«Wer Kinder so ernährt, spielt mit ihrer Gesundheit»

Mangelernährung sei auch in der Schweiz häufig, sagt der Ernährungsfachmann Hans K. Biesalski. Vegane Ernährung bei Kindern lehnt er ab.

«Im Hamburger ist immerhin ein bisschen Fleisch und etwas Tomate»: Hans K. Biesalski über Fast Food. Foto: Getty Images

«Im Hamburger ist immerhin ein bisschen Fleisch und etwas Tomate»: Hans K. Biesalski über Fast Food. Foto: Getty Images

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Vegane Ernährung ist im Trend. Was halten Sie als Ernährungswissenschaftler davon?
Vegane Kost ist für Kleinkinder und Schwangere ein No-go und für alle anderen kritisch. In Frankfurt wurde kürzlich der erste deutsche vegane Kindergarten eröffnet – da sträuben sich mir die Haare. Wer Kinder so ernährt, spielt mit ihrer Gesundheit und ihrer Entwicklung.

Weshalb?
Bereits vor der Empfängnis eines Kindes beginnt das «1000-Tage-Fenster». Wie sich die Mutter vor und während der Schwangerschaft ernährt und was das Kind in seinen ersten drei Lebensjahren zu essen bekommt, stellt die Weichen für sein späteres Leben. Herrscht dann zum Beispiel Mangel an Nährstoffen, werden andere Gene aktiviert als bei einer ausgewogenen Ernährung. Es ist, als würden die Kinder in der Gebärmutter einen falschen «Wetterbericht» zur Lage draus­sen bekommen. Wenn sich die Mutter vegan ernährt, werden bei ihrem Kind die Weichen falsch gestellt.

Was bedeutet das konkret?
Eine kleine Studie hat zum Beispiel gezeigt, dass die Kinder unter fünf Jahren von Müttern, die sich vegan ernähren, kleiner sind als solche von Müttern, die Mischkost essen. Veganer nehmen oft zu wenig Zink auf. Ein Zinkmangel in den ersten ­Lebensjahren bremst das Längenwachstum. Nach dem fünften Lebensjahr wird das nicht mehr aufgeholt. Vermutlich gilt dasselbe noch für weitere Mikronährstoffe.

Was fehlt bei veganer Ernährung am ehesten?
Neben Vitamin B12 und Zink betrifft das auch Eisen, Jod und die Vitamine A und D. Jod und Eisen sind sehr wichtig für die Hirnentwicklung beim Kind. Bei einer Unterversorgung wird es das Potenzial, das es mitbringt, später möglicherweise nicht ausschöpfen können.

Wenn jemand kein Hüne wird, bedeutet das doch nicht automatisch, dass er zu wenig Nährstoffe bekommt?
Nein, beim Grössenwachstum spielen viele Dinge eine Rolle. Wir wissen aber, dass es ein Wohlstandszeichen ist, wenn die Menschen gross werden. Verknappen sich die Ressourcen, bildet der Körper weniger Wachstumsfaktoren.

Weltweit sollen 190 Millionen Kinder von diesem «Stunting», dieser Mangelernährung, betroffen sein. Wie ist es in westlichen Ländern?
«Stunting» gibt es auch bei uns. Im deutschen Bundesland Brandenburg beispielsweise sind die Kinder arbeitsloser Eltern fast zwei Zentimeter kleiner als Kinder von Eltern, die Arbeit haben. Das hat eine Untersuchung ergeben. Je mehr Kinder dort pro Haushalt leben, umso kleiner ist ihre Körpergrösse. Das sind Zeichen einer unzureichenden Ernährung.

Was hat die Arbeitslosigkeit der Eltern damit zu tun?
Geringes Einkommen führt dazu, dass günstig eingekauft werden muss, zum Beispiel Teigwaren. Diese Kinder bekommen sehr viele Kohlenhydrate. Das macht sie satt, ist in Bezug auf Vitamine aber wertlos. Bevor man ein Kind mit viel Kartoffeln sättigt, ist es besser, ihm ab und zu Fast Food zu geben.

Sie predigen Fast Food?
Nein, aber es ist immer noch besser, als Kindern ständig Kartoffeln oder Teigwaren vorzusetzen. Im Hamburger ist immerhin ein bisschen Fleisch und etwas Tomate. Was ich postuliere, ist eine ausgewogene Mischkost.

Wie erkennt man eine Unterversorgung mit Vitaminen und Spurenelementen?
Wenn ein Vitamin-D-Mangel zu Rachitis führt oder ein Vitamin-C-Mangel zu Skorbut, dann ist diese Krankheit das Endstadium des Mangels. Die Unterversorgung beginnt aber lange vorher mit Veränderungen, die wir nicht damit in Verbindung bringen. Kinder, die zu wenig Vitamin A oder Vitamin D bekommen, erkranken zum Beispiel öfter an Atemwegsinfekten. Kinder mit Zinkdefiziten leiden an Durchfall.

«Wir wissen, dass es ein Wohlstandszeichen ist, wenn die Menschen gross werden.»

Hilft es, die Werte von Vitaminen oder Spurenelementen im Blut zu bestimmen?
Das kann täuschen. In einem Versuch haben wir zum Beispiel Studenten 14 Tage lang so ernährt, dass sie keine Folsäure bekamen. Ihre Blutwerte für Folsäure sind aber angestiegen! Ähnliches lässt sich bei Zink beobachten.

