denen im Unterschied zur Schweiz das Geschlecht des Kindes gewählt werden darf: 70 Prozent der Paare präferieren ein Mädchen, manche Kliniken berichten gar von 80 Prozent. Dieselbe Vorliebe manifestiert sich bei den Adoptionsverfahren, auch da sind Mädchen gefragter als Buben. Wie lässt sich das erklären?

Buben haben ein Image-Problem. Sie gelten, wie Pasqualina Perrig-Chiello, selbst Mutter von zwei erwachsenen Söhnen, sagt, «zu meinem grossen Leidwesen als Verlierergeschlecht»: Sie scheitern häufiger in der Schule. Sie leiden häufiger an ADHS. Junge Männer haben häufiger Ärger mit der Justiz, konsumieren häufiger Drogen, nehmen sich häufiger das Leben. Amokläufer sind männlich, Vergewaltiger sind männlich, Despoten sind männlich, alles, was derzeit schlechte Presse erhält, ist männlich.

Buben verkörpern Eigenschaften, die in einer Dienstleistungsgesellschaft immer weniger gefragt sind, selbst als Ernährer ist der Mann überflüssig geworden, und eine neue, moderne Rolle ist noch nicht gefunden. Die Mädchen hingegen gelten als das Geschlecht der Zukunft, dem die Welt zu Füssen liegt, das überall willkommen ist und gefördert wird. Eine Tochter zu haben, erscheint da offenbar vielen westlichen Eltern als attraktiver, weil ­erfolgsversprechender und nervenschonender.

Vielleicht zählen sie aber auch einfach darauf, dass sich eine Tochter im Alter einst eher um sie kümmern wird. Söhne sind da bekanntermassen weniger verlässlich und schicken dann lieber die Gattin – aller Mutterliebe zum Trotz.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 26.08.2018, 13:09 Uhr

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