Auf dem Rücken der Frau

Wer Redewendungen braucht, kann nicht schreiben. Eine Belehrung.

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Bei der NZZ steht alles auf dem ­Prüfstand, der Wirtschaftsmotor stottert, und das Mittelalter war kein Zuckerschlecken. Auf DerBund.ch/Newsnet durfte man lesen, die Armee sitze auf der Anklagebank, und der Bauch weine. Und wenn im Bundeshaus ein Ständerat dagegen ist, dass man Versicherungen, die Pharmaindustrie oder den Waffenhandel regulieren sollte, wird er mit Garantie sagen, man solle das Fuder nicht überladen.

Redewendungen sind der beste Beleg für schlechten Stil. Erstens haben die meisten Sprachbilder ihre Wirkung verloren. Wer weiss noch, was ein Lackmustest ist (Bestimmung des ph-Werts einer Substanz)? Was ­«im Schilde führen» bedeutet (das Wappen mittelalterlicher Adeliger auf ihren Schilden)? Was passiert, wenn man dem Affen Zucker gibt (man lässt die Sau raus)?

Zweitens verstecken solche Formulierungen, was sie verdeutlichen wollen. Statt den Amtsschimmel wiehern zu lassen, sagt man besser, wie umständlich eine Verwaltung vorgeht. Statt jemanden Asche auf sein Haupt streuen zu lassen, wüsste man lieber, warum der sich so schämt.

Zu faul oder zu dumm

Drittens geben manche Formulierungen eine inhaltliche Deutung, die man möglicherweise nicht beabsichtigte. Wer schreibt, die FDP wolle den Staat fitter machen, impliziert ungefragt und unbelegt, dass der Staat fett ist. Dabei könnte man genauso gut argumentieren, die FDP wolle den Staat zugunsten der Privatindustrie aushungern.

Vor allem aber signalisieren Rede­wendungen, dass der Autor oder die Autorin zu faul oder zu dumm ist, um eine eigene Sprache zu verwenden, um mit klaren Worten einen Gedanken zu formulieren. Kein guter Autor setzt auf Redewendungen. Er ist auch keine Edelfeder, schreibt nicht im stillen Kämmerlein und redet auch nicht, wie ihm der Schnabel gewachsen ist. Solches Zeug schreiben nur jene, die nicht schreiben können. Wenn schon blöd, dann kubistisch blöd wie einmal in der «Basler Zeitung»: «Man darf die juristischen Höhenflüge nicht auf dem Rücken der Frau ausbaden.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.09.2018, 21:56 Uhr

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