Weshalb?
Weil der Körper im Mangelzustand bestimmte Substanzen aus manchen Geweben abruft und sie dorthin bringt, wo sie am dringendsten benötigt werden. Bei den meisten Mikronährstoffen gilt: «Die Musik spielt in der Zelle.» Deshalb sind die Blutwerte meist nicht sehr aussagekräftig. Das sind sie erst, wenn der Vorrat im Körper fast aufgebraucht ist. Aussagekräftiger sind 7-Tage-Protokolle, bei denen man notiert, was man isst und trinkt. Damit erkennt ein Fachmann rasch, welche Mikronährstoffe zu kurz kommen.

Kinder aus Familien mit geringem Einkommen sind häufiger übergewichtig. Wie passt das zur Unterversorgung?
Einer europaweiten Analyse zufolge bekommt ein erheblicher Anteil der Bevölkerung in Mitteleuropa von essenziellen Mikronährstoffen weniger als die täglich empfohlene Menge. An der Spitze stehen Vitamin D, Folsäure, Eisen, Zink, Vitamin B12, Kalzium, Selen, Jod und Vitamin C. In Deutschland etwa nehmen fast alle Menschen weniger Folsäure und Vitamin D auf, als empfohlen wird. Hinzu kommt, dass preisgünstige Lebensmittel in den meisten Fällen sehr fett und damit energiereich sind. Im Vergleich zu den teureren wie Obst, Gemüse, Milchprodukte und Fisch haben sie aber weniger Mikronährstoffe. Das begünstigt Übergewicht und Mangelernährung. Am stärksten von diesem «versteckten Hunger» betroffen sind die Kinder alleinerziehender Mütter mit kleinem Budget.

Weil sich diese Kleinfamilien gesundes Essen nicht leisten können?
Ja. Wir sprechen da vom «dual burden», einer zweifachen Belastung. In der Schweiz leben rund 108'000 Kinder in armen Verhältnissen, 262'000 gelten als armutsgefährdet. Bei ihnen sollten wir bei der Ernährung genau hinschauen. Eine kostenlose Mahlzeit pro Tag im Kindergarten oder in der Schule wäre zum Beispiel eine Lösung.

Welche anderen Gruppen sind von Unterversorgung betroffen?
Alte Menschen und solche mit chronischen Krankheiten wie Diabetes, die von bestimmten Nährstoffen teilweise mehr benötigen. Nicht umsonst sprechen wir bei Alten, aber auch Kindern nicht mehr nur von Armut, sondern von Ernährungsarmut.

Ist die tägliche Einnahme von Vitaminen, Mineralien und Omega-3-Fettsäuren eine gute Idee?
Ich würde dazu nicht generell ­raten, auch wenn es wohl nicht schadet. Empfehlenswert ist die Supplementierung aber für ­Kinder, die vegan essen müssen, für Senioren, die weniger als 1500 Kilokalorien täglich zu sich nehmen, und für chronisch kranke Menschen. Wichtig ist, nicht einzelne Vitamine zu schlucken, sondern Kombipräparate. Wer nicht zu diesen Gruppen gehört und eine ausgewogene Ernährung nicht hinbekommt, ist auf dem Holzweg, wenn er es mit Supplementen angehen will. Besser wäre, im Schrebergarten Gemüse, Obst und Salat anzubauen.

Spürt der Mensch intuitiv, wenn ihm Mikronährstoffe fehlen?
Nein. Wir haben keinen Hunger danach, sondern nur nach Nahrungsmitteln, die uns sättigen. Das Gehirn verlangt nach Energie und geht davon aus, dass das Energieangebot über Fett, ­Eiweiss und Kohlenhydrate so bunt ist, dass damit auch alle Mikronährstoffe vorhanden sind. Im Zuge der Evolution war dies der sicherste Weg.

Worauf sollten Menschen achten, die bestimmten Diäten folgen?
«Low Carb» ist extrem fettreich. Vegetarier bekommen oft zu wenig Eisen und Zink. Die Anhänger glutenfreier Ernährung verzehren mehr Reis und nehmen damit ungewollt Arsen, Blei und Cadmium auf. Diese drei Werte sind bei ihnen im Blut deutlich erhöht. Bei jenen, die viel Fisch aus Küstennähe essen, findet man erhöhte Quecksilberwerte. Das ist besonders in der Schwangerschaft unerwünscht.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.09.2018, 18:19 Uhr

Hans Konrad Biesalski erforscht seit 30 Jahren die Bedeutung von Mikronährstoffen. Der Deutsche ist Professor für Ernährungswissenschaften. Bis 2016 leitete er das Institut für Biologische Chemie und Ernährungswissenschaft der Universität Hohenheim und war Direktor des dortigen Food
Security Center. Er, der auch ein Medizinstudium abgeschlossen hat, veröffentlichte Bücher wie «Taschenatlas Ernährung» oder «Der verborgene Hunger»

Artikel zum Thema

Ist es stilvoll, vegan zu leben?

Leser fragen Die Antwort auf eine Stilfrage zu einer ostentativ zelebrierten Ernährungsform. Mehr...

Veganer, wo seid ihr?

Die Bewegung derer, die ganz auf tierische Produkte verzichten, hat etwas an Schwung verloren. Dennoch: Das Image der Veganer hat sich grundlegend verändert. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Werbung

Fussballinteressiert?

Hintergrundinformationen, Trainerdiskussionen und Pseudo-Expertentum vom Feinsten.

Die Welt in Bildern

Kultur für Kleine: In Dresden öffnet die erste Kinderbiennale in Europa. Anders als sonst im Museum, kann und darf hier selbst gestaltet und mitgemacht werden. (21. September 2018)
(Bild: Sebastian Kahnert/dpa) Mehr...