Das Leiden der Gänse

Eine Tradition allein taugt nicht als Rechtfertigung.

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Wären Traditionen unantastbar, gäbe es weder Parlamente noch Naturwissenschaften. Kinder würden an Pocken sterben. Wir glaubten, dass sich die Sonne um die Erde dreht.

Das alles hat dem Ansehen der Tradition kaum geschadet. Sie dient bis heute als beliebte Abwehrwaffe gegen Neuerungen. Zum Beispiel beim Tierschutz. Die Schweiz hat das Stopfen von Gänsen bereits 1978 verboten, nun möchte SP-Nationalrat Mathias Aebischer auch die Einfuhr von Stopfleber untersagen. Der Nationalrat stimmte ihm zu. In der Romandie, wo Gänseleber während der Weihnachtszeit als Spezialität genossen wird, kommt die Forderung hingegen schlecht an. Nun sieht es so aus, als ob der Ständerat das Importverbot für Stopfleber ablehnt. Das Hauptargument der Romands lautet dabei: Bei Foie gras handle sich um eine «jahrhundertealte kulinarische Tradition».

Es geht auch ohne Zwangsmästung

Dieser Verweis allein ist noch kein Argument. Moderne Demokratien lassen Traditionen nur dann gelten, wenn sie gewisse ethische Standards erfüllen. Darum haben wir Folter, Kinderarbeit, Prügelstrafen oder das Restaurantrauchen abgeschafft – obwohl sich deren Befürworter auf eine lange historische Praxis berufen konnten.

Bei der Stopfleber ist die Frage einfach: Lohnt es sich, für einen angenehmen Reiz im Gaumen das wochenlange Leiden von Gänsen in Kauf zu nehmen? Wer diese Frage bejaht, rechtfertigt mit dem eigenen Genuss fast alle Qualen. In dieser Logik könnte man genauso gut sagen: Ich darf ein Tier zu Tode prügeln – einfach weil es mir Spass macht. Das widerspricht unseren moralischen Grundsätzen, deren Ziel darin besteht, möglichst viel Leid zu verhindern.

Dazu kommt: Foie gras lässt sich offenbar auch ohne Zwangsmästung heranfüttern. Die Spezialität wird dabei teurer, weil die Leberverfettung mehr Zeit beansprucht. Doch wer eine Tradition wirklich schätzt, sollte bereit sein, viel dafür zu zahlen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.10.2017, 19:39 Uhr

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